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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-01 · Heft 31 (1.8.1871) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 31 (1.8.1871)
Date
1871-08-01
Page
Seite 617 (sequence 9)
Language
German
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617 Bonn, 20. Juli. lPrivatmitth.) Wir erhielten in diesen Tagen aus Berlin die Nr. 28 des in Gotha erscheinenden „Sonntagsblattes von Uhlich" unter Kreuzband zugeschickt, in welchem unter dem Titel „Jüdische Verhältnisse" ein langer Artikel sich darüber klagend ausläßt, daß es den Juden von Staatsseiten so schwer gemacht werde, zur „freireligiösen Gemeinde" überzutreten. Es wird zunächst ein Erlaß des Berliner Polizeipräsidiums an einen Juden mitgetheilt, welcher Erlaß dem zur „freireligiösen Gemeinde" übergetretenen Juden erklärt, daß er einen Beitrag zur jüd. Gemeinde nun nicht mehr zu zahlen habe, aber hinsichtlich der Rückforderung der seit seinem Austritt noch executivisch cingezogenen Beiträge und hinsichtlich des Eivilstandsregisters ihn an die richterliche Behörde verweist. (Bekanntlich wird in den alten preußischen Provinzen das Eivilstandsregister der Inden und der Dissidenten seit 1847 vom Richter l freiwillige Gerichtsbarkeit) geführt.) Komme aber nun ein Jude zum Richter, um seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinde und seinen Uebertritt zur freireligiösen Gemeinde zu erklären, so werde er abgewiesen, weil zur freireligiösen Gemeinde nur ein Christ übertreten könne; der Jude sei also gezwungen, sich erst taufen zu lassen, und dann erst könne er auö der christlichen Kirche zur freireligiösen Gemeinde übertreten. Es sei dies ein Komödienspiel mit der Religion, das keinenfalls gutgeheißen werden könne. Hierin geben wir Herrn Uhlich vollkommen Recht, und es bedarf nicht vieler Worte, um den Zwang zu charakterisiren, welcher hierdurch geübt wird. Wenn er aber nun von den vielen Juden spricht, welche ihre Ueberzeugung von ihrer „alten Gemeinde" hinwegtreibe, und die nun nicht den Ausdruck derselben in der „freireligiösen Gemeinde" finden könnten, so fürchten wir, daß derselbe bewußt oder unbewußt sich auch in etwas „Komödiespielcn" mit der freireligiösen Gemeinde einläßt. Es ist notorisch, daß viele Juden aus ihrer Gemeinde austreten möchten, um — ihre Beiträge zu sparen. Die Ueberzeugung ist es nicht, denn seiner Ueberzeugung, welche diese auch sei, kann der Jude in seiner Gemeinde frei leben. Er braucht sich nicht den geringsten Zwang aufzulegen und ist außer den paar Thaler Beiträge keinem Zwange unterworfen. Herr Uhlich deutet zwar auf die Beschneidung hin, weiß aber nicht, oder will es nicht wissen, daß der Richter, ehe er einen jüdischen Knaben in das Eivilstandsregister einträgt, durchaus nicht fragt, ob die Bcschneidung stattgefunden — diekann er gar nicht fragen, weil die Einschreibung gleich nach der Geburt stattfindcn muß — oder ob sie stattfinden werde. Darum kümmert sich der Richter nicht, und hat sich nicht darum zu küurmern. Also auch nicht einmal hierin besteht ein Zwang für den Juden. Von der anderen Seite ist bekanntlich die in der freireligiösen Gemeinde vorhandene Ueberzeugung keine irgendwie so feste und bestimmte, daß sich eine, sich sonst ganz selbst überlassene Ueberzeugung zu ihr hingedrängt fühlen könnte. Unter diesen Umständen kann es wohl Juden 'geben, die aus allerhand Gründen, besonders weil sie die zu zahlenden Beiträge verdrießen, zur freireligiösen Gemeinde übertreten, ein Gewissensdrang, ein Ueberzeugungstrieb kann es nur bei eigenthümlichen, seltenen Subjecten sein, und also auch hier möchte das „Komödiespielen" auf religiösem Gebiete nicht ganz wegfallen. Das Judenthum hat dergleichen niemals geboren oder gefördert. Jude sein war stets eine so ernste und schwere Sache, daß dabei an ein solches Spiel nicht gedacht werden konnte. Nur wo das Propagandamacheu zu einem unwiderstehlichen Triebe geworden und selbst von der jüngsten Secte ebenso wie von den älteren empfunden und gehegt wird, fängt dieses verwerfliche Spiel an und bleibt nicht ans. Wenn daher Herr Uhlich das geringe Wachsthum der „freireligiösen Gemeinde" aus der Gleichgültigkeit der Christen. und der Juden erklärt und darüber seine Klagen erhebt, so ist dies größtentheils doch wohl nur eine Selbsttäuschung. Frankreich. Paris, im Juli. Man wird sich erinnern, daß ein Fregattencapitän Träves der erste war, welcher an der Spitze der Versailler Truppen in Paris eindrang. Dieser kühne Mann ist ein Israelit und wurde zum Schisfscapitän befördert. Der „Uroxrös cku Nord" thcilt Folgendes mit: Vor einigen Monaten vertraute ein israelitischer Kaufmannn in Lille seine beiden Töchter, welche er nicht mit sich nehmen konnte, der Obhut der Directrice einer unserer ersten Mädchenpenfionate an. Wie groß war die Ueberraschung dieses braven Familienvaters, als er bei seiner Rückkehr die Bekehrung seiner Töchter zum katholischen CultuS erfuhr. 31

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