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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-18 · Heft 29 (18.7.1871) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 29 (18.7.1871)
Date
1871-07-18
Page
Seite 570 (sequence 2)
Language
German
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570 Sand, in welchem diese sich sogar als eine sehr scharf -lickende Politikerin erweist, sagt sie unter vielem Andern: „Man sagt, daß sie nicht alle böse oder habgierig sind, ja daß die wahren Deutschen es gar nicht sind, und daß diese fordern, daß man sie nicht mit den Preußen, die Alle Diebe sind, vermische." Wohl gemerkt, die Worte „die Alle Diebe sind" (tous volenrs) sind auch im Original breit gedruckt. Die geistreiche Schriftstellerin sagt noch mehr, wir begnügen uns aber hiermit. Wenn das die feinste Gesellschaft Frankreichs ist, so bedauern wir letzteres, es ist auch hierin von seiner früheren Größe herabgesunken. Wo eine Nationalleidenschast mit solcher Heftigkeit entzündet ist, darf sich der kleinere Theil, darf sich das Individuum nicht beklagen, und deshalb faßten wir den festen Vorsatz, Jnvectiven ganz unbeachtet zu lasten. Im Grunde wird uns dies nicht schwer, da wir auch in Deutschland genugsam daran gewöhnt sind und weder das ununterbrochene Schimpfen der Schwarzen, noch das ewige Nörgeln und Mäkeln Derer, welche auf der einen Seite schwarz, auf der anderen weiß angeftrichen sind, um vorkommenden Falls bald diese, bald jene Seite vorzeigen zu können, im Grunde aber nur grau erscheinen, ach! grau, sehr grau, nicht wie das ehrwürdige Alter, sondern grau vor Staub und Asche — uns aus unserer Ruhe zu reißen, noch in unserem Wege zu beirren vermag. Insbesondere mußten die deutschen Israeliten darauf gefaßt sein, von ihren elsässifchen Glaubensbrüdern mit scheelen Augen angesehen zu werden, und die unangenehme Erfahrung zu machen, daß auch die GlaubenSgenostenschaft vor solchen nationalen Thorheiten und Leidenschaften nicht schützt. Das haben wir denn auch bereits erfahren, und die erste Nummer eines wieder erscheinenden Pariser BlättchenS enthält einen Brief eines anonymen Elsästers, der sich all seiner drückenden Gefühle gegen Deutschland, gegen die deutschen Juden und gegen den Herausgeber dieser Zeitung entledigt. Wie gesagt, wir antworten nicht, wir constatiren nur ein für alle Mal die Thatsache und kommen dann nicht wieder darauf zurück. Das Merkwürdige dabei ist, daß der Anonymus im Grunde Niemandem etwas Böses nachsagen kann und daher um so thörichter in seinem Bestreben, Jedem etwas Böses anzuhängen, erscheint. Er muß zugestehen, daß die deutsche Verwaltung durchaus nicht übelwollend gegen die deutschen Juden sei; man habe sich nicht über sie zu beklagen, die Beziehungen zu den Präfecten, Unicrpräfccten und Beamten aller Art seien gut, die Rabbinen, Cantoren und Lehrer werden wie von der französischen Regierung bezahlt — und dennoch! Der Mann behauptet, daß in allen öffentlichen Acten die Bürger jüdischen Glaubens mit „Jude" betitelt würden, und daß die Steuereinnehmer ihre Ausschreiben adressiren: „Herr N. N., Jude in Colmar." Dies ist sicherlich unwahr, und sollte irgend ein einzelner Mißbrauch derart vorgekommen sein, so würde die einfache Anzeige der Beamten eine harte Rüge verursachen. Wir erinnern uns, daß solche mißbräuchliche Bezeichnungen gar nicht selten selbst von den höheren franz. Gerichtshöfen bis jetzt vorgekommen sind und darüber in den Journalen berichtet worden ist. Die israel. Consistorien werden, wie er sagt, von der deutschen Verwaltung aufrecht erhalten und in ihrer vollen Autorität anerkannt. Er giebt zu, daß sie sich selbst von innen heraus desorganisiren, und zwar besonders durch Wegzug einiger Mitglieder. Wir wissen jedoch, daß sich das Consistorium von Colmar in der Desorganisation befand, ehe ein Wegzug ftattgefunden. Bon den deutschen Juden sagt er, daß „noch nicht viele angekommen seien; aber Geduld! es werden ihrer allzu viele später kommen, und wir fragen uns nicht ohne Unruhe, welche Rolle sie unter uns spielen werden; ihre Haltung scheint mir nicht sehr Vertrauen erweckend." Auf solche Reden bemerken wir nichts; wir fragen uns nicht, wie viel Vertrauen die elsässiscken Juden und deutschen Juden einflößen. Dies ist dem Anonymus nun ein Uebergang, um gegen uns, unsere Ansprache an die elsässifchen Glaubensgenossen , unsere Sammlung für die durch den Krieg verunglückten Juden in Elsaß und Lothringen zu Felde zu ziehen. Mag er es thun, er scheint uns sehr wenig gefährlich, und seine Schüsse sind allesammt nur blind geladen. Wir trösten uns über das Mißwollen des Anonymus mit den Zeitschriften und Danksagungen des Wohlthätigkeitscomitss von Straßburg, der Herren Großrabbinen von Straßburg und Metz, der Herren Rabbinen von Pfalzburg, Weißenburg, Belfort, des Herrn M. Lambert und des Vicepräsidenten Daltrosf zu Thionville, des Herrn Leon Werth, Mitglieds des Consistoriums zu Colmar, und glauben, daß die Autorität der Genannten die des Anonymus in der Revue israelite vollständig aufwiegt. Wir können daher hierüber zur Tagesordnung gehen und sprechen nur schließlich als unseren innigen Wunsch aus, daß die Geister in Frankreich wie im Elsaß sich bald wieder beschwich-

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