Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-25 · Heft 30 (25.7.1871) · p. Seite 608

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 30 (25.7.1871)
Date
1871-07-25
Page
Seite 608 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226829--29705-3252555
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

608 lich ausspricht, wo unser ganzes Fühlen und Wollen in so bestimmter Weise seinen Anspruch erhebt, wo jedes Einzelnen ganzes Dasein nur hierin seine Lösung und sein Ziel findet, wo zugleich die ganze Menschheit mit einem Munde aus allen ihren Zeiten von allen Stufen ihrer Entwicklung her dasselbe ausruft, da besitzt der untersuchende Verstand nicht das volle Recht des Richteramtes, und die Gewichte, die er in die Wagschalen legt, sind umsoweniger entscheidend, als sie zuletzt doch nur das Ja und das Nein auf eine gleiche Höhe bringen. Was auch die Naturforscher sagen, Geist und Körper' trotz der bewunderungswürdigen Verbindung, trotz der scheinbaren Einheit, die sie im Menschen bilden, sind verschieden, und der allweise Schöpfer hat nur bewiesen und beweisen wollen, wie er eine zeitweise und auch nur eine theilweise Bereinigung dieser beiden Gegensätze zu Stande zu bringen vermochte. Und wir haben davon noch andere Beispiele in der Natur, wenn auch diese in der Verschmelzung des Geistes und des Körpers im Menschen die höchste und merkwürdigste ist. Beide sind in ihren Thätigkeiten zu entgegengesetzter Art, in ihren Eigenschaften zu volle Gegensätze, beide führen trotz ihrer gegenseitigen Abhängigkeit ein zu selbstständiges und unabhängiges Leben, als daß sie ein und dasselbe sein könnten, als daß sie eben mehr als durch gewisse Organe mir einander verbunden und auf einander wirksam sein könnten. Ja, das Denken, Fühlen und Wollen sind an bestimmte Organe gebunden, aber nicht diese selbst, und darüber hinaus ragt das Selbsibewußtsein, über jedes Organ hinaus, selbstständig und selbstthätig. Wenn ich tief in meine Forschungen versunken bin, der Zeit und des Raumes vergessend, jedweder Umgebung unbewußt, was weiß ich da von meinem an den Sessel, an den Tisch und die Lampe gefesselten Körper, von der Spanne Zeit, in welcher er existirt, von der Lust, die er athmet? Ich habe ihn verlassen, ich lebe in einer Vergangenheit, die längst nicht mehr ist, in einer Höhe, in welche kein Auge reicht, von Ideen, die keine leibliche Gestalt haben; ich höre Töne, die nie ein Mund sprach, ich sehe Gestalten, die sich nie geformt halten. Und wenn dieser Körper thätig ist oder leidet, was weiß ich von dem, was in ihm vorgeht? Bin ich mir bewußt, wie er inwendig an seinem eigenen Untergange arbeitet, wie er sich nährt und wie er sich tödtet? Das Bild, welches mir die Wissenschaft entwirft, ist nur ein allgemeines und unvollständiges, und der wahre Mittelpunkt, auf welchen Alles ankommt, das wirkliche Wie? und Wieso? bleibt ihr auf immer verborgen." Markus sah, daß seine Schwester noch immer aufmerksam zuhörte und fuhr fort: „Nein, meine Lina, ich halte nichts von jener gewöhnlichen Vorstellung, als ob die Seele, nachdem sie den Körper verlassen, vor ein förmliches Gericht Gottes trete und nach dessen Urtheil mit einem Male in den siebenten Himmel und dessen ewige Wonnen versetzt oder in den Pfuhl der Verdammniß versenkt werde. Ich glaube, der Geist tritt in das jenseitige Leben gerade so ein, wie er das diesseitige verläßt, mit der Entfaltung seiner Kräfte, die er hier erlangte, mit seinem Wissen und Begreifen, mit den sittlichen Lichtern und Schatten, die er hier angenommen; aber entledigt seiner sinnlichen Hülle und seiner körperlichen Bande, mit dem vollen Bewußtsein seiner ganzen Erden bahn, ohne alles Vergessen, ohne alles Schwanken der Erinnerung, mit dem ganzen Vorrath dessen, was in diesem Leben durch seine Seele gegangen. Und in diesem Bewußtsein empfängt er den Lohn und die Strafe, empfindet er den Schmerz und die Wonne, seine Verdammniß und seine Befriedigung. Und von da ab tritt er in eine neue Bahn der Entwickelung, der Entfaltung, des Strebens und des Erreichens. Wie? was weiß das Kind im Mutterschoße vom Athmen, vom Sehen und Hören, und dennoch sind diese Organe zur Stunde seiner Geburt bereit? Was hat es für Ahnung, was wissen wir selbst noch heute von den Keimen des Geistes, die es in sich trägt, und die sich, sobald es in diese Welt versetzt ist, mit einer so wunderbaren Schnelligkeit und in so großartigem Umfange entwickeln, daß die ersten Lebensjahre die bedeutendsten des ganzen Lebens sind? Ahnt es etwas, beweist dieses Kind etwas durch seine ganze Existenz, so ist es dies, daß es für ein zukünftiges Leben bestimmt und befähigt ist — das Wie ist ihm gänzlich verborgen." Markus machte eine Pause. Seine Schwester lispelte leise: „Dank, Dank, Markus. Gieb mir zu trinken." Er schob seinen Arm unter ihren Nacken, richtete sie ein wenig auf und setzte das Glas an ihre Lippen. Aber sie schlürfte nicht, sie war ohnmächtig. Er ließ sie nieder, griff nach einer Phiole, träufelte ihr einige Tropfen auf Stirn und Schläfe und rieb diese damit sanft ein. Schwere Seufzer hoben sich aus seiner Brust. Nach einiger Zeit athmete sie auf, schlug die Augen halb auf und sagte kaum hörbar: „Ich will schlummern. Laß mich deinen Arm fassen und halten, nicht Deine Hand, meine ist so heiß, und es könnte Dir schaden, nur Deinen Arm, daß ich Dich fühle." Er setzte sich nieder, legte die Hand der Kranken auf seinen Arm, und blieb regungslos in seinem Sessel, während die Kranke bald wieder eingeschlummert war. Es war völlig lautlos im Zimmer, und nur die Fliegen hörte man summen, wie sie mit ihren leichten Schwingen durch den Raum des Gemaches sich bewegten. Wieder eine Abendsonne sandte ihre letzten goldenen Strahlen durch das Fenster und legte einen röthlichen Glanz auf die weißgctünchte Wand, bis dieser sich allmälig verdunkelte. Ob der Engel des Todes schon durch das Gemach schwebte, oder wirklich erst morgen seinen Einzug in den stillen Raum halten wollte? Markus hatte sein Haupt auf die Brust sinken lassen, aber seine Augen standen offen und sahen dem schwindenden Lichte der Sonne nach. (Fortsetzung folgt.) Verlag von Baumgärmer's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschseld. Verantwortlicher Rrdaeteur I£r. H. Lotze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.