Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1871)
- Date
- 1871-08-01
- Page
- Seite 613 (sequence 5)
- Language
- German
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V 613 Synode. Wenn ich Sie recht verstand, so meinten Sie hiermit nicht, daß ich versuchen möchte, von einzelnen hervorragenden Mitgliedern der Versammlung gewissermaßen Portraits zu entwerfen. Es hätte dies um so weniger einen Zweck, als dies längst bekannte Männer sind. Auch nicht das Bild einzelner Sitzungen brauchte gezeichnet zu werden, denn in der einfachen würdigen Haltung der Versammlung glich eine Sitzung der anderen, es kam keine besondere Aufregung, irgend ein stürmisches Aufwallen der Debatte vor. Es war hier wie in allen derartigen Zusammenkünften: cs gab Veranlassungen, wo über nebensächliche, weniger bedeutende Gegenstände viel zu viel und viel zu lang gesprochen wurde, namentlich Anfangs, so daß in der ersten eigentlichen Sitzung, wo viele Stunden lang über die Frage, ob mit einem oder mit zwei Trauringen getraut werden solle oder vielmehr dürfe, geredet wurde, mir recht bange um den Erfolg der Synode wurde — dann wieder über tief eingehende Fragen von großer Wichtigkeit etwas schnell mehr oder weniger Uebereinstimmung erzielt ward. Ich kann daher nur einige allgemeine Bemerkungen hier vorlegen. Der Zahl der Mitglieder nach war die Versammlung wenig imposant, zumal wenn man erwägt, daß sie einen internationalen Charakter haben, v. h. ohne geographische Beschränkung aus der Gesammtheit erslossen sein und diese vertreten sollte. Zwei Umstände sehe ich besonders als Ursachen dieser ungünstigen Erscheinung an. Ich halte es nämlich für einen Mißgriff der Einladungscommission, den Ort der Versammlung nach einer entlegenen Stadt Süddeutschlands verlegt zu haben. Süddeutschland hatte sich mit alleiniger Ausnahme Nürnbergs an der ersten Synode gar nicht betheiligt, und man durste nicht voraussetzen, wie es sich auch erwiesen hat, daß die Betheiligung aus diesen Ländern eine besonders lebhafte sein würde. Man hätte sich also von Norddeutschland nicht so weit entfernen sollen, denn es ist dem beschränkten Budget vieler Gerneinden und dem schmalen Gehalte vieler Rabbinen nicht zuzumuthen, die Kosten einer sehr weiten Reise, eines achttägigen Aufenthalts in einem Hotel u. s. w. auf sich zu nehmen. In einer wohlgelegenen Stadt Norddeutschlands würde der Zufluß zur Synode sich bedeutend gesteigert haben. Die andere Ursache finde ich darin, daß das frühere Präsidium und die Einladungscommission überhaupt nichts, gar nichts an Aufforderungen, Mahnungen, Erörterungen der vorliegenden wichtigen Gegenstände u. f. w. an das Publicum haben gelangen lassen, sondern sich mit der trockenen'osficiellen Anzeige begnügt haben. Dies wäre am Platze gewesen bei einer Institution, die bereits Jahrzehnte überdauert hätte, nicht aber bei einer so neuen, für welche ein lebhaftes Interesse und ein gründliches Vertrauen noch nicht vorausgesetzt werden konnte. Ich hätte deshalb die, noch dazu scharfe Kritik über die nicht erschienenen und nicht wieder erschienenen Gemeinden und Rabbinen aus der sonst so trefflichen Eröffnungsrede hinweggewünscht; das Eingehen in ganz specielle Fälle machte mir wenigstens einen etwas peinlichen Eindruck. — Dies betrifft jedoch nur die Zahl, welche die Hälfte der Mitglieder der Leipziger Synode wenig überstieg; aber die Zahl macht schließlich hierbei wenig auö, da selbst eine größere der Gesammtheit gegenüber unbedeutend bliebe. Ein anderer, innerlicher Umstand ist von größerer Bedeutung und gehört wesentlich zur Physiognomie der Versammlung. Daß bei einer Synode die beiden Extreme, die äußersten Radicalen und die äußersten Orthodoxen, nicht vertreten sind, versteht sich von selbst. Für die ersteren existiren die Fragen gar nicht mehr, mit welchen sich eine Synode beschäftigt, und für die letzteren ist Alles so unfraglich, so. unantastbar, daß ihr die Synode nur widerwärtig ist. In der Leipziger Synode waren nun die mvderirten Reformer und die moderirten Conservaliven mit ihren verschiedenen Nuancirungenvertreten, und dies bildete den Charakter dieser Versammlung. In der zweiten Synode jedoch waren die moderirten Conservativen bis aus einige wenige Ausnahmen weggeblieben, und die Partei der moderirten Reformer allein zugegen. Es erleichterte dies gewiß die. Beschlußfassung; aber ob dadurch die Versammlung an Boden im Allgemeinen gewonnen und ob hierin nicht der Keim für das AufhLren der ganzen Institution gegeben sei, ist mir fraglich. Ich will hiermit Niemanden anklagen; aber es scheint mir durch diese Thatsache erwiesen, was Sie, Herr Redacteur, in der Rabbinerversammlung zu Cassel, wie mir aus ihrem Berichte über diese erinnerlich ist, gegen die Berufung von Synoden zur Zeit ausgesprochen haben, nämlich daß die Gegenwart für eine Synode noch nicht reif fei und es noch ganz anderer vorbereitender Umstände bedürfe, um diese Institution dauernd ins Leben zu rufen, daß man vielmehr durch zu frühzeitiges Vorgehen diese Idee abnutzen würde, welche für das Judenthum doch so überaus fruchtbar werden könnte. — In diesem zweiten Umstande finde ich denn auch die Ursache, daß die Versammlung sich nur