Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1871)
- Date
- 1871-08-01
- Page
- Seite 625 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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O Allgemeine Feuilleton-Beilage )\i Nr. 31. Leipzig, den 1. August 1871. Auf und nieder. Erzählung. (Fortsetzung.) 3. Nach jenem Abend, an welchem wir die beiden Kinder auf dem Münsterplatz der kleinen ehemaligen Reichsstadt hatten spielen und ein so ernstwehmüthiges Gespräch führen sehen, waren wieder einige Jahre vergangen. In wenigen Wochen sollten die Zwillinge fünfzehn Jahre werden. Eines Nachmittags, es war an einem Sabbath, saßen Reb Chone und seine Frau (denn der Erziehung Vieser guten Leute waren die Kinder, wie sie noch immer genannt wurden, auch jetzt noch übergeben) in ihrem einlichen Zimmer bei einander. Der Mann saß am Muster, und hatte einen Quartanten auf den Knieen, in «elchem er die Sidra im Targum nach guter alter Sitte .berlesen hatte, von welcher er freilich lein Sterbenswörtchen verstand. Das machte aber nichts aus, kam es -och nur darauf an, durch das Lesen jauze zu sein, d. h. eine Pflicht gethan zu haben. Wenn Reb Chone nur jätte lesen und beten sollen, was er verstand, so wäre öies blutwenig gewesen. Ob er aber gerade darum nicht andächtiger und weihevoller war, als wenn er es verstanden hätte, ist eine andere Frage. Denn er war ein einfaches kindliches Gemüth, das in jedem hebräisch gedruckten Buche einen Tempel Gottes, in jedem hebräischen Worte ein Gottesgeheimniß erblickte, ein Heiligthum, dem er mit Ehrfurcht sich näherte, in welchem er mit Andacht und Erhebung verweilte. Es störte ihn da nun kein Gedanke, kein Mißverständniß, keine Erwägung, kein Zweifel. Jetzt nahm er die große Brille von der Nase, legte sie in das Buch und schloß es, denn er hatte den Abschnitt zu Ende gelesen. Diesen Augenblick schien seine Gattin, die bereits seit längerer Zeit ihr Mittagsschläfchen in dem großen gepolsterten Lehnstuhl am Ofen beendet hatte, abgewartet zu haben. Denn so wenig sie sonst gewohnt war, mit dem zurückzuhalten, was sie auf dem Herzen hatte oder thun wollte, oder gar einmal die Besvrgniß hegte, Jemanden in seiner Beschäftigung zu stören, so besaß sie selbst doch zu großen Respect vor irgend welcher Andachtsübung. als daß sie eine solche hätte unterbrochen wollen. „Bist Du fertig, Chone? So will ich was mit Dir reden, und zwar über die Kinder. Du weißt —" „Freilich weiß ich, was Du willst, Hindele. Aber eS ist Schabbes, und da mußt Du mir die Ruhe nicht stören durch Sachen, die doch nur unangehm und traurig sind." „So bist Du immer. An den Wochentagen hast Du zu laufen und willst nichts hören, weil Du müde bist, wenn Du nach Hause kommst, und am Schabbes willst Du nichts hören, weil es SchabbeS ist und Du deine Ruhe haben willst. Heute aber laß ich nicht davon, und Du mußt mit mir reden, Du magst wollen oder nicht. Das ist so Deine Manier, in den Tag hinein zu leben und Dich auf den lieben Gott zu verlassen. Damit hast Du es denn soweit gebracht, daß Du nichts als ein SchammeS geblieben. Der liebe Gott hat uns den Verstand gegeben, daß wir uns die Sachen überlegen und uns nicht bloß wie das liebe Vieh auf die Weide treiben lasten, ob fettes oder dürres Gras darauf steht." „Nun, npn, Hindele, sei nicht gleich wieder so schneidig. Ich weiß, Du meinst es nicht so schlimm. Gefehlt hat es Dir auch nicht, wenn es auch manchmal knapp ist. Man muß eben zufrieden sein. So rede, was Du zu sagen hast." „Du weißt, in ein paar Wochen werden eS zehn Jahre, daß die Kinder bei uns sind. Nun, ich glaube, wir haben redlich an ihnen gethan, was nur die eigenen Aeltern thun konnten." „Du, Hindele, Du hast es gethan. Was könnt' ich thun? Ich habe ihnen nichts beibringen können, aber Du hast für sie gesorgt wie eine Mutter. Denn wenn Du auch manchmal ein biöchen mehr und lauter redest, als nöthig wäre, und schärfer ins Geschirr gehst, als eS zu geschehen brauchte, so bist Du doch daS bravste Herz von der Welt und sparst Dir den Bissen vom Munde, um ihn den Kindern zu geben, die doch nicht unter Deinem Herzen gelegen. Nun, Du bedauerst doch die zehn Jahre nicht?"