Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1871)
- Date
- 1871-08-15
- Page
- Seite 655 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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655 Sonnenburg. 4. August. (Privatmitth., Der hiesige Magistrat hat in Uebereinstimmung mit den Stadtverordneten Herrn Benny Burchardt, früher Stadtrath in Landsberg a. d. Warthe, wegen seiner Verdienste um seine Vaterstadt zum Ehrenbürger ernannt und das desfallsige Diplom in prächtiger Ausstattung ihm übergeben. Stuttgart, 16. Juli. In der eben geschlossenen Session der Abgeordnetenkammer wurde ein Dissidentengesetz einstimmig angenommen. ' Es wird nun weiter berichtet: „Nicht dieselbe Einmüthigkeit herrschte aber in Betreff einer dem Gesetz angehängten, von der Commission beantragten Bitte an die Regierung, die Christen- und Judenehe im Auge habend, welche bis jetzt in Württemberg noch nicht gestattet ist, durch diese Bitte aber auch zulässig gemacht werden soll. Die Bitte geht ihrer Fassung nach dahin, „zur gesetzlichen Einführung des Grundsatzes, daß die Religionsverschiedenheit zwischen Christen und Nichtchristen kein bürgerliches Ehehinderniß bilden solle, die geeigneten Einleitungen zu treffen." Gegen diesen Antrag erhob sich die evangelische wie die katholische Geistlichkeit in der Kammer. Ein evangelischer Prälar meinte, die Anschauungen des Volkes seien derselben entgegen und selbst die Juden wollen sie nicht. Der katholische Domcapitular verwarf den Antrag im Interesse der öffentlichen Gesellschaft. Aber der Canzler der Universität befürwortete den Antrag, weil diese Ehe ein Act der Gerechtigkeit sei, und der Abgeordnete Pfeiffer (Bruder des württembergischen Consuls in Wien), der erste Israelit, welcher bis jetzt in die württembergische Abgeordnetenkammer gewählt wurde, widersprach dem Prälaten, indem diese Ehe j'gerade den Anschauungen der Mehrheit des Volkes entspreche und von den Juden sie nur die kleine Zahl der Orthodoxen und Altgläubigen verwerfe. Der Cultusminister erklärte, die Regierung habe in der Frage noch keinen Beschluß gefaßt. Der Antrag wurde mit 61 gegen 18 Stimmen angenommen. Mit Nein stimmten nur fünf ritterschaftliche Abgeordnete, sechs Geistliche beider Confessionen und sieben vom Volke gewählte Abgeordnete. Zu bemerken ist dabei noch, daß schon früher bei dem Gesetz über die Einführung der saeultativen Civilehe (die obligatorische haben wir noch nicht), die für solche Fälle besteht, wo die Geistlichkeit die kirchliche Trauung verweigert, von der zweiten Kammer auch diese Ehe mit ausgenommen werden wollte, was aber damals durch den Einfluß des evangelischen Prälaten bei der Regierung scheiterte. Daß solche Ehebündnisse aber in Wirklichkeit bestehen, konnte dadurch nicht verhindert werden. Nur herrscht jetzt die Nothwendigkeii noch vor, daß die Nupturienten sich in Baden oder einem andern deutschen Staate, wo sie gestattet ist, bürgerlich machen und trauen lassen, im Uebrigen aber auf Grund des freien Niederlassungsrechts und der Gewerbefreiheit doch in Württemberg wohnen bleiben und ihre Geschäfte betreiben. Sie werden also nur zu unnöthigen Geldausgaben gezwungen, ohne daß die Sache anders wird." Oesterreichifchungarische Monarchie. Aus Mahren, 4. August. (Privatmitth.) ES war ein schönes, erhebendes Fest, das am 29., 30. und 31. Juli zu Brünn, der mährischen Hauptstadt, gefeiert wurde. Weit hinaus über die gewöhnliche Bedeutung eines Kreisturnfestes geht das, was mit diesem Feste erreicht wurde. Wir möchten hier nur Eines zum Ausdruck bringen, was jedem aufmerksamen Beobachter sich aufdrängen mußte. Eine überraschend große Zahl der Festtheilnehmer waren Juden. Nicht auf Rechnung der bloßen Neugierde, der Schauenslust läßt diese Thatsache sich schreiben. Waren doch Juden als Zuschauer nicht allein da, vielmehr gehörte der größere Theil derselben den eigentlich thätigen Festgästen an. Da sah man jüdische Gesangvereine, jüdische Turner, ja Obmänner und Chargen von Turnerfeuerwehren. . Warum sieht man nicht bei. den Festen der Slaven, daß die Juden sich dabei zusammenschaaren, wenn es nur Neugierde ist, was sie dazu treibt? Aber nein! Es ist tiefe Theilnahme, inniger Eifer für die deutsche Sache, was die Juden bei solcher Gelegenheit an den Tag legen. Die Thatsache steht unbestritten fest: die Juden in Mähren sind deutsch. Das zeigt sich bei jeder Gelegenheit, so bei den Wahlen, wo sie ein ausschlaggebender Factor sind, wenn man den deutschen Candidaten durchbringen will. Fragt man nach dem Grunde dieser Erscheinung, so möckte die beste Antwort wohl die sein , daß diese Anhänglichkeit der Juden an das Deutschthum eine