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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-25 · Heft 30 (25.7.1871) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 30 (25.7.1871)
Date
1871-07-25
Page
Seite 590 (sequence 2)
Language
German
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590 wenn sie auch hier und da mehr hinderlich als forderlich sind, doch nur als lobenswerth, als Vorzüge betrachten. Alle solche Versammlungen und ihre Beschlüsse haben im Judenthum durchaus keine entscheidende Kraft; jene sind freie Vereinigungen, diese nichts als Meinungsäußerungen, die anzunehmen, zu befolgen oder nur zu beachten Niemand anders als nach eigener Erwägung und Ueberzeugung verpflichtet ist. Es findet weder ein äußerer noch innerer Zwang statt. So betrachten es die Mitglieder der Versammlungen selbst, so das Publicum. Die Abstimmungen in ihnen haben keinen weiteren Werth, als die Meinung der Mehrheit und die der Minderheit zu constatiren; es kann Vorkommen, daß die letztere größeres Gewicht als die erstere hat, weil in ihr sich zusällig die Stimmen der Männer von größerer Autorität vereinen. Nun ist es aber sicher, daß die jüdische Masse, voll Autoritätsglauben für die Vergangenheit und mit großer Neigung für das Bestehende, sich wenig bewogen fühlt, die Autorität lebender Personen anzuerkennen und ihren Impulsen zu folgen. Es bedarf längerer Zeit und wiederholten Anstoßes, um bei ihr ins Leben zu führen, was selbst in der Mehrheit längst als Bedürfniß empfunden und anerkannt worden war. Unter diesen Umständen kann aus jenen Versammlungen nur allmälig und spät etwas Wirkliches hervorgehen, aber ebensowenig irgend ein wesentlicher Schaden erwachsen. Man wird daher fragen, wozu denn derartige Vereinigungen stattfinden? Die Antwort ist leicht zu geben. Die jüdischen Männer, wir wollen nicht Theologen sagen, die jüdischen Männer, welche sich in unserer Zeit für jüdisch-religiöse Angelegenheiten und Fragen nachhaltig interessiren, und ein bedeutendes Moment ihres Lebens darin finden, leben in großer Jsolirtheit, vereinzelt in den Gemeinden. Es fehlt dein Judenthunie an allen Eentren, an Mittelpuncten, zu denen das Leben hin strömen und von denen es ausströmen kann. Die Presse vermag dies nur theilweise zu ersetzen, weil in derselben ein Jeder doch nur aus sich und für sich allein spricht, und dabei seine eigene Meinung bestimmt darthut, ohne im Augenblicke einen andern zu hören. Jene Versammlungen dienen also dazu, vorhandene Ansichten in einer gewissen Gemeinsamkeit zum Ausdruck zu bringen, sie in ein gemeinsames Bett zu leiten, und ihnen so eine sicherere Gestalt, eine faßbarere Erscheinung zu verleihen. So wie der gemeinsame Gottesdienst außer der Befriedigung deS Einzelnen noch das große Verdienst hat, l die gemeinschaftliche religiöse Ueberzeugung darzustellen und zu verwirklichen, so dienen auch derartige Conferenzen, die Vereinzelung aufzuheben, und die gemeinsamen Ansichten als solche hinzustellen. Man erwäge dabei, daß in ihnen niemals neue Meinungen entstehen, daß sie nicht als Geburtsstätten neuer Ansichten gelten können, sondern daß in ihnen nur solche zum Ausdruck kommen, welche längst vorhanden und verbreitet waren, ja daß es in ihrer Natur liegt, extreme Meinungen abzuschleifen, und in eine mehr gemäßigte Vereinbarung zu bringen. Es ist aber niemals von Vortheil, wenn Meinungen, die einmal vorhanden sind, stillschweigend gewissermaßen im Dunkeln sich weiter verbreiten, ohne das Correctiv der gemeinsamen Besprechung und Beurthcilung zu erfahren. Drängt es also die Gegenwart, solche Versammlungen zu Stande zu bringen, so folge man diesem Triebe, ohne zu viel zu erwarten und zu befürchten. Mit der Zeit reisen auch an diesem Baume einige gute Früchte, eie der Gesammtheit zu Nutzen kommen. Man wird uns hierbei gestatten, mit wenigen Worten ein persönliches Verhältniß zu berühren. Daß der Herausgeber dieses Blattes der eben stattgehabten zweiten Synode nicht beigewohnt hat, war durch Gesundheitsrücksichten verursacht, die zu beobachten er leider genöthigt war. Man hat es nun auffällig gefunden, daß er vor dem Zusammentritt derselben sich in Aufforderungen, Vorbesprechungen u. dgl. nicht ausgelassen habe. Unsere Lehrer wissen, daß wir über die Referate der Commission in mehrfachen Artikeln berichtet, die Einladungen und Mittheilungen über die Synode bereitwillig gegeben haben. Ein Weiteres unsererseits hielten wir diesmal nicht für angemessen, und zwar einfach aus dem Grunde, weil uns von dem Schlüsse der ersten Synode bis zur Eröffnung der zweiten auch nicht von einem einzigen Mitgliede der ersten Synode, auch von teinem Freunde derselben irgend ein sie betreffender Artikel zngekommen ist, nicht ein einziger Bericht über Nealisirung irgend eines ihrer Beschlüsse oder ein Versuch dazu. Alles hielt sich schweigsam und war still und todt. Unter diesen Verhältnissen hielten wir es für angezeigt, die Sache sich selbst zu überlassen, um zu erweisen, daß sie Lebenskraft besitze und einer einseitigen, gewissermaßen sorcirten Förderung nicht bedürfe. Wir glaubten, unS mit der Ausgabe eines Berichterstatters begnügen zu dürfen. Durch die Tagesblälter geht die Mittheilung, daß von Seiten der deutschen Neichsregierung bcaösichtigt

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