Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1871)
- Date
- 1871-08-15
- Page
- Seite 660 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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existire in Jassy.ein Lehrstuhl, von wo solcherlei Jveen propagirt werden. Der verstorbene Barnutz habe Schüler hinterlassen; diese Schüler, heute Professoren, befördern Ideen behufs des Sturzes der gegenwärtigen Lage der Dinge. Don den Theorien dieser Herren Professoren citirt Herr Major escu die drei wesentlichsten, nämlich die gegen die fremden Fürsten, gegen das Eigenthum und gegen die Israeliten. Redner begreift nicht, wie der Staat naiv genug sein könne, solche Lehrer zu bezahlen. Er spricht ferner über die sogenannte „freie und unabhängige Fraction," die antidynastisch sei und antidynastische Ideen zu verbreiten suche. Diese Fraction vertheidige und befördere, unter der Maske des Nomanismus, die civilisationsftindlichsten Ideen, so z. B. gegen die Juden; er zeigt dann die commumstischen und socialistischen Tendenzen einiger Professoren in Jassy, und schließt mit der Bemerkung, daß, wenn auch jene Tendenzen jetzt, wo kein Proletariat in unserem Lande besteht, keine besonders schlimmen Folgen habe, dieselben doch späterhin bei einer fKofferen Ausbildung des- Abstandes zwischen Arm und Reich, dem Staate wohl gefährlich werden könnten. Die Rede des Herrn Majorescu ist von zahlreichem Beifall begleitet. „Herr C. Bolliac versucht begreiflich zu machen, daß die communistischen und socialistischen Ideen aus einem auf den Kopf gestellten Cosmopolitismus entspringen. Er wolle nicht, daß irgend ein Unterschiede gemacht werden zwischen Mensch und Mensch, zwischen Christ und Jude, welch letztere Eigenschaften besitzen, die kein anderer Mensch habe noch haben könne." Rußland. St. Petersburg, im Juli. (Privatmitth.) In der russischen Tagespresse wird die Frage wegen der Freizügigkeit der Juden, namentlich im Hinblick auf die Ueberfüllung der westlichen Provinzen und die aus derselben sich ergebenden traurigen Eonsequenzen, gegenwärtig sehr lebhaft besprochen, jedoch, wie wir leider hinzufügen müssen, nicht*) mit der vorurtheilslosen *) Eine rühmlicke Ausnahme davon machen, wie beritS in d. Bl. erwähnt, die „Nowosti", welche sich durch ihre energische Verteidigung der Juden gegen Unparteilichkeit und dem wohlwollenden Sinne, auf welche sowohl die Wichtigkeit des Gegenstandes, wie die Gesellschaftsclasse, um deren Wohl und Wehe es sich handelt, mit vollstem Rechte Anspruch machen dürfen. Die Herren Journalisten haben, von allem Comfort des Lebens umgeben an ihrem Schreibtische sitzend, es sehr leicht zu moralisiren und über die vielerlei Gebrechen zu declamiren, die den Juden des russischen Reiches anhaften. Ist dies aber gerecht und human? Sind nicht die Gebrechen die natürlichen Folgen des beispiellosen Elends der großen jüdischen Masse, und das Elend wiederum die Folge der beispiellos unmenschlichen, entehrenden Behandlung, die den Juden Jahrhunderte hindurch mit systematischer Grausamkeit, mit staunenswerthem Raffinement zu Theil wurde? Von den öffentlichen Unterrichtsanstalten ausgeschlossen, von allen würdigeren Beschäftigungen zurückgedrängt, der Bekehrungswuth der Geistlichen, den Erpressungen des Adels und der Beamten, dem Fanatismus des Pöbels, dem rohen Spott jedes Gassenjungen preisgegeben, auf Schritt und Tritt verhöhnt und verfolgt, in jedem Augenblicke in Lebensgefahr schwebend, sollen die Juden, und die Juden allein — denn an andere Confessionen und Nationalitäten werden derartige Ansprüche nicht erhoben! — Engel geblieben sein? An ihnen darf sich kein Makel zeigen? Wollt Ihr wahr und gerecht sein, Ihr Herren Moralisten und Patrioten, müßt Ihr Euch nicht vielmehr darüber wundern, daß der Jude überhaupt noch menschlicher Regungen, fähig und nicht schon längst dem Dumpf- und Sumpfsinn verfallen ist? Daß er im Gegentheil noch so viele Tugenden, ein schönes Familienleben, einen rührigen Geist, eine nie erschlaffende Energie sich bewahrt hat? Und doch habt Ihr den traurigen Muth, über die Juden mit Uebelwollen zu Gericht zu sitzen, ihre kleinen und kleinsten Fehler, die Ihr oft noch vergrößert und übertreibt, zu Zeugen gegen sie anzurufen, sie als eine Classe von Menschen darzustellen, die zu nichts zu brauchen sei, ja dem Lande zum Nachtheil gereiche? Pfui, schämt Euch Eurer Engherzigkeit, Eures beschränkten Blickes, Eures kleinlichen, eines Menschen unwürdigen Denkens und Fuhlens! Fangt endlich an einzusehen, wie schwer Ihr Euch und Eure Väter und alle falschen Anklagen und Verleumdungen nicht nur jene selbst, sondern jeden wahren Menschenfreund zu lebhaftestem Dank verpflichten.