Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1871)
- Date
- 1871-07-18
- Page
- Seite 571 (sequence 3)
- Language
- German
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571 tigerr und Bern,inst annehmen mögen, deren sie jetzt den Deutschen gegenüber ganz baar erscheinen. Wenn von klerikaler Seite vst behauptet wird, daß der Syllabus und die persönliche Unfehlbarkeit für die bürgerliche Gesellschaft durchaus nichts Beunruhigendes hätten, so hat dies jüngst der Papst selbst wieder einmal Lügen gestraft. An seinem 25-jährigen Jubiläum äußerte er sich gegen die französische Deputation, wie der ultramontane „Monde“ nach stenographischer Aufzeichnung bringt, u. A. folgendermaßen: „Dennoch muß ich Frankreich die Wahrheit sagen. Ich erinnere mich eines hochgestellten Franzosen, mit dem ich hier in Nom gut bekannt war und der mir große Complimente machte. Es war ein ausgezeichneter Mann, ehrlich, und der seiner Religion gemäß lebte; er beichtete sogar, aber er hatte gewisse seltsame Principien, Principien, von denen ich nicht verstehe, wie sie zu einem überzeugten Katholicismus passen. Er sagte mir z. B., das Gesetz müsse gottlos (d. h. für alle Confefsionen gleich) sein, wir müßten alle Welt beschützen, die Protestanten sowohl wie die Anderen. Wir -verständigten uns über manche Puncte, aber niemals über diesen. Und was geschah? Derselbe Mann that heute das Eine und morgen das Andere ganz entgegengesetzt. Da einer seiner Freunde, der Protestant war, in Nom starb, begleitete er dessen Leiche nach dem Begräbnißplatze und wohnte der protestantischen Leichenfeier bei. Gewiß thut man sehr wohl, den Protestanten in ihren Nöthen und Krankheiten zu helfen und ihnen Almosen zu geben, besonders wenn man ihnen die Almosen der Wahrheit zu ihrer Bekehrung spendet, allein an gewissen geistlichen Handlungen Theil nehmen, das ist schlimm. Meine lieben Kinder, es ist nöthig, daß meine Worte euch deutlich sagen, was ich in meinem Herzen habe. Was euer Land bekümmert und es verhindert, die Segnungen Gottes zu verdienen, das ist das Durcheinander der Grundsätze. Ich will das Wort auösprechen und eS nicht verschweigen: was ich fürchte, sind nicht alle diese Elenden von der Commune von.Paris, wahre Teufel aus der Hölle, welche auf Erden wandeln. DJein, cs ist nicht das; was ich fürchte, ist jene unglückliche Politik, dieser katholische Liberalismus, welcher das wahre Uebel ist." Er wirft dann Frankreich das „Schaukelsystem" vor, welches eine entschiedene und durchgreifende Bevorrechtigung oder staatliche Herrschaft der Katholiken nicht zuläßt. Dies ist doch deutlich genug gesprochen! Die Glaubensfreiheit, die bürgerliche Gleichstellung der Confessionen, der religiöse Friede unter den Bürgern eines Staates, unter den Kindern eines Vaterlandes, das ist nach der Auffassung des Papstes selbst die Ursache alles Unglücks! Die Bürger, die verschiedener Consession sind, sollen gegenseitig wieder die Waffen ergreifen, die Mehrzahl die Minderzahl unterdrücken, zurücksetzen und ausschließen, der Staat soll wieder seinen Arm der Kirche leihen, um die Ketzer zu vertreiben, auözurotten, die schönen Zeiten der Hugenottenkriege in Frankreich,. des dreißigjährigen Krieges in Deutschland, der Inquisition in Spanien sollen zurückkehren — dann ist das Heil der Welt wieder da und die Segnungen deS Friedens, erquicken die Menschenherzen!! Man sieht, daß die Gesinnung der römischen Partei die. gefährlichste für die eivilisirte Gesellschaft ist, und daß sie nur theoretisch bleibt, so lange ihr die praktische Macht fehlt. Wenn aber der Papst selbst jede heuchlerische Maske wegwirft, warum übernehmen seine treuesten Anhänger es, sich dieselbe vorzubinden? — Ueberlassen wir uns aber ja dem Glauben nicht , daß die dem Unfehlbarkeitsdogma widerstrebenden fg. Altkatholiken, wenn sie die Herrschaft erlangten, gegen uns Juden anders verfahren und anderer Gesinnung gegen unS sein würden. Die Ansichten der Führer dieser neuen Partei/ namentlich des Herrn von Döllinger, gegen die Juden sind übrigens seit langer Zeit bekannt. Jüngst wurde in der „Südd. Presse," die in München erscheint, ein Schreiben aus Bonn veröffentlicht, in welchem berichtet wurde, daß ein zum Tode erkrankter katholischer Professor, der den Protest gegen die Unfehlbarkeit milunterzeichnet hat, vergebens die Sterbesacramente von dem betreffenden Pfarrer verlangt habe, und daß eine Anfrage des Letzteren bei dein erzbischöflichen Ordinariate in Cöln dahin beschieden wurde, die Sacramente dem Sterbenden so lange zu verweigern, bis er einen Widerruf unterzeichnet habe. Der altkatholische Berichterstatter bezeichnet diesen Bescheid als einen „Synagogenbescheid"! Er glaubte wahrscheinlich hiermit etwas recht Bitteres gegen das erzbischöfliche Ordinariat gesagt zu haben. Als einige Altkatholiken deshalb interpellirt wurden, beriefen sie sich auf Uriel Akosta, von welchem sie freilich nichts weiter wußten, als was ihnen Gutzkow in seinem mißlungenen Drama dieses Namens vorgeführt hat. Es ist dies ein kleines, aber scharfes Streiflicht auf die Gesinnungen dieser Leute, die sich in der That von ihren klerikalen Confratres lurch nichts unterscheiden, als durch ihren Widerspruch 29*