Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1871)
- Date
- 1871-07-25
- Page
- Seite 606 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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606 untersetzter Mann, ein fester, ruhiger Mann mit braunem Haar und blauen Augen. Sein Haar begann sich aber schon zu lichten und sein Gesicht war auch bleich; bleich, wohl nur zur Hälfte von den ununterbrochenen Studien und Geistesarbeiten, zur anderen von Gram, von den Täuschungen und Sorgen des Lebens. Ja, dieses ebenmäßige Gesicht, von schönem Bollbart umrahmt, war zu dieser Stunde sehr bleich. Der Mann hatte den Arm auf den daneben befindlichen Tisch gestützt und den Kopf mit der mächtigen Denker stirn in die Hand gelegt. Aber sein Gesicht und'seine Augen waren unablässig auf das schlummernde Weib gerichtet, an der er jeden der schweren Athemzüge, jedes Zucken der Arme und Finger, jede Veränderung in den Mienen des Antlitzes ängstlich zu beobachten schien. Seine Lippen waren zusammengepreßt, seine Nüstern wie eingezogen, alle seine Züge fest und gespannt, und doch quollen Thränen in den blauen Augen, Zeugen, daß der wühlende Schmerz in ihm noch stärker war als seine Selbstbeherrschung, als die Gewalt, die der vielgeprüfte Mann über sich ausübte. Plötzlich wandte sie den Kopf um, schlug die Augen auf, aus welchen ein hell glänzendes Feuer strahlte, aus den dunklen Augensternen über die weiß leuchtenden Augäpfel und durch die schwarzen Wimpern hindurch. Mit einer sanften und doch heftigen Stimme stieß sie die Worte aus: „O Markus, Bruder, ich habe ihn eben wiedergesehen, der so lange fern von mir war, nach welchem ich mich so sehr gesehnt!" . . . Der Mann hatte fick erschrocken aus seiner Stellung aufgerichtet und fragte mit Bangigkeit: „Wen hast Du gesehen, Lina? Wen hast Du im Traume gesehen? denn Du hast geschlummert. Wer hat Dich so lange verlassen und Du sehntest Dich nach ihm?" lieber das Antlitz der Schwester stog ein Lächeln, das Anfangs fast wie ein bitteres aussah, aber sofort in ein Lächeln der Befriedigung, ja der Verklärung überging. „Sei ruhig, Bruder, ich verstehe Dich. Nein, jenes treulosen Mannes Bild, der mir den Becher des Verrathes geboten, aus welchem ich den Tod getrunken, dies Bild erscheint mir in keinem Traume; es ist aus meiner Seele gewichen fast in die Vergessenheit zurück. Wen ich gesehen — ach, und ich fühle mich so selig, so gestärkt, ich fühle keinen Schmerz, kein Weh mehr, leicht und gehoben wie in den fröhlichen Tagen der Kindheit fühl' ich mich — es war mein Vater! . . Er kam mit leichtem Schritt zu mir heran, ein so liebes, freundliches Lächeln um den Mund, ein so klares, reines Licht im Auge, und er faßte meine Hand, so kühlend und beruhigend, und sprach zu mir, mit so tönender und doch sanfter Stimme: „Meine Tochter, morgen bist Du bei mir!" Und als ich ihm da glücklich die Arme um den Nacken schlingen wollte, trat er langsam zurück, und schritt, mir immer noch freundlich zulächelnd und mit dem Haupte nickend, dort zur Thür hinaus .. Sie schwieg einige Augenblick, und Markus wußte nichts darauf zu erwidern, da sah sie ihn noch einmal an und fragte: „Morgen bist du Lei mir — habe ich diese Worte nicht schon einmal gehört? Ich entsinne mich nicht und höre sie doch so deutlich aus langst vergangenenn Tagen herüber." Der Mann antwortete: „Du hast sie wohl aus der heiligen Schrift vernommen, und doch sind sie da nicht für Dich gesprochen. Du bist kein Saul einem Samuel gegenüber, und Deine Umgebung — er lächelte dabei — hat mit der Zauberin von Endor nichts zu thun; und so hat auch, was Du im Traume vernommen, keine Bedeutung für Dich." „Doch, doch, lieber Markus. Ich habe den Vater gesehen,' und er hat mir diese Worte gesagt, und ich fühle, daß sie zur Wahrheit werden. Warum sollen wir es uns verbergen? Daß es zum Scheiden geht, wissen wir ja längst. Ob heute oder morgen, macht wenig Unterschied. Still, still, Markus, ich weiß, was Du mir zu sagen gedenkst. Ich fühle tief den Schmerz der Trennung von Dir; ich weiß, daß in Deinem Herzen ein tiefer Schmerz und große Leere zurückbleibt. Aber jener wird sich lindern und diese sich ausfüllen, denn Du hast Deine Wissenschaft. Ja, mich beruhigt sogar der Gedanke, daß ich nicht mehr das schwere Gewicht an den Schwingen des Adlers sein werde, das ich Dir so lange gewesen bin. Ich habe Dich niedergehalten durch meinen Trübsinn, durch mein Geschick, durch die Pflege, die ich in Anspruch nehmen mußte. Ich mußte Dich zurückrufen von der Lebensbahn, die sich Dir eröffnet hatte, um in einer Mansarde neben einem hinsiechenden Mädchen zu verweilen. Dies wird nun vorüber sein, und wer weiß, wie leicht und glänzend sich Dir die Zukunft noch gestalten kann!" Markus erwiderte nichts; ob er dachte, daß diese Lebensbahn auf immer verschlossen sei, ob ihn die Erinnerung beherrschte an seine eigenen Lebensereignisse, deren er das entscheidendste seiner Schwester vorenthalten hatte, wir wissen es nicht; aber er sagte: „Theure Lina, Du sprichst zu viel, Du wirst Dir Schmerzen bereiten, es schadet Dir..." „Nein, Markus, verbiete mir das Reden nicht. Was könnte mir noch schaden? Es liegt mir so Vieles auf dem Herzen, und ich will es von ihm heben, so lange es noch Zeit ist. Ich habe den Vater gesehen und da muß ich noch mit Dir reden. Störe mich daher nicht; ich werde schon aufhören. Bevor ich zu meinem Vater gehe, will meine Seele noch ein Zwiegespräch hallen mit dem unaussprechlich geliebten Bruder. Dann bin ich zufrieden." Sie lächelte dem Bruder so voll Liebreizes zu, und ihr fieberisch leuchtendes Auge senkte sich mit solcher Innigkeit in das seine, daß er ihr nicht widersprechen konnte. Er reichte ihr ein Glas, sie trank etwas und dann setzte er sich ihr wieder zur Seite. „Erinnerst Du Dich, Markus, eines Abends aus unserer Kindheit, auf dem Münsterplatze unserer Vaterstadt? Es war das letzte Mal, daß wir kindlich mit einander spielten. Ich that eine Frage an Dich, die Frage: warum der gütige und gerechte Gott gerade uns schuld-