Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1871)
- Date
- 1871-08-08
- Page
- Seite 646 (sequence 18)
- Language
- German
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646 aller seiner Mitbürger sich in einer seltenen Weise kundgab. Die Glocken wurden geläutet, alle öffentlichen Gebäude trugen schwarze Trauerfahnen, alle Kaufläden waren geschloffen, die ganze Bevölkerung war zugegen. Der Kreis-Rabbiner Pick gab der allgemeinen Trauer beredten Ausdruck. Unter den in dem poetischen Nachlasie abgevruckren Gedichten befindet sich eine Reihe solcher, in welchen Schmelkes die Erinnerungen an das Ghetto, in welchem er geboren, an die schmerzlichen Stimmungen in seinem väterlichen Hause , sowie die eigene Entrüstung über die noch immer währende Knechtung seiner Glanbensgenoffen sich aussprachen. Diese Lieder sollten 1847 anonym im Auslande erscheinen und hätten gewiß eine starke Wirkung hervorgebracht. Es verzögerte sich und das Frühjahr 1848 brachte eine Umwandlung der Verhältniffe, namentlich in Oesterreich mit sich, oder bahnte sie an, so daß die Herausgabe dieser Gedichte, weil zum Theil gegenftandlos geworden, aufgegeben ward. Jndeß scheinen uns die meisten dieser, für Juden und Judenthum streitenden Gedichte von solchem Werthe, daß wir dem Herausgeber für die Erhaltung derselben den herzlichsten Dank sagen, sowohl dem verewigten Schmelkes aber, als auch der allgemeinen Sache es schuldig zu sein glauben, sie hier, mit Ausnahme einiger, die uns weniger gelungen scheinen, wiederzugebcn und ihnen dadurch eine größere Verbreitung zu verschaffen. Wir meinen, daß die Zeit, in welcher die in ihnen berührten Zustände in beklagenswerther Weise immer noch vorhanden sind, für bedeutende Länderstriche durchaus noch nicht vorüber ist, und selbst abgesehen hiervon, können sie als geschichtliche Zeugnisse für aufbewahrungswerth erachtet werden. Sie sind so tief gefühlt und haben oft einen so glücklichen Ausdruck gefunden, daß sie jeden Leser in aller Zeit ergreifen werden und für den Verfasser ein ehrenvolles Denkmal bleiben. Des Sängers Lied. 1847. Wo seid ihr hin, ihr schönen goldnen Zeiten, Wo noch der Sänger zog von Schloß zu Schloß, Wo er beherzt ins freie Spiel der Saiten Der Seele Gram, den tief verborgnen, goß! Der Rose gleicht das Herz am Fürstenthrone, Dem Thränenthau erschließt sich gern die Krone. Sie saugt ihn auf und haucht dafür zum Lohne Den Balsamduft au8 ihrem Schooß. Ach. blühte noch die goldne Zeit, ich zöge In jene Burg, die rings voll Reben lacht, Bei der, daß ihr kein Leid geschehen möge, Sanct Stephans Dom, der Glaubensriese, wacht; Dort schlägt ein Fürstenherz zum Völkersegen, Millionen Herzen schlagen ihm entgegen, Dürft' ich die Hand an meine Harfe legen, Ihm hätt' ich dieses Lied gebracht: „Wie schön, o Herr, wie himmlisch schön durchschlingen Des Herzens Blüthen deines Lorbeers Reis! Wie treu dafür die Völker dich umringen, So sitzt ein Vater in der Kinder Kreis. Ein einzig Kind steht einsam, schambefangen — Wie steht's so fern — von Gram gebleicht die Wangen — Wie schwer die Thranen an den Wimpern hangen — Ob das der gute Vater weiß? Israel ist's — o schenk auch ihm Erbarmen! Verhöhnt, verspottet steht's am fremden Herd, Nicht schämen brauchst du dich des Kinds, des armen, Das dich nicht minder liebt, nicht minder ehrt. Hat doch dieselbe Mutter es geboren, Hat's doch einst Gott zum Liebling sich erkoren, Und wem ein Gott einst Liebe zugeschworen, Der ist der Menschenliebe werth. Es ist mein Volk — wie lange soll's noch dienen, Von Schmach gebrandmarkt, als des Knechtes Knecht? Kann tausendjähr'ger Schmerz die Schuld nicht sühnen Von einem längst vermoderten Geschlecht? Wie lang noch soll's gespannt am Pfluge stehen, In fremde Scholle bittre Thranen säen, * Wie lange noch mit wunden Händen flehen Um Freiheit, Schutz und gleiches Recht? „Ein Fremdling bleibt dein Volk", so hör ich sagen, „Im Vaterlande wurzeln will es nicht!" Wie soll der Baum im Lande Wurzel schlagen, Fehlt's ihm an Thau und Luft und Sonnenlicht? Wenn er des Himmels Segen erst genossen, Dann werden seine Wurzelarme sprossen, Drin hält er liebend dann sein Land umschlossen, Wenn auch der Sturm den Stamm zerbricht. „Es buhlt dein Volk um Mammons eitle Schätze, „Es lechzt nach Gold", so schmäht man's allerwärts, „Das gold'ne Kalb bleibt immer noch sein Götze, „Noch tanzt es trunken um den Gott von Erz!" Fürwahr! wie sollt es nicht das Gold verehren, Gold heißt sein Schild, die Pfeile abzuwehren, Der Schlüssel ist's zum Tempel seiner Ehren, Sein Balsam ist's sür's wunde Herz. Vergieb, o Herr! es irren meine Brüder Vergessen in der Wüste heißem Sand. Reich die Gebote deiner Liebe nieder, Vom Sinai deines Throns mit milder Hand. Nicht werden sie den Götzen mehr vergöttern, Das goldne Kalb, sie. werden es zerschmettern, Und jubelnd, wenn auch Stürme wettern. Dir folgen ins gelobte Land.