Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-25 · Heft 30 (25.7.1871) · p. Seite 605

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 30 (25.7.1871)
Date
1871-07-25
Page
Seite 605 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226829--29702-3252552
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Allgemeine Feuilleton-Beilage;u tllr. 30. Leipzig, den 25. Juli 1871. Auf und nieder. Erzählung. (Fortsetzung.» 2. In einer alten vernachlässigten Vorstadt einer alten Residenz treten wir in ein großes, weithin sich dehnendes Gebäude, das schon in feinem Aeußern nicht den Aufenthalt adel- oder geldftolzer Menschen. Herren-von Rechten oder Gütern oder von beiden, verräth. Wir steigen die breiten steinernen Treppen der ersten, die schmaleren hölzernen der höheren Stockwerke hinauf, bis wir vorsichtig die knarrende Wendelsliege mit ihren ausgetretenen Stufen erklimmen, welche zu einem langen Gange führt, auf den eine Reihe von Mansardenzimmern mündet. Wir treten in eines derselben ein. Es ist ein wenig geräumiges, schmucklos, reinlich, wenn auch nicht peinlich ausgestattetcs Gemach. Wir besinden uns in der Arbeitsstätte eines Mannes, eines solchen, der mit dem Geiste arbeitet. Auf dem Schreibtisch, der vor das einzige Fenster gerückt ist, liegen Bücher, Arbeitshefte und sonstige Scripturen aufgehäuft, wie auch auf einigen Stühlen umher. Rechts vom Eingang bemerken wir nur noch ein breites, mit Büchern aller Formate, besonders mit Folianten und Quartanten besetztes Regal. Wenn der Bewohner dieses Zimmers in seinem Leben Schisfbrnch gelitten, so hat er aus diesem wenigstens eine beträchtliche Zahl Druckwerke, von welchem Wcrthe gestatten wir uns nicht zu untersuchen, gerettet. Das Regal reicht aber nicht bis zur entgegengesetzten Wand, sondern läßt einen Durchgang frei, welchem eine Thür entspricht, die in das dauebenliegende Zimmer führt. Sie steht offen, und indem wir Hineinschreiten wollen, bemerkt unser stüchtiger Blick, daß das Bücherregal auch nicht dicht an der Wand steht, sondern ein dahinter befindliches einfaches Lager verdeckt, auf welchem wahrscheinlich der Gelehrte das müde Haupt niederlegt, wenn er endlich in der tiefen Stille der Nacht die Lampe verlöscht, die feinem Forschen und Schaffen, seinem Grübeln und Niederschreiben geleuchtet. Wir stehen im anderen Gemach. Es ist. die Arbeitsstätte einer Frau. Denn an dem einzigen Fenster steht ein breites Nähpult, auf welchem alle die kleinen Gegenstände und Requisiten einer Näherin oder Stickerin oder dgl. sich befinden. In einem Winkel steht ein Vogelbauer, dessen Bewohner ihn aber verlassen hat; auf einer Commode eine kleine Porcellanvase, in. welcher die Blumen jedoch welk und verdorrt sind, nur einige frische Feldblümchen zeigen sich am oberen Rande des Gefäßes. In der Ecke ein alter Kleiderschrank, an der Wand ein kleiner Spiegel, dann noch ein Tisch, und einige Stühle — das ist wohl Alles? Still! In der anderen Ecke sehen wir ja ein gut ausgestaltetes, mit weißen Linnen überzogenes Bett, und auf demselben ruht ein Weib. Sie schläft. Werfen wir einen Blick auf sie; dieser Blick wird schnell ein Blick voll Wehmuth und Trauer werden, voll tief erregten Mitgefühls, das uns fast das Athmen beengt. O, daß Du sie nicht weckest! . . . Die große schlanke Gestalt zeigt sich auch durch die unschwere Decke, denn es ist um Sommers Zeit, verräth aber zugleich eine außergewöhnliche Abmagerung. Ihre schmalen weißen Hände ruhen ausgestreckt auf der Decke, und erscheinen wie durchsichtig. Ihr Kopf ruht auf dem Kiffen nach einer Seite gewendet. Welche hohe und umschriebene Röthe auf dieser sonst wachsbleichen eingefallenen Wange; wie die trockenen Lippen von der inneren Hitze gespalten sind; wie tief müssen die Augen in die Höhlen gesunken sein, da die Umgebungen so weit über das herabgesenkte Lid hinausragen; auf der bleichen Stirn haben sich Tropfen Schweißes gesammelt, die Fülle des Haares hat sich weit über die Schultern ausgebreitet und läßt in diesem Rahmen das eingefallene Gesicht und die Furchen um den doch noch lieblichen Mund um so schärfer hervortreten. Das Weib muß eben über die Jugendblüthe seines Lebens hinaus fein. Aber mitten in diesen Zerstörungen zeigen sich noch unverkennbar die Spuren großer Schönheit. Sie athmet schwer, und deutlich tönt aus der Tiefe der Brust das Raffeln der mühsam arbeitenden Lungen herauf, das bisweilen im Halse zum vernehmbaren Röcheln wird. Wer kann diesen Anblick ertragen, ohne daß sich Thränen in das Auge drängen? Und diese Thräne fehlt nicht. Neben dem Lager-sitzt ein Mann, ein kräftiger,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.