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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-01 · Heft 31 (1.8.1871) · p. Seite 628

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 31 (1.8.1871)
Date
1871-08-01
Page
Seite 628 (sequence 20)
Language
German
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Markus erröthete und antwortete zögernd: „Um Lohn, wir haben es nöthig." „So, und der junge Mann läßt sich von der Schwester ernähren?" Jetzt wurde die Rothe der Scham die des Zornes auf dem Antlitz des Knaben, und er erwiderte etwas barsch: „Das ist nicht wahr, sie braucht es für sich, wie ich den Verdienst meiner Lectionen; aber was geht das Sie an?"' „Ruhig, Markus, Du wirst es schon sehen. Wie sieht Deine Schwester aus?" Die Antwort blieb unserem Freunde erspart, denn in diesem Augenblicke trat Lina selbst ein. Das war eine liebliche Erscheinung, eine zarte Schönheit in der ersten Knospe, halb kindlich noch, halb jugendlich, schlank aufgeschosien, doch nicht eckig, eine natürliche Anmuth in allen Bewegungen, auf dem reizenden, etwas ovalen Gesichte und in den dunklen, leuchtenden Augen Schalkhaftigkeit und Ernst, vielleicht sogar Schwermuth, in ansprechender Mischung, einfach, aber zierlich gekleidet. Mit einem „Guten Abend, Markus," trat sie herein, und blieb, da sie den Mann im Lehnstuhl, der sie mit großen Augen anstarrte, erblickte, fast an der Thüre stehen. Sie hatte keine Zeit ihre Frage auszusprechen, als der Mann sich erhob, auf sie zutrat, und die Sträubende umarmte und auf die Stirn küßte, indem er mit Lachen ausrief: „Halt still, Nichte, ich habe Dir etwas Schönes mitgebracht, ich, Dein Oheim!" „Lasten Sie mich los, Sie, ich kenne Sie nicht; was unterstehen Sie sich?" Markus war aufgesprungen, hatte feinen Arbeitstisch fast umgestoßen und sprang seiner Schwester zur Hilfe. Er riß den Arm des Fremden vom Nacken des Mädchens. Dieser aber ließ es jetzt freiwillig los und wollte sich vor Lachen ausschütten. „So ist's recht, Kinder; siehst Du, Markus, Du bist doch nicht die Schlafmütze, wie ich glaubte, und Du, Lina, bist ein verdammt niedliches, impertinentes Ding und wirst Dich allzeit Deiner Haut wehren. Na, Kinder, Ihr wißt es nun, und Du, was Deine Weisheit nicht herausgelockt, das hat mir das niedliche Kätzchen da wie von selbst aus dem Munde gezogen. Ich bin Lob Sanwel, der einzige Bruder Eures Vaters, Gott Hab' ihn selig! Und nun setzen wir uns, wir wollen weiter reden." Die beiden jungen Leute waren hoch überrascht, und noch ein wenig ungläubig. Sie hatten von diesem, wie aus den Wolken gefallenen Onkel nie etwas gehört. Der Mann mußte aus dem Gedächtniß der Leute gänzlich verschollen sein, und die Kinder waren ja noch so klein, als ihre Aeltern wenige Tage nach einander an einer epidemischen Krankheit verstürben. Der unerwartet aufgetauchte Onkel erzählte ihnen seine Geschichte, aber wir können dies kürzer thun, wenn wir nicht seine Worte wiederholen. Wer Etwas erlebt hat, den interessirt Vieles, was Anderen gleichgültig ist. (Fortsetzung folgt.) Correspondenz. New-Iork, Ende Juni. lPrivatmitth.) Bei der vor einigen Tagen stattgehabten feierlichen Grundsteinlegung zu einem neuen Staats-Capitol in Albany wurde den öffentlichen Blättern zufolge unter andern wichtigen Documenten auch folgendes intcrestante Document (in englischer Sprache) von Seiten der jüdischen Einwohner jener Stadt in den Grundstein niedergelegt: Albany, N.I. 24. Juni 1871. Bejom Schabat Kodesch, He Tarnus. T. r. I. a. L. p. k. Die jüdischen Mitbürger der Stadt Albany freuen sich mit der Gesammtbevölkerung dieses Staates über die Erfolge und den Fortschritt der Civilisation und legen in Beranlaffung der Grundsteinlegung des neuen Capitols hier ihre einmüthigen und inbrünstigen Gebete zu Gott dem Allmächtigen nieder, um seinen Beistand zur glücklichen Vollendung des Gebäudes und einer fortwährenden Wohlfahrt der Bürger der Stadt Albany und des Staates New-Iork. Memoranda. Die erste jüdische Gemeinde in dieser Stadt wurde im Jahre 1837 gegründet, bestehend aus den Familien Mayer Rice, Morris Herman, Simon Schwartz, Bernhard Schmidt, Louis Sporburg, Mayer Jsaac, Anschel Lind und Samuel Lindenstein; von diesen sind jetzt nur noch drei, aber alle in glücklichen Verhältnissen lebend. Sie zählen jetzt 2000 Seelen, haben 3 Synagogen und 4 WohlthätigkeitL-Vereine. „Boruch Chavod Adonai Mimkomo" — gepriesen sei die Herrlichkeit Gottes von dieser Statte. Morris Hermann. M. K. Cohen. Israel Nußbaum. Außer obigem Document wurde auch eine schön geschriebene Mesusa in den Grundstein niedergelegt. New-Iork, 30. Juni. (Privatmitth.) Der Rabbiner Dr. Bernhard Jllowy stürzte vorige Woche in der Nähe von Cincinnati aus seinem Wagen, wurde bewußtlos nach Hause gebracht und starb am darauf folgenden Tage. Der Verstorbene war im I. 1814 in Böhmen geboren, lebte seit vielen Jahren hier in Amerika, wo er zuerst in Syracuse, dann in New-Orleans und zuletzt in Cincinnati bei orthodoxen Gemeinden fungirte. Er war einer der eifrigsten Vertreter der Orthodoxie. Vor 4 Jahren legte er seine Rabinerstclle nieder und zog sich auf ein kleines Landgut zurück, wo er sich der Agricultur widmete. Eine große Anzahl von Israeliten betheiligten sich an seinem Leichenbegängnisse und die drei Rabbinen Cincinnati's sprachen.am Sarge. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur Or. H. Lotze.

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