Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1871)
- Date
- 1871-08-15
- Page
- Seite 656 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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656 Art Instinct ist. Es kann eben für den Juden zwischen Bildung und Unbildung, zwischen Fortschritt und Rückschritt keine Wahl sein; wo das Licht ist und die Aufklärung, da ist der Jude anzutreffen. Und daß die Deutschen diejenigen Elemente Oesterreichs bilden, die dem Fortschritt vorzugsweise huldigen und die Bildung hegen und Pflegen, daran kann füglich kein Zweifel walten. Nicht die Aussicht auf Gewinn, auf Hebung ihrer Stellung, welche die Juden von den Deutschen erwarteten, drängt jene zu diesen hin, denn die Deutschen sind die letzten, die den Juden gegründete Hoffnung auf vollständige Gleichstellung im Staate und im Leben erweckten. Aber Bildung und Fortschritt sind auf Deutschlands und auf der deutschen Seite, darum müssen sie die Juden für sich einnehmen, die auch willig sich an sie anschließen, wenn sie gleich volle Anerkennung und Gleichstellung erst von einer späteren Zeit zu erwarten haben. Man hat noch viel zu wenig diese Stellung, ich möchte sagen, diese Culturmission der Juden in Oesterreich hcrvorgehoben und gewürdigt. - Und noch nach einer anderen Seite möchte ich diese Thatsache verwerthen. Lange genug hat man den Juden Feigheit vorgeworfen, möge man heute endlich einmal schweigen mit diesem geschichtlich nichts wertiger als berechtigten Vorwurf. Die Juden haben noch immer gezeigt, daß sie ihr Bestes einzusetzen entschlossen sind für das, was sie einmal ins Herz geschloffen haben. Das zeigt sich wieder einmal so recht deutlich auch in dieser Sache. Es liegt eine nicht geringe Energie darin, daß die Juden der deutschen Sache inmitten von Gegenden sich anschließen, die eine durchaus slavische Bevölkerung haben. Ja, sehr oft haben sie bereits die Folgen dieser ihrer Entschiedenheit für die deutsche Partei bitter fühlen müssen. Das Vereinigungswesen, das in dem eben aus der Uucultur sich emporwindenden Slaventhum sich breit macht, hat bereits seine Spitze gegen die Juden gekehrt, indem es sie in ihren Handelsinteressen zu schädigen strebt, was ihm aber mehr oder weniger bis jetzt mislungen ist. Auch dadurch lassen die Juden sich nicht abschrecken, daß man nur zu oft auf sie losschlägt, wo man die Deutschen meint. Mögen sie auch fernerhin durch nichts in ihrem wackeren Mühen sich beirren lassen, möge auch den Juden das Brünner Kreisturnfest gezeigt haben, welch eine große, mächtige Partei diejenige ist, der sie angehören. Algerien. Paris, im Juli. Unsre Leser werden sich erinnern, daß die Delegatton der Regierung der Nationalvertheidigung zu Tours am 24. October 1S70 ein von Hrn. A. Crvmieux unterzeichnetes Decret erlassen hat, durch welches sammtliche eingeborene Israeliten Algeriens für naturalisirte Franzosen erklärt und ihnen als solchen die Pflichten und Rechte französischer Bürger beigelcgt wurden. Bis dahin war diese Naturalisation nur eine facultative gewesen; auch waren aus diesem Verhältnis öfter sehr schwierige Proccsse entstanden, da nicht selten das mosaisch-talmudische nnd das französische Recht in Concurrenz kamen. Die Negierung der Nationalvertheidigung hatte wohl auch bei diesem Decret die Absicht, bei dem bereits ausgebrochenen Aufstande der Araber die jüdische Jugend zum Militärdienst zu benutzen, da die französischen Kräfte in der Colonie zeitweilig sehr schwach waren. Dies nahmen allerdings die Muselmänner in den Städten — denn die Stämme außerhalb der Städte waren bereits in Hellem Aufruhr — sehr übel auf, es entstanden Tumulte, welche auf Mißhandlung und Plünderung der Juden hinausliefen, und die Behörde sah sich veranlaßt, die jüdische Miliz vorläufig wieder zu entwaffnen. Seitdem wurde die Naturalisation der eingeborenen Israeliten Algeriens eine der vielen für Frankreich - bestehen Fragen, welche auch alsbald eine faßbare Gestalt annahm. Bekanntlich hat die gegenwärtige Nationalversammlung zu Versailles eine Commission ernannt, welche die von der Regierung der Nationalvertheidigung erlassenen Decrete zu untersuchen und deren Aufhebung oder Aufrechterhaltung bei der Na-, tionalversammlung zu beantragen habe. Sofort trat ein Herr du Bouzet, ehemals Präfect von Oran und hierauf außerordeutlicher Commissarius in Algerien, mit einer Petition an die Nationalversammlung auf, in welcher er in schärfster Weise die eingeborenen Israeliten kritisirte und die Zurücknahme jenes DecretS verlangte. Als wir in d. Bl. hiervon Notiz gaben, bemerkten wir, daß uns die Sache noch unverständlich fei, und wir das Nähere abwarten wollten. Die klerikalen Blätter traten mit gewohntem wilden Geschrei gegen die Juden auf; zu ihnen gesellten sich aber auch sehr liberale Journale, wie z. B. der Temps. Hiermit hat denn allerdings diese Angelegenheit eine allgemeine Be-