Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1871)
- Date
- 1871-08-01
- Page
- Seite 626 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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626 „Was Du für Unsinn fragst! Hätt' es mir nicht gefallen, wer wollt' mich zwingen, sie zu behalten? Haben wir etwa Vortheil gehabt von den paar Groschen, die uns die Kille für sie gegeben? Und Mühe haben sie mir genug gemacht, und Aerger und Verdruß sind auch nicht ausgeblieben. Ich kann's noch heute nicht verwinden, daß mir der Junge so viele tresene Bücher in's Haus gebracht. Wer weiß, ob nicht die Strafe dafür die große Sorge ist, die wir nun. um sie haben. Und nun gar. daß er sich mit den neuen Büchern herumschlägt, in der Sprache von Jowan, der doch der größte Zaune Jisreol war." „Du reitst doch immer denselben Gaul, Hindele. Ich hab's auch gemeint, aber er hat mir die Gemore aufgeschlagen, worin steht, daß es ein großer Vortheil ist, wenn man die Sprache von Jowan lernt, und daß man dadurch gescheidt und weise wird und weiß, was man den Epikorßim zu antworten hat. Was in der Gemore steht, wirst Du doch nicht für Unrecht halten?" „Ich weiß nicht; jetzt wollen sie in allen Dingen klüger sein, uno berufen sich dabei auf die Gemore. Unsere Aeltern müssen darin doch etwas ganz Anderes gefunden haben. Denn mein Vater, Friede fei mit ihm! der ein großer Gelehrter war, hat immer gesagt, es stände drin, wer in Sforim chizonim liest, hat keinen Theil an Aulom habo. Doch ich kann nicht streiten." Der kluge Mann schien sein Weib etwas ablenken zu wollen von dieser kitzligen Frage, und fragte: „Nun, und was hast Du gegen das Mädchen? Ist sie nicht klug und gut? Näht und stickt sie nicht, daß alle Leute sich wundern? Und ist sie nicht fleißig Tag und Nacht?" „Ja, wer hat's ihr aber beigebracht? Und wenn ich nicht hinter ihr gewesen, was wäre daraus geworden? Du hättest sie wie eine Prinzessin erzogen, und wenn's nach Dir gegangen wäre, hätt' sie keine Nadel und keinen Stickrahmen in die Hände genommen. Und superklug ist sie und will Alles besser wissen, und ein naseweises Ding, das immer eine Antwort hat, daß. man nicht weiß, woher es sie hat." „Und Du hast sie doch lieb, und es könnte Dir nichts Aergeres passiren, als wenn sie Dir Jemand wegnähme. Und wenn sie einmal eine Viertelstunde wegbleibt, jagst Du mich in der Stadt herum, daß ich sie suche, als wenn Einer eine Perle verloren hätte." „Na, nu schweig davon. Davon wollt' ich ja gar nicht reden. Du läufst Einem immer auS der Hand, wenn man etwas Ernstes mit Dir reden will," Die Frau stand von ihrem Lehnstuhl auf, pflanzte sich vor ihren Mann hin, schob mit der Linken die schöne Schabbeshaube zurecht, nestelte mit der Rechten die Schürzenbänder auseinander und zog diese dann höher und straffer an. „Jetzt, fuhr sie fort, heißt es: was soll daraus werden? Mit dem fünfzehnten Jahr will die Kille nichts mehr bezahlen. Du weißt, sie hat es schon vor zwei Jahren nicht mehr gewollt, und hat das Recht gehabt, denn wenn ein Junge Bar Mizwe geworden, muß er sich se?b:r erhalten. Wäre damals der Conrector nicht dazwischen getreten und hätte den Parnoßim nicht zu gesetzt, weil der Markus gar zu gut lernt, daß die Schule ihm sogar das Schulgeld erlassen, wir hätten vor zwei Jahren schon dagestanden, wo wir jetzt stehen. Was soll nun daraus werden? Die paar Groschen, die der Junge durch Stundengeben verdient, damit kann er kaum die alten Kleider, die er trägt, und die trefenen Bücher, mit denen er sich herumtreibt, bezahlen." „Schlimm genug, unterbrach sie ihr Ehemann, daß der reiche Meier sie so schlecht bezahlt. Der Conrector sagt, es wäre eine Schande, für eine Stunde sechs Dreier zu bezahlen. Aber in einem solchen Nest muß man ja mit Allem fürlieb nehmen." „Und was das Mädchen mit Nähen und Sticken erwirbt, ist auch nicht weit her, und wenn sie nicht so überaus geschickt wäre, aus jedem Lümpchen etwas zu machen, könnte sie sich kaum vor den Leuten sehen lassen. Wir sehen also voraus, daß mit dem zweiten Monat nichts mehr für die Kinder bezahlt wird, und wenn ich auch gern mit ihnen unser bischen Armuth theilen möchte, so reicht dies doch kaum für unö selbst hin, viel weniger für vier erwachsene Menschen, und einen gesunden Appetit haben die Kinder, Gott erhalte sie. Nun Chone, was sagst Du dazu?" „Was soll ich sagen? Ich weiß weiter nichts, als Gott wird helfen." „Wenn das Deine ganze Chochme ist, so können wir dabei verhungern. Ja, Gott wird helfen, aber wie soll er helfen? Vom Himmel schickt er's nicht herunter, und daher müssen wir wissen, was wir thun sollen, damit er uns so helfen kann." „Nu, Hindele. willst Du das Mädchen in Dienst geben und den Jungen aus dem Hause weisen? Anderes bleibt doch nicht übrig." Reb Chone hatte mit dieser Frage erwiesen, daß er durchaus nicht so dumm sei, wie seine Frau ihn stets ausschalt. Wir sagen ausschalt, denn ob sie im Grunde ihn wirklich dafür hielt, wollen wir durchaus nicht behaupten. Genug, er hatte seine Ehehälfte damit an der schwächsten Seite gefaßt, und sie fuhr ihn heftig dafür an: „Gerechter Gott, sollte man glauben, daß ein^Maun, mit dem seine Frau 30 Jahre gesund lebt, so etwas von seiner Frau sagen kann? Ich sehe jetzt erst, wie schlecht Du bist oder was Du von Deiner Frau hältst. Meinst Du, ich hätte kein Gewissen? Ich fürchtete nicht, daß mir die todten Aeltern der Kinder im Traume vorkämen und mich frügen, was ich aus ihnen gemacht? Hab' ich sie darum zehn Jahre gehegt und gepflegt, um sie nun zu verstoßen? Sollen die Leute sagen, so lange sie Geld bekommen haben, haben sie die Waisen bei sich behalten, und nun jagen sie sie. hinaus? Das schwache, feine Mädchen in Dienst geben? Den braven, frommen Jungen in die Welt treiben? Wenn Du weiter nichts zu sagen weißt, schweig lieber still!"