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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-18 · Heft 29 (18.7.1871) · p. Seite 588

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 29 (18.7.1871)
Date
1871-07-18
Page
Seite 588 (sequence 22)
Language
German
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588 wort zu geben. Wahrscheinlich hätte er sie durch brüderliche Liebkosungen, durch einen Appell an die schwesterliche Liebe zu beschwichtigen gesucht — denn auf diese Weise läßt man sich innner über die schwierigsten und drängendsten Fragen im Leben hinwegbrmgen — wenn nicht eben eine gellende Stimme über den Marktplatz ertönt wäre, welche rief: „Markus, Lina, wollt Ihr denn gar nicht zu Tische kommen? Die Kartoffeln werden ja kalt! Mit Eurem ewigen Spielen, Ihr großen Kinder!" Die Stimme kam aus einer Hütte, die tief zwischen zwei riesigen Steinhäusern hineingeklemmt war, deren Schutz jedoch sie vor dem längst drohenden Zusammensturz bewahrte. Hinter dieser gellenden Stimme kam aber eine tiefe Baßstimme, die sagte: „Händelchen, laß die armen Kinder spielen, so viel sie wollen, sie haben ja weiter nichts und haben schon genug gelernt und sind eigentlich viel zu gescheidt für armer Leute Kind, die noch dazu todt sind. Linachen, Markus, kommt zu Tisch!" Die Kinder folgten dem Rufe, Lina schnell voran, Markus langsam folgend und mit dem' Ausdruck der Schwermuth auf dem hübschen, regelmäßigen Gesichte. ^Fortsetzung folgt.) Ans der Commune von Paris. Die Arch. isr. erzählen: Das dritte Arrondissement von Paris ist Dank der Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart eines unserer Glaubensgenossen, des Herrn A. Wolf, der in der rue des Mles-du-Oalvaire Nr. 4 wohnt, vor einer schrecklichen Katastrophe bewahrt geblieben. Jene Straße war durch zwei Barricaden geschloffen, hinter welchen Insurgenten sich hielten. Als diese sich von den Soldaten der regulären Armee umzingelt sahen, beschlossen sie, das Viertel in die Luft zu sprengen, indem sie brennendes Petroleum und Pulver in die Rinnsteine gießen und in den großen Magazinen von St. Louis, die sich in dieser Straße befinden, Feuer anlegen wollten. Führte man diesen Plan aus, so wäre das Unglück groß gewesen. Herr Wolf sah aus seinem Fenster die Insurgenten ihre Zerstörungsvorbereituugen treffen, und sofort kam ihm ein rettender Gedanke. Jedermann kennt die Zaubermacht, welche der Branntwein auf die Communisten übt. Herr Wolf wollte diese herrschende Leidenschaft der „Bravi" benutzen; er läßt sie zu sich heraufkommen, schenkt ihnen ein Glas Wein und Branntwein nach dem andern ein und bringt es dahin, daß sie glücklicherweise ihre verderbliche Absicht vergessen. Aber die Gefahr war erst zur Hälfte abgewendet; unser Glaubensgenosse fürchtet als ehemaliger Soldat — eine That der Tapferkeit in der Krim hatte ihm eine militärische Decoration und eine Pension eingebracht, — daß der Klang der Trompete diese Betrunkenen wieder an ihre schändliche Aufgabe erinnern würde. Schnell läßt er den Trompeter rufen, schenkt ihm ebenso wie den Anderen zu trinken ein, spricht mit ihm von seiner Frau und seinen Kindern, steckt ihm ein Goldstück in die Hand und beschwört ihn, es seiner Frau zu bringen. Dieses erfinderische Auskunftsmittel gelingt über alle Hoffnung. Der Trompeter ging fort, Niemand war da, um das Signal zu geben und die völlig betrunkenen Mordbrenner vergaßen ganz und gar ihre gräßliche Absicht. Eine Viertelstunde darauf bemächtigte sich die Versailler Armee der Barricaden der rue des b'illes-du-Oalvaile und die Insurgenten hatten gerade noch Zeit sich zu retten, 'um — sich anderswo fusiliren zu lassen. S. Rosenthal. Geschichtliche Notiz. Als der Marschall Schömberg aus Portugal zurückgekehrt war, gab er Ludwig XIV. auf dessen Fragen über dieses Land folgende Antwort: „Was soll ich Ew. Majestät von einer Nation sagen, von der die eine Hälfte den König Sebastian und die andere den Messias erwartet?" (Bontaric, Correspondance secröte inedite de Louis XV. Paris 1867, I. 191). Nimmt man dies zusammen mit der bekannten Geschichte von Pombal's gelben Hüten, so sieht man, wie groß die Zahl der heimlichen Juden im 17. und 18. Jahrhundert in Portugal war. Der König Sebastian ist bekanntlich der Barbarossa der Portugiesen, der in der Schlacht bei Alcassar gegen die Marokkaner auf unerklärte Weise verschwand und von dessen Rückkehr man eine neue Blüthe des portugiesischen Reiches erwartete. Verlag von Banmgärtner's Suchbondlung in Leipzig. — Druck von I. 83. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur tti-. H. Lotze.

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