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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-01 · Heft 31 (1.8.1871) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 31 (1.8.1871)
Date
1871-08-01
Page
Seite 616 (sequence 8)
Language
German
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616 allerdings in einigen kleinen deutschen Staaten noch der Fall ist? Auch daß man, wiewohl widerwillig, principiell uns das Recht zugestcht und. in Gesetzen ausdrückt, diese oder jene öffentliche Earriere stehe den Juden offen, hat geringen Werth, so lange es Buchstabe bleibt und cs der Administration an gutem Willen, die Schranke fest zuzuhalten, nicht fehlt. Die Hoffnung, daß der jüngste Krieg und die großen Errungnisse desselben in dem Geiste, der die Regierungen leitet, eine Veränderung hinsichtlich der Juden hervorbringen würde, scheint mir eine eitle. Ich kenne Thatsachen, welche einer solchen Erwartung völlig widersprechen. Sie sind noch nicht ausgctragen und daher für die Veröffentlichung noch nicht reif, welcher sie schließlich nicht entzogen werden sollen. Es ist und bleibt dabei, daß gerade dem intelligenten und wissenschaftlich gebildeten Theile unserer Glaubensgenossen die öffentliche Laufbahn theils verkümmert, theils ganz versagt wird. Selbst treu erfüllte Pflichten werden dabei nicht berücksichtigt, und der Gedanke, daß dem deutschen Reiche gerade jetzt nichts mehr Noth thut, als alle seine geistigen Kräfte, wo sie nur zu finden sind, zu verwerthen und zu verwenden, bleibt unbeachtet, wenn es sich dabei um.Juden handelt. Es mögen diese Worte bitter klingen, aber um so mehr wird der Leser voraussetzen, daß ihnen wahre Thatsachen zu Grunde liegen. — Dies leitet mich zu einer anderen Bemerkung über. Man hat in den Zeitungen von Entschlüssen, die aus den vorhandenen Conflicten innerhalb der katholischen Kirche geflossen sein sollen, gemeldet, wie von der Entziehung der Schulaufsicht, die bis jetzt den Geistlichen zustand. Ich glaube an eine so entschiedene und durchgreifende Maßregel nicht. Man wird in diesem und jenem einzelnen Falle zu entscheiden und um die Sache herum zu kommen suchen. Da aber eine durchgreifende Maßnahme nicht allein die katholische, sondern auch die protestantische Kirche treffen würde, so wäre, ein solches Vorgehen ein so entschiedener Bruch mit den Principicn, die man bis jetzt eisern festgehalten, daß daran glaube, wer will. Man hat wiederholt und aufs Nachdrücklichste betont, daß die großen Erfolge des letzten Krieges vorzugsweise der deutschen Volks- und wissenschaftlichen Bildung zu verdanken seien. Auch ich bin davon überzeugt. Ebenso sicher scheint es mir aber, daß diese Volks¬ und wissenschaftliche Bildung viel mehr der Vergangenheit, als der Gegenwart zu danken ist. Die Natur eines Volkes und insondcrs des deutschen ist zähe und bewahrt die Geistesrichtung, die es einmal erlangt hat, noch lange, wenn auch die Institute, denen sie entsprang, bereits in Verfall gerathen sind. Unterrichtet und von wissenschaftlichem Geiste bleibt die deutsche Nation länger, als die Veranstaltungen im Schulwesen cs eigentlich erwarten lassen. Daß das Unterrichtswesen z. B. in Preußen krank ist, dafür spricht schon der Umstand, daß ein Unterrichtsgesetz seit mehr als zwanzig Jahren verheißen ist und zu den wärmsten Wünschen gehört und daß die Versuche und Anläufe zu einem solchen wiederholt ohne Erfolg blieben. Jnsonders ist cs notorisch, daß unsere Universitäten nicht ganz mehr die Stufe einnehmen, auf welcher sie so Außerordentliches geleistet und zum Hort des Nationalgeistes geworden waren. Man hat von der einen Seite die Schüler derselben völlig frei gemacht, alle obligatorischen Collegien abgcschafft, und dadurch eilie sehr zweideutige Freiheit für junge Leute geschaffen, welche, oft zu siebzehn und achtzehn Jahren schon, aus der eng geschlossenen Organisation des Gymnasiums treten. Ich halte dies in vieler Rücksicht für keine Verbesserung. Von der anderen Seite aber hält man die vielfach veralteten Einrichtungen seitens des Universitäts-Lehrstandes eisern fest, schützt sie vor jeder freieren Entfaltung, erschwert den Zugang und die Wirksamkeit jüngerer Kräfte zu den Lehrstühlen und ist so karg mit den finanziellen Mitteln, daß die wissenschaftliche Earriere bald nur den Neichen ein offener Weg sein wird, während die unbemittelteren Geisteskräfte darben oder einen anderen Pfad betreten müssen. Ich brauche kaum zu erinnern, daß es insonders wissenschaftlichen Juden noch immer ziemlich unmöglich ist, auf diesem Wege anders als mit der höchsten Entsagung einige Schritte vorwärts zu kommen, so daß es die Pflicht der Presse ist, die jüd. Jugend immer wiederholt darauf aufmerksam zu machen, da hierin durch kein Gesetz, durch keinen Reichstag und kein Abgeordnetenhaus Abhülfe verschafft werden kann, weil dies seiner Natur nach gänzlich in der Hand der Verwaltung liegt. — Auf diesen Gebieten können wir die französischen und elsässischen Juden nicht der Unwahrheit zeihen, wenn wir auch die Folgerlingen, die sie bezüglich der deutschen Juden daraus ziehen, weit von uns weisen.

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