Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1871)
- Date
- 1871-08-01
- Page
- Seite 618 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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618 Der Almosenier des Pensionats hatte keine Zeit verloren, und kaum zwei oder drei Tage nach der Abreise des Herrn X. waren seine Töchter mit großer Schaustellung getauft worden. An jenem Tage sollten die Leute, welche diesen Act, für den man keine Bezeichnung hat, begangen, > Nachsicht in reichem Maße erfahren, denn man versichert uns, daß sie wenigstens die des Staatsprocurators zu gewinnen wußten, welcher dem Vater der jungen Mädchen erklärte, daß er bei diesem Vorgänge nicht hätte eingreifen können. Herr £., welcher keinen besseren Empfang bei der Directrice des Pensionats erfuhr, wendet sich heute an den Präfecten, um den unwürdigen Prälaten als des Mißbrauchs schuldig zu verfolgen. (Man sieht hieraus, daß die Dinge für die Juden auch in Frankreich nicht so rosig beschaffen sind, wie unsere französischen Glaubensgenossen, wenn sie von den Verhältnissen der deutschen Juden sprechen, es uns glauben machen wollen. In Preußen könnte dergleichen nicht Vorkommen, ohne daß die Polizei sofort einschritte. Wir hoffen jedoch, daß auch in Frankreich alsbald Nemcdur eintreten wird.) — Es ist gewiß nicht uninteressant zu erfahren, wie unsere französischen Glaubensgenossen die Bemühungen deutscher Feldgeistlichen unserer Religion ausgenommen haben. Ein im Univers israelite abgedruckter Brief giebt seltsame Details über den Aufenthalt der deutschen Israeliten in Versailles und über das Verfahren eines israelitischen Feldgeistlichen, des Herrn Dr. Lewin. „Nachdem sich der ehrenwerthe „Doctor" — gewiß ein junger Mann, dem man einige Excesse seines allzu großen Eifers verzeihen muß — mit Gewalt und durch die Autorität des Quartierbillets bei Herrn Weil, dem Rabbiner von Versailles, cinquartiert hatte, bemächtigte er sich so zu sagen der Versailler Synagoge, indem er sie wie sein Eigenthum ansah. Man erzählt nicht, daß er sich hierzu auch der Rcquisitionsbillete bedient habe. Er predigte hier nach dem Gottesdienste in deutscher Sprache in Gegenwart einer nur aus deutschen Soldaten bestehenden Zuhörerschaft. Er sprach hier auch Gebete für das Heil des Kaisers von Deutschland und für den Erfolg der deutschen Waffen. Er bedauerte es sehr zu vernehmen, daß die Franzosen seinen Predigten nicht anwohnten, welche nichts weniger als friedlich waren,- und in einer Correspondenz an eine deutsche Zeitung bezeichnete er diejenigen, welche vor seiner Predigt davongingen, als enragirte Franzosen." So das „Univers. israelite", so die „Revue israelite." Paris, 18. Juli. Die Redaction der „Arch. isr." nimmt in Folge einer Aeußerung unseres Blattes Veranlassung, sich über das Verhältniß Deutschlands und Frankreichs auszusprechen. Den Anstand und die Ehrenhaftigkeit, mit welchen die Arch. isr. stets in eine Polemik eintreten, verleugnet die Redaction derselben auch dies Mal nicht. Was die allgemeinen Grundsätze betrifft, wir möchten sagen die humane Anschauung der an uns vorübergegangenen Ereignisse , so wird man vielfache Uebereinstimmung zwischen den von uns stets vertretenen Ansichten und denen der Archives finden. Im Einzelnen versteht es sich von selbst, daß das französische Urthcil weit von dem deutschen abweicht. Glücklicherweise ist cs weder unsere noch der Archives Aufgabe, diese weiter zu erörtern, und wir lassen daher die Sache fallen.*) — Wir geben nach den Archives mehrere Mitteilungen. Auf das Eondolenzschreiben des israelitischen Consistoriums von Paris an das Metropolitancapitel wegen der Ermordung des Erzbischofs von Paris hat letzteres in einer sehr verbindlichen Zuschrift seinen aufrichtigen Dank ausgesprochen. — Der Oberst S6e, der ein Grcnadierrcgiment der Exgarde befehligt hatte, ist zum Brigadegeneral ernannt worden. Er commandirt in dieser Eigenschaft das Corps der in Fontainebleau stationirten Truppen. Der General See ist der erste französische Israelit, der diesen Rang erreicht hat. — Fünf Israeliten sind wegen Auszeichnung für die Sache der Ordnung in Paris mit dem Orden der Ehrenlegion geschmückt worden, sie sind theils Capitäne, theils Unterlieutenants in der Nationalgarde oder *) In die bei unseren französischen Glaubensgenossen so sehr beliebte Aufzählung der Beschränkungen, welchen die deutschen Juden noch ausgesetzt seien, und zu welcher sich auch die Archives hier heranlassen, pflegen sich immer viele Jrrthümcr zu mischen. So fragen uns die Archives, ob wir wohl deutsche Officiere jüdischer Religion aufzählen könnten? Allerdings; in unserem Gcdenkbuche finden sich bereits 25 derselben (nicht Aerzte oder Intendanten) namentlich aufgeführt. Daß wir auch einen Israeliten als Vertreter Badens im Vundesrathe haben und daß allmälig Juden auch in die Richtercarriere einrücken, ist bekannt. In Deutschland geht Alles langsam, aber sicher und ohne revolutionäre Erschütterungen.