Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1871)
- Date
- 1871-08-15
- Page
- Seite 666 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226832--29766-3252619- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
666 Emst, da hielt man es für schimpflich, Euch zum Fahnendienst zu werben, Jetzt ist's Euch vergönnt zu kämpfen und für's Vaterland zu sterben; Doch im Land, für das der Bater siel im blutigen Gefecht, Kämpft und sicht der Sohn vergebens um des treuen Bürgers Recht. Nimm, o Herr, mein Gold und präge drauS die schönste Krone dir, Schmiede Schilde draus und Schwerter, naht ein frecher Räuber ihr, Wahr damit die Heilgen Rechte deinem fürstlichen Geschlecht, Doch als Zins bau meinem Volke von den Rechten auch ein Recht. — Sagt, Ihr alten bärtgen Juden! sagt moderne Israeliten, Wer von Beiden ist wohl weiter in der Freiheit vorgeschritten? Alte, lasiet Euch rasiren, Junge, wachsen Euren Bart, Und kein Mensch kann unterscheiden, was Ihr seid und was Ihr war't. Nimm mein Gold und baue Bahnen durch das schöne Vaterland, Lege so um's Wohl der Völker eng und fest das Eisenband; Doch als Zins bau' meinem Volke einen kleinen schmalen Steg, Denn es findet zu der Freiheit immer nicht den rechten Weg." An Rothschild. 1847. (Hiob Kap. 4, V. 2.) Reicher Pflanzer, kluger Sämann, der du rings Millionen säst, Und am Tage deiner Saaten schon Millionen Zinsen mähst. Großer Mann, dem sich die Fürsten huldigend und schmeichelnd naha, Sprich, was hast du für die Freiheit deines Volkes je gethan? Schlage mit dem goldnen Stabe — fei ein Mose unsrer Zeit, Der die Quelle in der Wüste aus dem harten Fels gefeit — Schlage an das Herz der Fürsten, daß draus sprudle frisch und hell Für dein Volk, das lange schmachtet, goldner Freiheit süßer Quell. Sieh, du trittst so groß und mächtig in den Rath der Fürsten ein, Legest in Europa's Waage das Metallgewicht hinein, Ach, wie war's so schön, so herrlich, tratst du hin vor einen Thron, Sprächst du dort mit deiner Stimme allgewaltgem Silberton : „Herr, was soll der Glanz der Sterne hier auf deines Dieners Brust? Bin ich doch der Nacht, der finstern, meines Volkes mir bewußt; Freiherr nennt mich deine Gnade, doch wie schmerzt es mich dabei, Daß des Freiherrn armer Bruder noch ein Knechr deS Knechtes fei! Trete so zum Fürstenthrone, ehe der Posaunenton Eines ewigew Gerichtes dich noch ruft vor Gottes Thron, Eh des Weltgerichtes Donner mit der großen Frage nahn: „Sprich, was hast du für die Freiheit deines Volkes je gethan?" Nach Westen. Seht, er betet nafien Auges, schlägt die Brust mit dürrer Hand, Leib und Seele sehnsuchttrunken nach dem Osten hingewandt. Und ein hoffnungsvolles Träumen schwebt um's faltge Angesicht, Wie die grüne Epheuranke sich um morsch Gemäuer flicht. Schwacher Greis, was stiert dein Auge ewig nur nach Osten hin? Träumst du wohl von deiner Wiege, willst du in die Heimath ziehn? Ach zertrümmert liegt die Wiege, aus den Trümmern hat die Zeit Einen Todtenschrein gezimmert deiner Erdenseligkeit. Oder harrst Du, bis im Osten .beine Sonne dir erwacht- Ach, da will kein Morgen dämmern, kalt und finster ist die Nacht. Blick nach Westen! Gott, der einstens ließ die Sonne stille stehn, Läßt dir deine Sonne leuchtend jetzt im Westen aufergehn.