Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1871)
- Date
- 1871-08-01
- Page
- Seite 610 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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610 Literatur zu erkennen. Alle Redensarten, welche dies umkleiden sollen, sind Sophistereien. Man braucht darüber, ob der Ausdruck „persönlicher" angemessen sei oder nicht, ob er vom jüdischen Stanvpnncte. anzuwenden sei oder nicht, gar nicht zu streiten; jeder Ausdruck, den Di'. Mayer gewählt hätte, um seinen Gedanken auszusprechen, würde gleicher Weise zu verwerfen gewesen sein, da sein Nachsatz hinlänglich bezeichnet, was er als seinen Begriff von Gott hinstellen wollte. And doch auch noch andere Auslassungen in dieser Versammlung vorgekommen, die in ähnlicher Weise von Männern, welche daß Jndenthum lehren wollen, kaum zu begreifen sind. Einer sagte: Es gäbe keine Barmherzigkeit Gottes, und sie käme auch gar nicht in der Bibel vor; was gesündigt worden sei, muffe bestraft werden. Jeder Schüler kann diesem gelehrten Herrn das Gegentheil beweisen. Da nun diese Versammlung öffentlich war und die Berichte darüber in den politischen Zeitungen erschienen, so ist es sehr natürlich, daß sich unsere Glaubensgenossen davon sehr aufregen lassen, und wiederum, daß die Mitglieder der Conferenz jetzt die Sache in Zweifel ziehen, leugnen, oder mir sophistischen Redewendungen ablenken wollen. Das Uebel aber ist, daß die Angelegenheit dadurch nur verworrener und von der einfachen Entscheidung weggeführt wird. Wir erhielten nun in diesen Tagen ein Schreiben von der Hand eines in Amerika bekannten jüdischen Literaten, aus welchem wir folgende Stelle wörtlich hcrvorheben : „Ich habe heute die Absicht, Sie zu bitten, die gegenwärtige in Amerika vor sich gehende allerdings mächtige und hochwichtige Bewegung nicht zu verkennen. Es ist die Frage, ob Judenthum oder Christenthum das vorwiegende Element in der Religion der nächsten Zukunft sein soll; ob das Judenthum oder Christenthum mit der Intelligenz und der Wissenschaft sich am innigsten versöhnen kann. Es thut mir sehr leid, daß selbst die in unseren Seestädten ein- und abgeschlossenen College» die Frage nicht begreifen; noch mehr leid wäre nur cs, wenn Sie, der Sie über alle diese Fragen gearbeitet haben, nicht den richtigen Gesichtspunct von der Sache haben sollten. Wir sind frei und arbeiten hier zum Durchbruch zu bringen, was in Deutschland Idee, Hoffnung und frommer Wunsch der gefeiertsten Männer des Judenthums ist. Zu diesem Zwecke schicke ich Ihnen alle auf die Cincinnati-Rabbinerconferenz Bezug habende Blätter, und bitte sie zu lesen und unparteiisch zu urtheilen." Allerdings waren dies nur die betreffenden Nummern zweier Blätter, doch hatten wir die meisten anderen bereits erhalten. Was nun unser Urtheil betrifft, so vermögen wir unmöglich den Tatbestand hier fesizustellen^ während er in Amerika selbst so vielfach bestritten wird. Wäre dieser erst festgestellt, so würde auch das Urtheil sich einfach ergeben. Es wäre der Ausdruck einer pantheistifchen Ueberzeugung ausgesprochen, die, möge sie unter den Philofophemen ihren Rang «»nehmen und dort ihre Vertheidigung oder Widerlegung sinden, ihren Träger zum Gegensatz der jüdischen Ueberzeugung, der jüdischen Lehre macht, wie sie vom ersten Worte der Schrift bis zmn heutigen Tage unzweifelhaft bestand. Was hierbei am widerwärtigsten ist, besteht darin, daß der Herr Mayer selbst, statt sich einfach zu erklären, völliges Stillschweigen bewahrt. Hieraus muß man schließen, einestheils, daß er die Form und Auffassung seiner Worte zugiebt, welche die ihn bekämpfenden Gegner angenommen haben, andrentheils, daß er sich der Wichtigkeit freut, die mit einem Male seine Person als Urheber des Streites in Amerika gewonnen hat. Erklärt er sich erst selbst und in unzweideutigen Worten, dann kann man objectiv und endgültig sich ein Urtheil bilden. Die Mitglieder der Conferenz aber entschuldigen wir, wenn sie zu der Aeußerung in der Conferenz stillgeschwiegen, denn in der Hitze des Redegefechtes achtet man leicht auf nebenbei gefallene Aeußerungen nicht und fommt auf Dinge nicht wieder zurück, welche vielleicht nicht gerade zur Hauptsache gehörten, wenn man sie auch noch so sehr mißbilligte. Man darf in einer Versammlung niemals alle Anwesenden verantwortlich machen für Aeußerungen eines Einzelnen. Dies hätten sie den Angriffen gegen sie cntgegenstellcn müffen, nicht aber Versuche der Beschönigung. Mit dem gesch. Briefsteller stimmen wir nun nicht darin überein, daß es bei dieser Frage sich entscheiden solle „ob Jndenthum oder Ehristenthum das vorwiegende Element in der Religion der nächsten Zukunft sein soll; ob das Jndenthum oder das Christenthum mit der Intelligenz und der Wissenschaft sich am meisten versöhnen könne." Wenn es sich um den Pantheismus handelt, so kann sich weder das Jndenthum noch das Christenthum mit ihm „versöhnen," sondern beide sind gleicherweise Gegensatz zu jenem. Soll „die Intelligenz und die Wissenschaft" durchaus pantheistisch sein, so bleibt die positive Religion Gegensatz zu ihr so lange, als diese Intelligenz pantheistisch bleibt. „Die Intelligenz" ist, wie ihre Geschichte genugsam erweist, auch sehr