Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1871)
- Date
- 1871-08-15
- Page
- Seite 665 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Judenthums. Femilttotl-Leilage zu Rr. 33. Leipzig, den 15». August 1871. Di*. Woüfritb Schmelles, Arzt zu Teplitz. iLchlttß.) Der polnische Jude. 1880. „Zu>n Frciheitökamps, zum Wasseutanze!" So schallt eö donnernd an mein Ohr. Was kümmcrt'S mich! schwingt auch die Lanze Schon der Kosak vor Warschaus Thor. Als Sklaven hallet Ihr mich fest gebunden, Wenn Sieg auch eure Kelle bricht; Ihr theilt mit nur deö Kampfes Wunden, Die Beule Freiheit theilt Ihr nicht. Ob Pole oder Russe blute, Ob Kailerthum, ob Königreich, Jst'ö nicht der Stock, so ist'ö die Knute, Und wer mich schlägt, das gilt mir gleich. Mir gilt eö gleich, ob meine Zähre Der Schnee Sibiriens verscharrt, Ob sie, die ich daheiin verlöre, An eures Herzens Eiö erstarrt. Ihr wollt zum FreiheitSkamps nlich zwingen, Ihr drlickt ein Schwert in meine Hand, Soll ich siirö Vaterland eö schwingen, So gebt mir erst ein Vaterland. Ein Vaterland, wo meine Söhne Sticht Glaubenshaß verfolgt, verpönt, Ein Baterland, wo meine Thräne Man nicht mit bittrem Spott verhöhnt. Ich habe keinü — drum zieht, ihr Brüder, Allein zum blutigen Gefecht. Kehrt ihr als freie Männer wieder, So bleib ich dennoch euer Knecht. Erlieget 'Ihr deö Feindeö Stärke, Verblutet sich daö Königreich, Dann baut man neue Festungswerke, Die bau ich mit — für mich und Euch! Prag. 13H. Sagt, Ihr alten bärtgcn Juden! sagt moderne Israeliten! Wer von Beiden ist wohl weiter in der Freiheit vorgeschritten? Hat deö Zeitgeistö Dampfmaschine endlich vorwärts Euch gebracht, Oder Euch zurückgeschlcudcrt in die alte finstre Nacht? Einst, da mußtet Ihr, am Rocke, All ein gelbes Fleckchen tragen, Anders ist es wohl geworden, besser nicht in unfern Tagen, IeneS Fleckchen an dem Rocke ward durch einen Fleck erseht. Doch den Fleck der Schmach den tragt Ihr, leider, an der Stirne jetzt. Aus fctii finstern Sy nagen schollen einst verworrne Sänge, Heute schallen auö den Tempeln Ehorgesang und Orgelklänge, Reue Melodiken hör ich, aber noch daö alte Lied: „Herr erbarm dich deines Bottes; denn eö ist der Kechtschast müd!" In daö schmuzge Iudenviertel ließ man einst euch Alien schließen, Doch Ihr konntet bei dem Lämpchen euer Brod in Ruh genießen; Heute zieht Ihr in Paläste, doch die Ruhe zieht nicht ein, Denn es schielt der Neid, der gistge, durch daö Schlüsselloch hinein.