Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1871)
- Date
- 1871-08-01
- Page
- Seite 627 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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- Cicero 1× ep/1024888
- Homer 1× ep/1025156
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Und der Mann schwieg still und wußte nichts weiter zu sagen; war er doch nun sicher, seine Frau würde die Kinder behalten und lieber mit ihnen zusammen darben, als sie schutzlos in die weite Welt zu jagen. Damit war freilich der drohenden Noth nicht abgeholfen. Aber Reb Chone gehörte zu den Naturen, welche lieber eine Sache laufen lasten wie sie will, als, wie sie meinen, nutzlos mit der Nothwendigkeit zu ringen, die sich nicht ändern ließe. Und dann hegte er die geheime Hoffnung, seine Frau würde schon einen guten Ausweg finden, denn er vertraute zu sehr auf ihre erprobte Fähigkeit, sich durch die Nöthen und Engpäste des Lebens hindurchzuwinden. Er nahm daher bald seinen fadenscheinigen, aber wohl gebürsteten Hut vom Nagel an der Wand und ging zum Schiur. — Am Tage darauf saß Markus in demselben Zimmer vor einem Tische, der mit seinen Büchern bedeckt war, an welchem er eifrig arbeitete. Von Zeit zu Zeit jedoch stützte er seinen Kopf auf den Arm, und seine Rechte mit der Feder sank auf daL Papier nieder. Sein blühendes Gesicht, auf welchem die Rothe der Gesundheit nur etwas von dem Ernst und Eifer seiner Studien angebleicht erschien, zeigte ein tiefes und schmerzliches Nachsinnen. Frau Chone war bei all' ihrer Aufopferungsfähigkeit doch nicht so zart besaitet, als daß sie die „Kinder" mit der Sorge für ihre Zukunft, wie sie immer drohender heranrückte, verschont hätte. Sie sprach stets frisch von der Leber weg, und berechnete wenig die Gefühle ihrer Zuhörer. So mochte Markus schon selbigen Tages wie Reb Chone die Klagen der guten Frau zu vernehmen gehabt haben, und seine jugendliche Stirn von den Furchen der Sorge durchzogen sein. Ihm lag vor Allem das Geschick seiner Schwester am Herzen, und es war ihm ein unerträglicher Gedanke, dieses schöne, seelenvolle, aber auch so empfindsame und reizbare Mädchen, über deren Gesundheit auch eine unbestimmte Ahnung der Schwäche und Hinfälligkeit ihn, er wußte nicht weshalb, bedrückte, den Unbillen des Geschickes, ja sogar der Dienstbarkeit und der unaufhörlichen Arbeit unterzogen zu denken. Wie gern hätte er sich allen Mühsalen und Entbehrungen unterworfen, um ihr eine günstige Lage zu verschaffen und jeden Kummer von ihr abzuhalten. Aber was thun? Welchen Weg einschlagen? Er fühlte sich ohnmächtig, dem harten Loose abzuhelfen, und dies wühlte lief in seinem Herzen. Plötzlich öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat, ohne anzuklopfen, ohne den Anwesenden zu begrüßen, mitten in das Zimmer, blickte sich um und dann auf den Knaben. Es war ein eigenthümlicher Mann von untersetzter Gestalt, breiter Brust und starkem Gliederbau, der durch Tracht und Wesen in der kleinen Reichsstadt großes Aufsehen erregen mußte, hier, wo die Mode am Hochzeitstage kaum die Veränderungen hervorzubringen pflegte, welche anderswo zur Zeit der Geburt stattgefunden. Vom feinsten Tuche waren seine Kleider, aber von fremdartigem Schnitt, die Beinkleider in hohe, glanzende Stulpsiiefel gesteckt; eine schwere Goldkette hing ihm über die Weste, während die Reichen der Stadt die breiten Uhrketten mit vielen Berlocks aus der Uhrtasche herunterhängen ließen, ein hoher weißer Steifkragen umgab seinen Hals, und weiter nichts, und sein Gesicht war von einem Vollbart umgeben, wie er damals nur noch den Männern des Mittelaltersangemalt wurde. Dabei deckte ein kugelrunder, von breiten Krampen umfaßter Hut den kurzgeschorenen, mächtigen Kopf und saß mehr im Nacken als auf der Stirn. Markus sah erstaunt den Mann an, der ohne Weiteres das Wort an ihn richtete: „Hier bin ich in der Wohnung des Schammes Chone — ist es nicht hier, wo die Kinder des Hirsch Sanwel untergebracht sind?" Markus bejahte es, und der Mann ließ sich auf den gepolstersten Lehnstuhl der Frau Chone nieder, ohne zu ahnen, welchen argen Verstoß gegen die Etikette des Hauses er hiermit beging. „Glaube, daß Du der Sohn des Sanwel bist?" „Allerdings." „Wie heißt Du?" „Markus." „Was machst Du da? Was sind das für Bücher?" „Dies ist meine hebräische Grammatik, dies die Reden Cicero's, dort die Odyssee Homer's und darunter ein Lehrbuch der Geometrie, die anderen gehören dazu." „Hm, was willst Du werden?" „Ich will studiren, wenn ich die Mittel dazu haben werde." „Studiren, und was?" „Philologie." „Was ist das für dummes Zeug?" Markus lächelte; er war aus seiner Umgebung gewohnt, daß die Leute es nicht wußten und es für dummes Zeug hielten. Er antwortete: „Die alten Sprachen, hebräisch, chaldäisch, griechisch, lateinisch." „Das Hebräische lasse ich mir gelten, das ist recht für einen Juden, aber das andere ist dummes Zeug; nützt zu gar nichts; was schafst's, daß ich weiß, wie die alten Menschen geschwätzt haben, die längst in ihrem Grabe modern? Arzt, Jurist begreife ich, auch noch französisch und englisch, die kann ich auch sprechen und hilft oft aus großer Verlegenheit. Das Andere ist Alles Plunder, für welchen bei uns kein Trödler einen Cent giebt." Markus wußte nichts zu erwidern; er fühlte, daß sein Widerpart für die Ideale, die in seinem Geiste lebten, doch kein Verständnis hätte. Der Mann fuhr fort: „Du mußt doch eine Schwester haben, oder ist sie todt?" „Gott fei Dank! sie lebt und heißt Lina." „Wie alt?" „Fünfzehn Jahre bald, ich bin ihr Zwillingsbruder/, „Richtig, hab'S vergessen. Wo ist sie?" „Sie ist in der Stadt bei einer Familie, wo sie bei einer Ausstattung nähen hilft." „Aus Freundschaft oder für Geld?"