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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-18 · Heft 29 (18.7.1871) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 29 (18.7.1871)
Date
1871-07-18
Page
Seite 586 (sequence 20)
Language
German
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586 ärmlich gekleidetes Kind vorüberging, rief er dieses heran und leerte seine Taschen in das Schürzchen desselben aus. Das arme Kind war über diese Freigebigkeit ebenso erstaunt wie entzückt, und lief mit Freudengeschrei über seinen Reichthum quer über den Markt nach irgend einer Hütte in einem Sackgäßchen. Das Mädchen hatte dem stumm zugesehen; nun aber sprach es mit einem gewissen Hohn: „Glück auf, Markus, zu deinem männlichen Entschluß! Aber ein Knabe wie Du, der schon ein Blatt im Talmud lesen kann und jetzt auch Lateinisch lernt, der hätte längst dieses Opfer bringen und nicht erst auf das Gelöbniß seiner kindischen Schwester warten sollen." Das Antlitz des Knaben röthete sich doch etwas vor Unmuth, und er stieß fast etwas heftig die Worte aus: „Um wesientwillen spiele ich Venn solche kindische Spiele und setze mich selbst dem Spott meiner Schulkameraden aus?" Das Wort war gesprochen und jetzt erst schlug der Zorn der Schwester in Helle Flammen auf. Sie stampfte mit den Füßchen auf den Boden, sie hob den rechten Arm und ballte die Faust, ihre wundervollen großen Augen sprühten Blitze. „Ha! rief sie aus, wieder der alte Vorwurf, Alles um meinetwegen! Immer der Tugendheld voller Aufopferung für Andere, wenn er sich etwas zu gute thut. Nicht wahr, Du iffest und trinkst, Du schläfst und kleidest Dich an nur um meinetwegen, und am Ende gehst Du nur in die Schule und lernst Etwas, damit icb gelehrt und geehrt werde? Ich werde noch krank vor Aerger um dieser brüderlichen Liebe willen, und wünschte schon . . Der Gedanke, der jetzt durch die Seele des erhitzten Mädchens fuhr, mochte ihr doch selbst in ihrer Leidenschaft zu schrecklich dünken. Sie stockte, sprach nichts weiter, sondern ging nach einer hölzernen Bank unter einer Linde und setzte sich auf ein Ende derselben mit dem Rücken dem Spielplatz und ihrem betrübt dastehenden Bruder zu. Ihr Lockenköpfchen senkte sich auf die Brust, und sie hielt die Hände zusammengefaltet auf den Knieen. Markus trat heran, getraute sich aber nicht, wie er versucht war, seine Hand sanft auf die Schulter des zürnenden Kindes zu legen; er mochte wissen, daß seine Schwester sie nur um so erzürnter wieder abschütteln würde. Nach langer Pause begann er mit sanfter Stimme: „Lina, bist Du mit meinem Paar Strümpfe schon fertig und hast Du mein Taschentuch schon gesäumt? Letzteres brauche ich morgen in der Schule und über die Strümpfe freue ich mich sehr, denn bei dem rauhen Wetter, das bevorsieht, muß ich doch bald wollene tragen." Die Angeredete wendete nur ein klein wenig den Kopf und kehrte ihn dann schnell wieder ab. Sie fühlte wohl, daß ihr Bruder ihr hiermit eine Antwort gegeben, und zwar eine sehr gescheidte. Denn er hatte ihr zu verstehen gegeben, daß er jedenfalls viel mehr Opfer von ihr verlange, als er um ihretwillen trüge, und ein solch junges Mädchenherz fühlt aus Wort und Geberde deutlicher die Absicht heraus, als selbst der Sprecher es sich bewußt ist. Der Knabe fuhr fort: „Laß mich bei dieser Gelegenheit sagen, Lina, daß Du in Deinen Handarbeiten große Fortschritte machst; Du strickst so schnell und fest und nähest so fein und egal, wie Perlchen an Perlchen. Ich muß jetzt bisweilen lachen, wenn Du unserer Frau Chone die Nadel einfädeln mußt, denn sie wird sichtlich älter, während sie Dich früher ausschmälte, daß Du es gar nicht lernen wolltest, wie man Nadel und Faden zusammenbringt . . Diese Worte brachten keinen so günstigen Eindruck hervor, wie Markus geglaubt hatte; seine Schwester rückte noch einige Zoll weiter fort und einige Grade mehr seitwärts. Ein aufwachsendes Mädchen liebt keine offenbaren Schmeicheleien, denen man den Zweck abmerkt, und Markus hätte dies wissen können, denn Lina hatte sich dergleichen „geschmackloses Zuckerbrot)" schon öfter verbeten. Die Geschwister schwiegen wieder eine Zeit lang, da drehte sich plötzlich Lina zu ihrem Bruder um; ihr Gesicht zeigte nichts mehr von Zorn und Unmuth, wohl aber von Traurigkeit, die daffelbe freilich viel lieblicher machte, als die Erregtheit von vorher. Die untergehende Sonne legte feine Strahlen auf das etwas erblaßte Antlitz und beschien die hohe weiße Stirn und machte das üppige schwarze Haar erglänzen. Die Augen waren zum blauen Himmel aufgeschlagen, den einzelne weiße Wölkchen durchschifften. „Markus," bob sie an, und ihre Stimme hatte etwas Feierliches, „unsere Eltern sind todt, schon lange todt, Du vergißt das nicht?" „Wie könnt' ich das; ich habe ja erst vor vierzehn Tagen unserem Vater, Friede sei über ihn! an seiner Jahreszeit das Kaddisch nachgesagt, und Du glaubst doch nicht, daß ich dies thue, ohne an unseren Vater, der jetzt im Himmel ist, wirklich zu denken und seinen und der Mutter Verlust zu betrauern." „Nun, Markus," fuhr Lina und zwar schon wieder etwas heftiger fort, „so sage mir, wenn Du kannst, warum haben gerade wir denn unsere Eltern verloren? Was haben wir gethan, daß wir so hart bestraft wurden? Und wenn der liebe Gott so gütig und gerecht ist, wie man uns sagt, und wie ich auch glauben möchte, warum hat er uns unschuldige Kinder, die wir doch damals von Gutem und Bösem noch nichts verstanden, so grausam behandelt', daß es in unserem ganzen Leben nicht wieder gut gemacht werden kann. Warum sind nicht die Aeltern des Nikolas drüben im Hof gestorben, der doch noch einen Großvater und eine Großmutter hat, oder der Maria Stein am Glockenthurm, die noch einen Onkel und eine Tante hat, einen so guten Onkel und eine so brave Tante — warum gerade unsere Aeltern, da wir keine Großältern, keine Onkel und Tanten haben — sondern Niemanden, Niemanden in der Welt? Und doch sind die Marie und der Nikolas so böse und tückische Kinder, und mißhandeln

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