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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-11 · Heft 28 (11.7.1871) · p. Seite 565

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 28 (11.7.1871)
Date
1871-07-11
Page
Seite 565 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Feuilleton-Beilage zu Rr. 28. Leipzig, den LI. Juli 1871. Die Acclimatisirntt.q und die Inden. Es ist bekanntlich eine Eigenschaft des Menschen, in welcher er alle Thierarten weit hinter sich läßt, daß er nicht bloß in allen Zonen und Klimaten, mit Ausnahme der äußersten Polargegend, zu wohnen vermag, sondern daß er sie auch zu durchwandern befähigt ist und den Wechsel ihrer Temperaturen ertragen kann, ohne davon wesentlich in seiner Gesundheit geschädigt zu werden. Der Matrose, der heute die Linie passirt, kann sich in wenigen Wochen zwischen den Eisbergen des Nordens oder des Südens ^befinden. Aus einer Alpen- oder Andesschlucht, in welcher die Sonunersonne die stärkste Wärme verbreitet, steigt der Wanderer an demselben Tage bis zu einer Höhe von 0—10,000 Fuß, und macht hierbei sämmtliche Jahreszeiten bis zum heftigsten Winterfrost durch. Jndeß ist es eine andere Frage, ob der Mensch von der Natur beanlagt ist, aus einem Klima in das andere sich dauernd zu verpflanzen, ohne Schaden zu erleiden? Die wissenschaftlichen Forschungen haben bis heute diese Frage noch nicht mit Entschiedenheit beantwortet. Wer die Geschichte der menschlichen Bevölkerung auf der Erde oberflächlich überblickt und sich die überaus zahlreiche Colonisirung entlegener Länder ins Gedächtniß ruft, erstaunt vielleicht, daß dies noch eine Frage sein könne, da die Thatsachen sie entschieden bejahen. Seitdem es besonders durch die Sprachvergleichung sichergestellt ist, daß, wie die Perser und Inder, die alten Griechen und Römer, so auch die germanischen und slavischen Völker von einem innerasiatischen Urstamme, von welchem sie sich nach und nach abgelöst haben, entsprungen sind, und deshalb mit dem gemeinsamen 'Namen der Arier belegt werden, sollte man glauben, daß die Frage nicht gut mehr aufgeworfen werden könne. Die Bevölkerung von Amerika und Australien durch Europäer und theilweise durch Neger, jetzt auch durch Chinesen, scheint nicht minder dafür zu sprechen. Allein hierbei ist zweierlei zu bedenken, zuerst, daß eine Uebersiedelung aus einem Lande in ein anderes, wo dasielbe Mittel der Temperatur herrscht, und ein allmäliges Vordringen, während dessen für wenige Grade vielleicht Jahrhunderte vergingen, mit einer größeren Gefahr nicht verbunden zu sein scheint. Wenn dagegen die Bevölkerung einer Colonie sich auf ihrer Höhe zu erhalten oder gar anzuwachsen scheint, so kommt dies zumeist von der fortdauernden Einwanderung her, während die Statistik der Colonie ein so hohes Uebermaß der Sterbefälle gegenüber der Zahl der Geburten erweist, daß die Colonie ohne jene Einwanderung aussterben müßte. Schon Plinius und Vitruv bemerkten, daß die nach Süden auswandernden Römer und ihre Bundesgenossen stets Zuflüsse von Menschen bedurften, um sich daselbst erhalten zu können, während die nach Norden versetzten Legionen und Colonisten weniger litten. Es ist bekannt, daß bei den' nach Indien versetzten Engländern nicht blos eine übermäßige Sterblichkeit herrscht, sondern daß ihre mit Europäerinnen dort geschlossenen Ehen kinderlos bleiben. Die Briten würden schon in der dritten Generation in den Gangesländern auSgestorben fein, wenn nicht immer neue Masse oayingingen. Eine gleiche Erfahrung machten die Franzosen in Algerien, und der General Bujeaud und andere Autoritäten erklärten *•’■■ Colonisation Algeriens durch Franzosen für unmögnch. In entgegengesetzter Weise vermögen die Neger eine bedeutende Erniedrigung der Temperatur nicht ohne eine große Sterblichkeit zu ertragen, und man glaubte lange Zeit, daß selbst auf den westindischen Inseln dieselben aussterben würden, sobald durch die Unterdrückung des Sklavenhandels der frische Zuwachs aufhörte. Gleiche Beobachtungen seitens der Holländer auf den ostindischen Inseln, wie über die Sterblichkeit und die Unfruchtbarkeit der Ehen der Europäer in allen tropischen Gegenden im Allgemeinen liegen von allen Seiten vor. Wie viel übrigens die Verpflanzung der arischen Völker in andere Klimate, so allmälig sie auch geschehen, an Opfern gekostet hat, kann Niemand sagen. Bei dieser Sachlage, bei diesen Widersprüchen der Thatsachen unter einander hat man seine Aufmerksamkeit auch auf Pflanzen und Thiere gerichtet. Rück« sichtlich der Verwandlung von Wintergetreide in Sommergetreide und umgekehrt hat man bei der Verpflanzung des Getreides nach Sierra-Leone Beobachtungen angestellt.

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