Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1871)
- Date
- 1871-07-11
- Page
- Seite 567 (sequence 19)
- Language
- German
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trieben wurden und in anderen Ländern eine Zufluchtsstätte aufsuchen mußten. Daß hierbei große Mengen ihren Untergang fanden, ist selbstverständlich, aber mehr den blutigen Verfolgungen, den Gefahren der Wanderschaft, der Feindseligkeit in ihren neuen Wohnsitzen, als der natürlichen Zerstörung der Acclimatisation zuzuschreiben. Aus Spanien wurden sie 1J92 vertrieben und wanderten vorzugsweise nach der Türkei und Norafrika. Hier erscheinen sie bald in sehr blühenden Gemeinden. Erst später wurden die, welche sich zur Kirche bekannt hatten, durch die Inquisition gezwungen, auch in Holland und von da später in England ein Asyl zu suchen. Wenn diese Einwanderung auch längere Zeit dauerte, so. wäre es für sie doch nicht möglich gewesen, so schnell anwachsende Gemeinden in Holland zu begründen, wenn die bedeutende Verschiedenheit des Temperaturmittels zwischen Spanien und Holland, zwischen Granada und Amsterdam, die Sterblichkeit vermehrt und die Fruchtbarkeit vermindert hätte. So ist es nicht zu verkennen, daß der jüdische Stamm hinsichtlich seiner natürlichen Befähigung zur Acclimatisation eine besondere Ausnahme macht*), welche in einer genetischen Anlage begründet sein muß, wenn diese uns auch ganz unbestimmbar ist. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß das Auskunftsmittel, die Colonisten mit eingeborenen Frauen zu verheirathen, bei den Juden gar nicht zur Ausführung kam, und so die Beschränkung auf den eigenen Stamm die Gefahren der Acclimatisation erhöhte. Nur zwei Momente können wir als günstig für diese Erscheinung anführen. Zuerst, daß die Juden stets sich an Orten an siedelten, wo bereits Urbarmachung und Colonisation vorsichgegangen, also gewissermaßen die härtesten Prüfungen der letzteren schon überwunden und die Mittel einer angemessenen Lebensweise vorhanden waren. Dann hat hierin sicherlich die strenge Beobachtung des jüdischen Gesetzes eine besondere Wirkung gehabt, da es, wie Mäßigkeit und Nüchternheit überhaupt, so auch die möglichste Befolgung der bisherigen Lebensweise mit sich führte. Denn hierüber kann kein Zweifel sein, daß die Sterblichkeit der Colonisten, durch schnellen Uebergang in andere Lebensweisen, durch Unmäßigkeit und Ausschweifung aller Art sehr vergrößert wird. Man sieht aber leicht ein, daß diese beiden Umstände zwar Etwas, aber nicht das Hauptmoment erklären. Es ist hier ein physiologisches Problem vorhanden, dessen Lösung aber kaum möglich ist, oder, aus einem anderen Gesichtspunkte betrachtet, ein Moment, in welchem in providentieller Weise Natur und Geschichte zusammentressen. Die Geschichte der Juden wäre ohne diese Befähigung zur Acclimatisation nicht möglich gewesen. Ob nun diese letztere wieder durch die Geschichte dieses Stam¬ *) Man hat in dieser Beziehung die Zigeuner vergleichen wollen; allein diese leben lauin in scstcu Ansiedelungen, sondern sind stets auf der Wanderung, auch fehlen uns über sic genaue statistische Angaben. mes, d. h. durch die geschichtliche Nothwendigkeit für ihn, immer neue Ansiedelungen zu suchen und die damit verbundenen Gefahren zu bestehen, in ihm wuchs, können wir nicht entscheiden. *) *) Es wäre sehr interessant und eine würdige Aufgabe, wenn die Rabbinen, Prediger und Lehrer in den amerikanischen und australischen Gemeinden die Geschichte der dortigen jüdischen Eolonien aus diesem Gesichtspunkte genau erforschten. ES käme hierbei darauf an, da« Anwachsen derselben, nämlich jeder einzelnen, statistisch zu verfolgen und sepzustellen. ES müßte aus den verschiedenen Perioden der Cotonie die Seclenzabl, die Zahl der Einwanderungen, der Geburten und Stcrbcsälle und daS Berbattniß der beiden letzteren zu den erster«« erforscht werden. Zn den Stcrbesällen hätte natürlich die vermehrte Einwanderung vorzugsweise ihr Eontingent gestellt. E» wird dies an vielen Orten jetzt noch möglich sein, später nicht mehr. Auch giebt eS Plätze, z. B. New-Port, wo schon früher anscbnliche Gemeinden waren, wie die noch vorhandene Synagoge und der Begräbnißplatz erweisen, und die später von den Juden wieder verlassen wurden. WaS war die Ursache? Der Wegzug nach Orten, die größere Chancen boten? oder daS AnSsterbcn? oder beides? und in welchem Maße? Die Beantwortung aller dieser Fragen und die Bearbeitung dieses Gegenstandes in dem von uns angegebenen Sinne würde für das hier.in Rede stehende Thema von großem, auch wissenschaftlichem Interesse sein. Die ganze Frage der Acclimatisation hat eine größere Wichtigkeit, als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist, und ist nicht bloS.eine Sache' der Neu- und Wißbegierde. Ihre gründliche Entscheidung würde auf die spätere Gestaltung der Eolonisirnng einen großen Einfluß üben, und zahlreiche Atenschcngrnppcn würden vor dem Untergänge gerettet werden, wenn d,c naturgemäßen Bedingungen der Acclimatisation erforscht und sestgcstellt wären. Bis letzt hat man diese Frage sehr leichtsinnig behandelt und ist stets nur davon ausgegangcn, ob man in der neuen Ansiedelung reichen Gewinn finden wird. Ob er und ganze Geschlechter dabei zu Grunde gehen, kam einem höchstens dann "in den Sinn, wenn der Ort als höchst „ungesund" verschrieen wurde, d. h. wenn schon zahllose Menschen vor ihm als Opfer des Klimas gefallen waren. Korrespondenz. Berlin, im Juni. Gestatten Sie mir, hochgeehrter Herr Doctor, hiermit einer Mißdeutung zu begegnen, der ein Wort Jhres verehrten Freundes, des Herrn lw. Jellinek, leicht ausgesetzt sein möchte, Nach einem im Feuilleton Ihrer geschätzten Zeitung mitgetheilten Referate soll derselbe, nachdem er mit vollem Recht die von ihm aufgeworfene Frage, ob wir unsere andersglaubenden Mitbürger den Heiden zu vergleichen wagen dürften, entschieden verneint, der Judenheit die Mahnung zugerufen haben, sich von jenen nicht schroff abzuwenden. Es mag dahin gestellt bleiben, ob die gedachte Frage nicht an sich schon Mißversiandniß zu erzeugen geeignet und cs. in heutiger Zeit vonnothen sei sie zu erörtern, da der etwa dadurch hervorgerufene Unmuth durch die definitive Negirung derselben wohl hinlänglich beschwichtigt werden dürfte. Die daran geknüpfte Warnung dagegen, sich nicht unduldsam und