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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-18 · Heft 29 (18.7.1871) · p. Seite 573

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 29 (18.7.1871)
Date
1871-07-18
Page
Seite 573 (sequence 5)
Language
German
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573 legen hätte. Die Römer waren damals, wie uns die Berichte über viele Vorgänge erweisen, ganz besonders aufmerksam auf alle Versuche von Pseudomessiassen und verfolgten und unterdrückten diese mit unerbittlicher Strenge. Dieses historisch wichtige Moment darf nicht übersehen werden, denn es ist auch der eigentliche Schlüssel zu der Kreuzigung Jesu, wie wir in unsrem bekannten Schriftchen dargelegt haben. Gerade die Tenvenz dieses Büchleins „Ueber die Herrschaft der Vernunft" mußte daher die Messiaslehre ausschließen, ja war momentan geradezu gegen sie gerichtet, theils an sich, um das Volk von jedem Aufstande, zu welchem die Betrüger die Messiashoffnungen des leidenden Volkes so oft zu dessen großem Schaden mißbrauchten, zurückzuhalten und es vielmehr in Geduld auf die unausbleibliche Vergeltung durch Gottes Fügung zu verweisen, theils um bei den Römern, bei denen die Spionage in Blüthe stand, keinen Anstoß zu erregen. Es läßt sich auch hieraus erkennen, warum „die Herrschaft der Vernunft" in den Vordergrund gestellt worden, während doch das Buch nichts anderes wollte, als die Geschichte der Märtyrer in der angegebenen Tendenz auszumalen und dem Volke als Vorbild aufzustellen. Heben wir deshalb die hauptsächlichsten hierher bezüglichen Stellen aus dem Buche hervor: „Glaube nicht, daß, wenn du uns unserer Frömmigkeit halber getödtet, du uns durch deine Martern an unseren Seelen etwas schaden könntest. Denn wir werden durch das muthige Ertragen dieses Leidens die Belohnungen der Tugend erlangen, und bei Gott sein, um desien Willen wir ja leiden: du aber wirst für die Blutschuld an uns durch die göttliche Gerechtigkeit hinreichende ewige Strafe erdulden." (Cap. IX). „Tenn ich fühle meine Leiden durch die aus der Tugend entspringenden Freuden gemildert. Du aber wirst mitten in deinen gottlosen Drohungen gefoltert. Du wirst, verruchtester Tyrann, den Strafen des göttlichen Zornes nicht entgehen." (Cap. IX). „Im Begriff aber zu sterben, sprach er: Wir, verruchter Tyrann, ertragen dies um der göttlichen Anleitung und Tugend Willen. Du aber wirst für deine Frevelhaftigkeit und Blutschuld unaufhörliche Martern erdulden." (Cap. X.) „Lastet uns aus vollem Herzen uns selbst Gott heiligen, dem Schöpfer der Seelen, und unsere Körper für den Schutz des Gesetzes hingeben; heget keine Furcht vor dem, der anscheinend unsere Körper tödtet. Denn denen, die Gottes Gebote übertreten, steht eine große Gefahr für ihre Seele, in ewiger Marler zu liegen, bevor. Rüsten wir also die die Triebe beherrschende Kraft der göttlichen Vernunft. Denn so werden uns nach unserm Tode Abraham, Isaak und Jakob in ihren Schooß aufnehmen und alle Väter uns preisen." (Cap. XIII). „Sie wußten, daß Alle, welche um Gottes Willen gestorben, in Gott weiter lebten, wie Abraham, Isaak und Jakob und alle die frommen Ahnen." .(Cap. XVI). Und am Schluffe der Schrift: „Dafür hat die göttliche Gerechtigkeit den Mörder getroffen und wird ihn noch fürder treffen. Die Abrahamssöhne aber mit ihrer siegreichen Mutter reihen sich der Schaar der Ahnen an, da sie heilige und unsterbliche Seelen empfangen haben von Gott, dem Ruhm sei in die Ewigkeiten der Ewigkeiten." Man braucht nur diese wenigen Stellen zu lesen, um zu erkennen, wie in dieser Schrift dem jüdischen Volke ein Vorbild ausgestellt werden sollte, den Römern gegenüber nicht angrisfsweise durch Aufstand und Kampf, sondern in geduldigem Ausharren vorzugehen, die Leiden zu ertragen, in der väterlichen Religion fest zu bleiben, und die Vergeltung Gottes als Lohn in dem eigenen ewigen Bestände, als Strafe im Untergang des blutbefleckten Feindes zu erwarten. Als die beiden hier hervortretenden Züge der Vergeltungslehre bemerken wir: Die Milderung der Leiden durch das Bewußtsein der Tugend und Pflichterfüllung, und die Strafe für den Bösen, die in seinem Gewissen liegt, andrerseits Lohn und Strafe im jenseitigen Leben, in ewiger Freude und ewiger Marter. Die Unstcrblichkeitslehre tritt hier so in den Vordergrund , daß ihre Betonung innerhalb des jüdischen Kreises eine gewisse Tendenz bekundet, nämlich die, dem MessiaSglauben zu entfremden. Den Grund hierfür haben wir oben angegeben. Darum markirt sich auch das Motiv für die völlige Hingebung und Aufopferung lediglich in der Liebe zu Gott und im Heile der Seele, also ohne Erwartung und Verlangen dieses Lohnes in irdischen Gütern, in langem, gesegnetem Erdenleoen. Diese ganze Auffassung und ihre Ausdrucksweise liegt der alexandrinischen Richtung, und der Art, wie wir dort die Unsterblichkeitslehre behandelt sahen, völlig fern. Aehnliche Ansichten finden wir auch bei FlaviuS Josephus, namentlich in den Reden, die er bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten haben will. Allerdings sind diese meist nur rhetorischer Schmuck zu der geschichtlichen Darstellung. Allein dies ist für unseren Gcsichtspunct gleichgültig, da immerhin die damals

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