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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-15 · Heft 33 (15.8.1871) · p. Seite 668

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 33 (15.8.1871)
Date
1871-08-15
Page
Seite 668 (sequence 20)
Language
German
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668 Träume und Spiele und beleuchtet sie, die unbewußt aus seiner innern Natur geflossen, mit den Fackeln des Verstandes, wodurch sehr häufig unheimliche Zaubergestalten zum Vorschein kommen und es bewährt sich so ein ewiges Gesetz der Natur auch an den geistigen Erzeugnissen der Menschen. Wie in der Natur der Stofs in steten Wandlungen begriffen ist und jede Auflösung zu Neubildungen führt, so wird die Sage und die Sitte, wenn sie ihre positive Bedeutung eingebüßt, zu satyrischen Gestaltungen verwendet, und sie verzehren sich so in ihrem eigenen Feuer. Eine solche auslösende, zersetzende Strömung bemerken wir in der hebräischen Literatur in Rußland und sie zeugt eben von dem frischen Wehen der Zeit und von der unverwüstlichen Lebenskraft der hebräischen Sprache, die noch im hohen Alter lebensfähige Sprößlinge hervorbringt. Es ist nicht ein kinderhaftes Nachlallen alter, ver-, klungener Weisen, das uns aus den Aesten des tausendjährigen Baumes entgegenschallt; es ist nicht ein leerer Wiederhall fremder Melodien, der durch die riesigen Zweige rauscht; es ist ein freier frischer Sang, der an neckischen und satyrischen Ausfällen reich ist; es ist, man möchte es fast sagen, eine lebendige Lolkspoesie mit ihrem tiefernsten und launenhaften Wesen. Beispielsweise mögen hier erwähnt sein die trefflichen Sittenromane Mappo's, der jetzt erscheinende, das ganze russische Leben umspannende, verdienstvolle Roman '3^3 -rinn (Lebensirrungen von P. Smo° lensky), wie auch die herrlichen Fabeln eines so begabten Dichters wie Gordon. Sie alle zeichnen sich durch die innigste Durchdringung des jüdischen Bolslebens, wie durch eine selbstständige Entfaltung in inhaltlicher und sprachlicher Hinsicht in hervorragender Weise aus. Ein ebenfalls dieser Richtung angehöriges Gedicht liegt uns vor bnp*) („Die Versammlung der Hingeschiedenen", ein satyrisches Gedicht in 16 Gesängen von M. L. Lilienblum), dessen Verfasser als Gelehrter und Kritiker wohlbekannt, uns jetzt auck mit der reifen Frucht seiner Muse überraschte, und wir freuen uns die geschätzten Leser auf diese Erscheinung Hinweisen zu dürfen. (Schluß folgt.) *) Odessa bei Belihnsohn 1870. Vermischtes. fDer Befehl zur Hinrichtung Iesu.j In der Sammlung von Manuscripten und Documenten, welche beim Brande des erzbischöflichen Palastes in Bourges vernichtet wurden, war wohl eins der interessantesten ein Actenstück, welches persönliches Eigenthum der Familie de Latour d'Auvergne war und nichts Geringeres als den angeblichen Befehl zur Kreuzigung Jesu Christi enthielt. Das Actenstück lautete folgendermaßen: „Jesus von Nazareth, vom jüdischen Stamme Juda, des Betruges und der Rebellion gegen die göttliche Autorität Tiberius Augustus, des Kaisers der Römer, überführt und wegen dieses Sacrilegiums über Verfolgung unseres Herrn, Herodes, Stellvertreters des Kaisers in Judäa, durch Spruch des Richters Pontius Pilatus zum Tode am Kreuz verurtheilt, soll morgen früh, am 23. vor deu Jdus des März, unter Begleitung einer Abtheilung der Prätorianer-Garde zum gewöhnlichen Hinrichtungsplatze geführt werden. Der sogenannte König der Juden soll durch das Struneanische (?> Thor hinausgeführt werden. Alle öffentlichen Beamten und Unterthanen des Kaisers sind angewiesen, der Ausführung dieses Urtheilspruches ihre Unterstützung zu leihen. — Jerusalem, 22. vor den Jdus des März A. U. 783. Capel." (Es versteht sich, daß dieses Document untergeschoben ist, und durchaus nicht die geringste Glaubwürdigkeit in Anspruch nehmen kann. Jndeß beweist es doch, daß die Ansicht, die Hinrichtung Jesu sei nur von den Römern und zwar aus politischen Motiven geschehen, eine Ansicht, welche wir in unserer bekannten Broschüre erwiesen zn haben glauben, schon'eine sehr alte und in der christlichen Welt selbst vorhandene gewesen ist. Redact.) Unter den polnischen Juden, die längs der Weichsel bei ihren Getreidehaufen, ihren Holztrachten liegen, streichen Boten der innern Mission mit Tractälchen herum, in deutscher Sprache, aber mit jüdischen Buchstaben geschrieben, wie „Meschiach ben David", „Beweis, daß Jesus von Nazareth der Messias ist" und dergleichen. Ich war, so heißt es in einem Bericht der „Ostbahn" aus Danzig, da ich wußte, wie orthodox diese Art Leute sind, erstaunt, sie derartige Tractate nehmen zu sehen. Auch ich ließ mir einige geben, und bat einen der Polen mir den Titel vorzulesen, erhielt aber die Antwort: „Mer' toren (dürfen) das nischt." Nun und Ihr nehmt es doch? „Mer warten blos, bis er weg ist, dann schmeißen mer's in Wasser, daß es soll kriegen ken Ander." Also die innere Mission dürfte bei diesen Leuten mit ihrer Seelenfängerei kein allzu glänzendes Geschäft machen und ihre Agenten könnten sich die Mühe ersparen, die ihnen doch nichts einbringt, alS aus gelacht zu werden. Uebrigens suchen sie sich dadurch einzuführen, daß sie hebräische Gebetbücher und Bibeln zu Spottpreisen verkaufen. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. D. Hirfchfcld. Verantwortlicher Redacteur Or. H. Vofce.

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