Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1871)
- Date
- 1871-07-18
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226828--29681-3252530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Allgemeine Feuilleton-Beilage zu Nr. 29. Leipzig, den IS. Juli 1871. Auf und nieder. Erzählung. 1. Zwei Kinder spielten auf einem Markte, ein Knabe . und ein Mädchen. Beide sahen sich unverkennbar ähnlich, nämlich beim ersten allgemeinen Blick; jede Prüfung . im Einzelnen zeigte sie sehr verschieden. . So auch konnte , man sie leicht für ungleichen Alters halten, und doch waren sie Zwillinge, jetzt ungefähr 11 Jahre alt. Das -Mädchen war schlanker aufgeschossen als der Knabe, hatte dunkle, blitzende Augen, während jener bei dunklem Haare ruhige, sanfte blaue Augen besaß. In ihrem ganzen Wesen trugen die Kinder einen verschiedenen Charakter ausgeprägt, das Mädchen leidenschaftlich, von innen heraus in die Außenwelt treibend, der Knabe nach innen gekehrt, trug Honig und Wermuth, die er draußen gesammelt, wie zur Verarbeitung in die Zellen seines Geistes hinein. Sie spielten auf dem Markte zusammen. Es war ein stiller, menschenleerer Markt, Zeuge längst vergangener Herrlichkeit der ehemaligen freien Reichsstadt, die jetzt, in einem Winkel des Landes wie vergessen, nicht einmal mehr unter den Provinzialstädten einen Rang einnahm. Da ragte der schöne Münster mit dem ihm in späterer Zeit aufgebürdeten spitzen Dachreiter hoch in die Luft und weit in den Platz hinein; da standen noch alte große Gebäude, die dem Capitel und den Domherrn des Münsters zu stattlichen Sitzen gedient, jetzt aber, ohne erheblichen' Kaufpreis zu besitzen, wohlhabende Bürger zu Eigenthümern hatten, deren Familien nur einen kleinen Theil dieser weitläufigen Räume füllten; die meisten derselben hatten daher bereits Zeichen des Verfalls angenommen. Da klebten aber auch kleine Nester von armseligen Häuschen in Winkeln und Sackgäßchen dazwischen, die dem Ansehen des Ganzen nicht eben zur Zierde gereichten. Bei der Anlage des Platzes hatte man vielleicht an eine eirunde Form gedacht. Aber die Männer des Mittelalters hielten wenig daraus, die ursprüngliche Gestalt eines Marktes oder einer Straße sestzuhalten, sondern Jedermann stellte sein Haus dahin, wohin es ihm gut schien, rückte bald vorwärts, bald rückwärts, in einen Vorsprung oder in eine Vertiefung, so daß die Figur bald alle Sicherheit verlor, schief und mannigfaltig wurde, mit hundert Ecken und Winkeln. Der Markt war ungepflastert und unregelmäßig mit Linden besetzt. Das Spiel der beiden Kinder war ein noch recht kindliches. Der Knabe hatte mit dem Absatz seines Stiefels ein Loch in den Boden gebohrt, und nun galt es aus einiger Entfernung die Kugeln aus gebranntem Thon in das Loch zu schieben, welche man in Deutschland bei der Kinderwelt überall wiederfindet, nur mit anderen Namen belegt. Jede Kugel gehört dem der Spielenden, welcher sie, sei es das erste Mal gleich, sei es beim zweiten oder dritten Versuche in das Loch schiebt. Der Knabe mußte stark in Gewinn, das Mädchen stark in Verlust sein, denn des Ersteren Hosentaschen strotzten schon von Kugeln, wahrend das Mädchen immer wieder nach einem Körbchen lief, um Succurs daraus zu holen; das schöne Gesichtchen war auch von Unmuth getrübt, die zornigen Augen, die gekräuselten Lippen, die Röthe der Wangen gaben Zeugniß davon, wahrend in dem Angesicht des Knaben sich nur Mitleid und Verdruß, letzterer wahrscheinlich über das Mißgeschick, das er seiner Schwester zufiigem mußte, ausdrückte. So viel Selbstüberwindung besitzt ein Kind doch nicht, um sich ungeschickt zu stellen, nur um den Spielgenosien zu schonen. Oder aber, wir wollen nicht ungerecht sein, vielleicht wußte der Knabe, daß das Mädchen über solch falsches Spiel sehr zürnen würde, in der Voraussetzung, man sähe in ihr nur ein thörichtcs Kind. Eben hatte das Spiel von Neuem begonnen; die Kugel des Mädchens, mit Leidenschaft geworfen, war in das Loch hinein und wieder darüber hinausgefahren, während die des Knaben langsam aber sicher in daS Loch lief. Da erhob sich die Gestalt des Mädchens vom Boden und richtete sich ihrer ganzen Länge nach auf; es schleuderte die Kugeln, die es noch in der Hand hatte, weit von sich und rief zornig aus: „Verwünscht sei das dumme Spiel! Keines dieser Dinger will gehorchen, ich gelobe es, niemals wieder eine Knippkugel anzufassen!" Der Knabe lächelte, und va gerade ein andere-