Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1871)
- Date
- 1871-08-08
- Page
- Seite 632 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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632 Ich kann mich daher nur den vorstehenden Erwägungen deS Herrn vr. H. anschließen, und füge hinzu, daß mir auch aus rein äußerlichen Gründen eine Gewährleistung des jüdischen Gesuches unthunlich scheint. Wird ihnen nur erst die Ertheitung des Religionsunterrichts in unserer Schulclasse gewährt, so wird bald mehr gefordert werden, fürchte ich, und wir haben daun alle Hauptgründe, solches zu wehren, bereits aus den Händen gegeben. Freictafsen namentlich im Sommer, werden sie uns dann schon namhaft machen. Die ganze Gemeinde aber würde mit ihrem .christlichen Bewußtsein Anstoß nehmen, und Collisionen der unerquicklichsten Art zwischen unsern und den jüdischen Kindern, werden schwerlich auf dem Schulhofe zu vermeiden sein, sowohl wenn der jüdische Religionsunterricht, als auch wenn noch andere Disciplinen von dem jüdischen Lehrer in unserm Schulgebäude getrieben würden, da, namentlich im Winter, die Unterrichtsstunden der Juden oft unmittelbar auf die unserer Kinder folgen würden, und somit eine Trennung unserer von den jüdischen Kindern auf dem Schulhofe nicht durchführbar sein würde. Ich bin daher auch der Meinung, daß das in Rede stehende Gesuch rundweg abzuschlagen sei. S. d. 14. Juli 1870. Schröder, Wenn der Herr Doctor die Schule mit der Kirche identificirre, so geht der Herr Pastor noch einen Schritt weiter, und hält sein eignes Haus, worin der Hochwürdige Herr wohnt, mit der Schule für identisch, und will in dieser verbieten, was er in jenem nicht dulden würde. Wir haben hier in nuce, was die gesammte klerikale Partei im Großen meint: die Schule gehört der Kirche und die Kirche dem Pastor, er allein hat daher über Kirche und Schule nach eignem Gutdünken zu schalten. Im Grunde hält er auch die ganze Stadt für sein Eigenthum und bestndet daher, daß die Duldung nicht weiter gehen solle, als den Juden zu gestatten, sich selber eine Stadt zu bauen. 2u der Thal sinden wir bei einem solchen Herrn Pastor dies schon über die Grenzen der höchsten Duldsamkeit hinaußgegangen, denn nach seinem Bewußtsein müßten die Juden eigentlich von Rechts wegen aus dem Lande vertrieben werden; denn im Grunde ist es ja gleich, ob sie in irgend einem Winkel oder in einem städtischen Schulzimmer den Stifter der christlichen Religion in seiner Eigenschaft als Messias und Gott nicht anerkennen. Diese Herren bilden sich nämlich ein, daß wir jüdische Lehrer nichts eifriger bei unsrem Unterrichte thäten, als über Christus und Christum zu sprechen und abzusprechen. Wir können ihnen das Gegentheil versichern; wir haben beim Unterrichte mehr zu thun; wir erwähnen jener kaum und auch dann nur mit Discretion, denn wir scheuen uns, in die Herzen der zarten Jugend schon Gegensätzlichkeit oder gar Feindschaft zu träufeln, und sie mit ihren christlichen Alierögenossen in Streit und gegenseitige Mißachtung zu bringen. DieS in die Seelen der Kinder zu verpflanzen überlaste wir Andern. Doch wollen wir noch Eines hervorheben. Der Herr Pastor hegt die zarte Besorgniß von Collisionen zwischen den christlichen und jüd. Schulkindern, wenn sie sich beim Beginne des jüdischen Religionsunterrichtes auf dem Schulhofe träfen. Er vergißt dabei ganz und gar, daß diese sämmlichen Schulkinder in allen übrigen Unterrichtsstunden bei einander sind und untereinander auf denselben Schulbänken sitzen. Sollte dies dem Herrn Pastor bei seinen Besuchen der Schule entgangen sein? Wie gesagt, wir theilen diesen Vorfall und diese Gutachten hier nicht mit, um den Selower Arzt und den Selower Pastor zu bekämpfen — sondern nur um den Geist zu charakterisiren, der noch in vielen Theilen des gebildeten Publicums im deutschen Vaterlande herrscht. Der Geist engherziger Confesstonalität, der den gegründetsten Rechtsansprüchen ein confessionelles „Gefühl" entgegenstellt, der Geist des Mittelalters ist noch lange nicht vom Geiste der Clafstcität, der Humanität und der Bibel überwunden. Unsere Zeit aber hat das Verdienst, daß Jedermann sich offen ausspricht und sich nichts versteckt. Literarischer Wochenbericht. Potsdam, im Juni. Die talmudisch-midraschische Adamslegende in ihrer Rückbeziehung auf die persische Yima- und Meschiasage, kritisch beleuchtet von vr. Alexander Kohut, Oberrabbiner in Stuhlweißenburg. (Separatabdruck aus dem XXV. Bd. der Zeitschr. der deutschen morgenländischen Gesellschaft.) Wie die realen Wissenschaften, so haben auch die theoretischen an Sicherheit und Umfang der Resultate gewonnen, seitdem dieselben die vergleichende Forschung in ihren Dienst genommen haben. Ueberall ist die Wirkung eine befreiende und belebende dadurch, daß eine in-