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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-01 · Heft 31 (1.8.1871) · p. Seite 611

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 31 (1.8.1871)
Date
1871-08-01
Page
Seite 611 (sequence 3)
Language
German
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V 611 wechselnden Strömungen ausgesetzt, und eine Theorie, welche heute von vielen sehr hoch gehalten wird, ist häufig nach sehr kurzer Zeit von ihrem Piedestal herabgestürzt und nur noch historische Erinnerung. Wir haben dies während unseres Lebens in hinreichenden Beispielen vor unseren Augen abspielen sehen, von der Schellingschen Naturphilosophie an bis zur Darwinschen Theorie, welche in diesem Augenblick bereits von den bedeutendsten wissenschaftlichen Autoritäten gerade durch das letzte Werk Darwins selbst als abgethan erachtet wird. Ueberhaupt muß man zwischen dieser „Intelligenz" und der Wissenschaft unterscheiden. Letztere geht ihren großen Entwickelungsgang und nimmt als feststehend nur das Erwiesene an; die Intelligenz jeder Zeit baut sich ein System darauf, das sich aus Prämissen und Folgerungen construirt, von denen die ersteren oft noch sehr unerwiesen, die letzteren kühn und phantastisch sind. Solche Systeme kommen und gehen mit der Zeit. Das gebildete Publicum staunt sie an, nimmt sie eine Zeit lang als unbedingte Wahrheit hin, und läßt sie dann wie ein verbrauchtes Spielzeug wieder fallen. Die Versöhnung der Religion mit der Wissenschaft ist darum das würdigste Ziel des Strebens, und das Judenthum bietet hierzu die wirksamsten Handhaben. Die Versöhnung mit der wechselnden Intelligenz aber muthet der Religion oft eine Schmiegsamkeit, eine Charakterlosigkeit, eine Selbstverleugnung zu, welche unwürdig und gefährlich ist. Hier hat sie vielmehr zum Heile Aller ihre Festigkeit, die Sicherheit ihrer Lehre und Ueberzeugung zu bewahren. Sie kann kein Steuerruder sein, das man willkürlich bald nach West oder Ost, bald nach Nord oder Süd, bald zwischen diese hindurch dreht; sie muß ver Compaß sein, der zwar mit dem Schisse fährt und seine Bewegungen mitmacht, dessen Nadel aber unverrückt nach einer Richtung und einem Ziele weist, nach der Gotteserkenntniß und Menschenliebe, nach Recht und Frieden. Gerade wenn der Ocean der Menschheit von Stürmen und Wogendrang am bewegtesten ist, ist dieser Compaß am unentbehrlichsten und die alleinige Zuflucht für den rathlosen Schiffer. Wehe diesem, wenn unbefugte Hände die Nadel des Compasses gewaltthätig aus ihrer Richtung zu bringen suchen! Kommen wir nun zu den amerikanischen Zuständen zurück, so fühlen wir uns verpflichtet, unsere Ansicht offen auszusprechen. Wie groß auch die Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der Ansichten und Richtungen unter den europäischen Juden ist, so haben sie doch allesammt — einige Ausschreitungen abgerechnet — einen gemeinsamen Boden im Judenthume, ein gewisses tradirtes und aus dem Schoße der Zeiten entwickeltes Gemeinsames, auf welches sie Alle fußen, aus dem heraus sie allmalig weiter bilden wollen und daher mit mehr oder weniger Rücksichtnahme vorwärts schreiten. Auf diesern Boden finden sich denn auch immer die Corrective gegen Uebergriffe und Fehltritte. Dies ist es aber, was unseren amerikanischen Brüdern noch fehlt. ES sind viele hinübergekoimnen, welche, das Mutterland weit hinter sich lassend und von dem in der amerikanischen Atmosphäre vorwaltenden ungezügelten Selbstständigkeitötriebe ergriffen, sich ihr subjectives Judenthum zurechtkneten, dasselbe ans Tageslicht zu fördern und sich mit ihm geltend zu machen suchen. Einerseits bringen sie — wir sprechen selbstverständlich nicht von Allen, sondern von Vielen — schon viel Verworrenheit von Haus aus mit, andererseits wünschen sie sich mit irgend einer amerikanischen Modeansicht übereinstimmend zu zeigen und durch ihre „Aufklärung" zu glänzen, überhaupt aber sich als selbstständig, als alles Autoritätsglaubens baar, als eigne Autorität zu documentiren. Wir sprechen nur den amerikanischen Blättern nach, wenn wir sagen, daß diesen Männern gegenüber das jüdische Publicum sich theils sehr unbekümmert verhält, theils auch in religiösen Dingen im großen Ganzen zu unwissend ist, um mehr als den Zuschauer zu spielen und sorglos über sich ergehen zu lassen, was da kommt. Hieraus erklären sich die obwaltenden Zustände, und wir wollen nur noch die Bemerkung hinzufügen, daß die meisten amerikanischen jüdischen Blätter selbst die Mitschuld tragen. Sie haben von ihrem Beginn an alles Mögliche gethan, um die amerikanischen Juden ihren europäischen Brüdern abwendig zu machen und sie von ihnen loszutrennen. Während sie den größten Theil ihrer Spalten mit den Erzeugnissen des Geistes der europäischen Juden füllen, machen sie — wir sprechen hier wiederum nicht von Allen — die europäischen Glaubensgenossen lächerlich, gießen so viel sie vermögen Spott und Hohn über sie, über ihre Zustände und Bestrebungen und suchen ihre Arbeiten in Verachtung zu bringen, während sie selbst von diesen leben. Dies hat den Zusammenhang außerordentlich gelockert und den amerikanischen Brüdern jenen gemeinsamen Boden unter den Füßen weggezogen, der uns Allen so Noth thut in einer Zeit, wo auf allen Gebieten die Subjectivität nach der Herrschaft strebt, der Individualismus ein unbedingtes Recht in Anspruch 31 *

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