Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1871)
- Date
- 1871-07-18
- Page
- Seite 587 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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587 Thiere und Menschen so viel sie nur können, daß sie wohl Strafe verdienten und durch Unglück gedemüthigt zu werden ... Da erzählen uns die Leute oft, wie fromm, wie rechtschaffen und gelehrt unser Vater gewesen, wie brav, fleißig und mit aller Welt liebevoll unsere Mutter — aber um so mehr wühlt es mir im Herzen, und ich frage hundert Male mich selbst unv die Wolken am Himmel und den Wind, der über den Markt und um die Ecke rast: was haben sie gethan, daß sie uns, ihren Kindern, entrissen worden, und wir hinausgeschleudert sind unter die fremden Menschen, bei dem guten Reb Chone, der aber sehr beschränkt isi, und bei der Frau Chone, die mich mehr als langweilt?! ... O, Markus . .." fuhr das tief benagt? Kind in etwas leiserem Tone fort, „im Wachen und im Träumen verläßt mich die Sehnsucht nach meinem Vater nicht — wenn ich allein bin, sei es im Zimmer oder vor dem Thore, da rufe ich den Namen meines Vaters bald leise, bald laut, unzählige Male hinaus, und in Träumen steht er immer vor mir, spricht mit mir, und wenn ich erwache, tönt wieder das Wort: „Vater!" von meinen Lippen . . ich höre es, und es schauert mich, ich glaube mit den Todten umzugehen . . . geht es Dir anders mit der Mutter?" Markus hatte tief erschüttert diese Ergüsse des schwesterlichen Herzens entgegengenommen, die ihm ganz neu waren, und vor welchen er nur mit Mühe die Thränen in seinen Augen zurückhielt. Nach einiger Zeit antwortete er: „Und warum sehnst Du Dich allein so sehr nach dem Vater und setzest mein Verlangen nach der Mutter voraus?" „Ich weiß es nicht. Was Dir der Vater und mir die Mutter wäre, daS scheint mir so natürlich zu sein, so ganz von selbst sich zu verstehen. Aber ich bin gewiß, ich wäre der Liebling deS Vaterö, Du, der der Mutter, und so kann ich die Sehnsucht nach ihm nicht überwinden, und es ist mir, als wenn ich daran stürbe, nur um recht bald zu ihm zu kommen!" Markus erschrak, faßte die Hand seiner Schwester, setzte sich schnell neben ihr auf die Bank und sprach mit zärtlichen, bittendem Tone: „Nein, nein, Lina, daS thust Du nicht, das thust Du um meinetwillen nicht, und siehst Du, ich verlange, daß Du Etwas und zwar recht viel um meinetwillen thust — Du mußt bei mir bleiben, sonst wäre ich ganz allein in der Welt!" Er wollte sie umarmen und küssen, aber Lina wehrte ihm und rief: „Du hast mir noch keine Antwort gegeben auf meine Frage, Du bist ein Gelehrter, Du kannst im Talmud lesen, und da muß es doch drin stehen: warum hat Gott uns unsere Aeltern genommen, da wir so unschuldig und sie so fromm und gerecht waren ..." „Du mußt nicht so fragen, Lina. So zu fragen ist schon böse, und kann leicht noch schlimmer werden. Wir müssen den lieben Gott verehren und was er thut, wenn wir es auch nicht verstehen, geduldig entgegennehmen, ohne so zu fragen und unwirsch in die Wolken zu schreien." Lina schüttelte mit dem Kopfe. „Das will gar nichts heißen. 3ch habe mehrmals gesehen, wie der NikvlaS im Hofe den Hund geschlagen, und der Hund winselte, und ich las deutlich in den Augen des Hundes die Frage: warum schlägst Du mich, da ich Dir ja gar nichts gethan? Sieh, Niemand las dies weiter in den Augen des Hundes als ich, man hätte mich ausgelacht, wenn ich es gesagt hätte, und einige Minuten später, als der Hund die Schläge überwunden hatte, stand nichts mehr davon in seinen Augen und er leckte die Hand des Nikolas, der ihm ein Stückchen Brod reichte, und wedelte vor ihm mit dem Schwänze. Ich bin aber kein Hund, und die Frage drängt sich aus meinem Herzen heraus und bleibt nicht stumm im Auge, sondern wird laut in Worten, die sich mir auS der trocknen Kehle drängen, und ich vergesse ihrer nie, und darum habe ich ein Recht auf die Frage und auf die Antwort." Jetzt hatte Markus das Haupt gesenkt und verlor sich in Nachdenken. Dann hob er an: „Lina, geliebte Schwester, ich glaube Deine' Frage kommt für Dich und für mich zu früh. Wir werden die Antwort erhalten, jetzt verstünden wir sie noch nicht. In voriger Woche blätterte ich in meinem mathematischen Lehrbuche und da fiel mein Auge auf eine Aufgabe, die mich sofort einnahm, zu der ich aber keinen Schlüssel fand. Ich fragte meinen Lehrer darum und er antwortete mir: Bon da, wo ich jetzt halte, bis zu dieser Aufgabe wäre noch weit, es lägen noch viele Lehrsätze dazwischen und diese müßte ich erst lernen und begreifen, bevor ich jene Aufgabe nur verstehen und nachher auch lösen könnte. Und siehe, er warnte mich auch, das Buch weiterhin nur aufzublatteru und nachzulesen. Dadurch würde ich zu ungeduldig und ginge zu leicht über die dazwischen liegenden Sätze hinweg, ohne deren gründliche Erlernung ich nicht weiter kommen könnte. Wir müssen Geduld haben, liebe Lina, Du darfst solche Fragen noch nicht stellen, denn wir sind noch Kinder und müssen noch viel erfahren, ehe wir solche Fragen verstehen und gar beantworten können. O theure Lina, schlage nicht das Buch zu früh auf, wir würden Beide sehr unglücklich sein; lieber will ich noch mit Dir spielen, laß unS beide noch Kinder fein!" Lina schwieg eine Zeit lang, dann sagte sie: „Bilde Dir nicht ein, daß Du mich überzeugt hast. Es liegt Etwas darin, aber nicht Alles. Du hast Deine Aufgabe nicht einmal verstanden, unv Du kommst erst in Zukunft an sie. Mir aber steht meine Frage so klar im Herzen und so deutlich im Kopfe, wie wenn das volle Mittagslicht auf die Uhr drüben am Rathhause oder auf den Wegweiser aus der Straße vor dem Thore fallt. Wo aber die Frage so klar ist, muß auch die Antwort klar und bereit sein, und wie ich als Kind die Frage verstehe, muß ich auch die Antwort begreifen, sonst hat der wieder Unrecht, der mir die Frage im Herzen geweckt hat und die Antwort vorenthält." Vielleicht wäre es unserm MarkuS schwer geworden, seiner scharfsinnigeren Schwester eine beruhigende Ant-