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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-25 · Heft 30 (25.7.1871) · p. Seite 607

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 30 (25.7.1871)
Date
1871-07-25
Page
Seite 607 (sequence 19)
Language
German
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%ß 607 losen Kindern unsere gereckten und frommen Aeltern so frühzeitig entrissen und uns hülflos zurückgelaffen habe? Du verwiesest mich mit der Antwort auf eine spätere Zeit. Du hattest Recht, aber die Zeit der Antwort ist noch heute nicht gekommen. Diese Frage lag in meiner Seele durch mein ganzes Leben, und mit jedem der traurigen Schicksale, die mich verfolgten, hatte dieselbe Frage nur noch einen Grund hinzugefügt zu den früheren. Warum hob uns bald darauf die Hand des uns bis dahin unbekannten Oheims aus der Dürftigkeit, um uns später nur noch tiefer hineinzuschleudern? Warum öffnete sich mir die Pforte des reinsten und süßesten Glückes, um, da ich die Schwelle überschreiten wollte, den Giftbecher der bittersten Täuschung gereicht zu erhalten und den Dolchstoß der Vernichtung in meinem Herzen zu empfangen? Ich hatte ja nichts, nichts gethan, wodurch es veranlaßt oder gerechtfertigt worden. Und warum muß ich nach so vielem Leiden noch jung aus dem Leben gehen? Das ist die Frage, die mir immer und immer auf den Lippen lag, und die meiner Seele selbst in ihrem innersten Heiligthume keine Ruhe gewährte. Und doch, Markus, richte ich sie nicht wieder an Dich. Nicht, als ob sie mir jetzt beantwortet wäre. Ich las einmal zufällig in einer Deiner Aufzeichnungen: Die Hand des göttlichen Schöpfers breitet eine Fülle des Daseins aus, um aus derselben einen kleinen Strom wahren Lebens hervorgchen zu lassen. Viele lausend Blüthen sprießen an einem Baume, aber nur Hunderte werden zu Früchten. Doch die Blüthe darf nicht klagen, denn sie und die Frucht sind verschiedene Wesen. Das hat mich nicht befriedigt, Markus, denn der Mensch ist Blüthe und Frucht zugleich; er ist seiner als Blüthe bewußt nur um als Frucht zu reifen, und ich glaube auch, daß die Blüthe ohne ihres höchstens Augenblickes, des Fruchtwerdens, theilhaftig zu werden, kein vollendetes Blüthenleben geführt. Dennoch sage ich Dir, ich wiederhole jene Frage nicht; seit ich den Vater wiedergesehen, ist sie mir zu einer anderen geworden, und die mußt Du mir beantworten. Aber, Markus, in jener Wahrhaftigkeit, die der Siegel Deines ganzen Lebens ist, und von der Du nicht abweichen sollst, auch wenn Du, um mir, der Sterbenden, einen Labetrunk zu reichen, von ihr abzuweichen Dir gestatten wolltest. Willst Du das? Versprichst Du mir das?" Der Bruder sah die Schwester. mit einem prüfenden Blicke an; er sah in ihr abgemagertes, durchsichtiges Gesicht, dessen Blässe durch die rothen umschriebenen Flecken noch gehoben wurde, in das tiefernste glänzende Auge, auf die Lippen, denen die innerste Seelenbewegung eine so beredte Bitte entströmen ließ, und er vermochte nicht anders, als ihr ein leises, aber festes: „Ja, ich will es!" zuzuflüstern. Was hätte er nicht Alles zu thun vermocht, wenn sie es in diesem Augenblicke und in solcher Weise verlangt hatte! „Gut, hob sie wieder an, so beantworte mir die Frage: Glaubst Du, daß die Seele des Menschen unsterblich ist? . . . Du hast, Markus, Dein ganzes Leben auf die Erforschung der Wahrheit verwendet; Du weißt die heilige Schrift auswendig, Du kennst den Talmud, Du hast die Bücher der Weisen und Denker aller Zeiten studirt, und Du bist selbst ein Weiser, ein Denker; Du hast viel erfahren und bist über alle Leidenschaften hinweg. Ich kenne keinen Fehl an Dir, als vielleicht zu viel Güte, zu viel Nachsicht. Du mußt doch etwas hinter den Vorhang geschaut haben. Und so sage mir, pflücke es mir als reife Frucht von dem Baume Deiner Erkenntniß, aber ganz wie sie ist: glaubst Du, daß unser-Geist unsterblich ist? Oder ist eS Dir fraglich? oder verneinst Du es?" Sie hatte ihr Haupt mit der Kraft, die ihr noch geblieben , ein wenig vom Kiffen erhoben und sah den Mann mit festem, unbeweglichem Blicke an. Er aber erhob sich von seinem Sitze, wandte ihr seine Gestalt und sein Antlitz voll zu, und erwiderte ihr in sicherem, ruhigem Tone, aus dem nur leise die innere Erregung vibrirte: „Lina, wenn Dü mich also fragst., so antworte ich Dir: bei dem heiligen Schatten, den Du im Traume gesehen, meine heiligste, meine ganze und volle Ueberzeugung ist, daß unser Geist fortdauert, daß er nicht mit dieser Hülle aus den Elementen unseres Weltkörpers zerfallt, daß er sich nicht in die Atome dieses Universums oder einer Wellseele auflöst, daß er fortdauert als das, was er gewesen und was er ist." Die Kranke hatte jeden Laut seines Mundes begierig eingesogen, jede Veränderung seines Tones belauscht, jedes Spiel seiner Mienen beobachtet. Ein Lächeln der Verklärung breitete sich über ihr immer noch so schönes Antlitz, die Flecken verschwanden auf ihren Wangen, und ein leiser Hauch von Rothe ergoß sich über Antlitz und Stirn, wie ein Anflug aus besseren Tagen. Sie legte das Haupt auf die Kiffen zurück, schloß die Augen wie im Gefühl einer befriedigenden Wonne, und sagte leise: „Sprich mir davon, Markus, recht viel und so laug Du vermagst." „Ich weiß es sehr wohl, Lina, daß, wenn wir diese große, ewige Frage, die wir an den Weltgeist fort und fort haben, dessen Hand uns ins Dasein rief mitten zwischen dem Endlichen und Unendlichen, mit so vielem Reichthum und so großer Beschränkung, erwägen und erörtern, sich schwer wiegende Gründe dafür und dagegen ausstellen lassen. Aber wie sie aus unserem innersten Wesen fließt, wie sie vom ersten Lallen des Bewußtseins bis zu unserem letzten Athemzuge uns beherrscht, wie sie jeden Zweifel immer wieder niederschlägt, jeden Gegengrund immer wieder verdrängt und im unglücklichen und verzweifelnden Leugner selbst sich von Neuem wiederholt und ihm im Nu das künstliche Gebäude zerschlägt — so dürfen wir sie nicht dem grübelnden Verstände allein überlassen, dem Secirmeffer der trennenden und scheidenden Vernunft, welcher das todte Glied so oft für das volle und pulsirende, für das lebendige Ganze sich unterschiebt. Wo unser ganzes Ich sich unwidersteh-

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