Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1871)
- Date
- 1871-07-11
- Page
- Seite 558 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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558 Frankreich. Paris, 22. Juni. (Privatmitth.) Sie wünschen, geehrter Herr Redactcur, eine Beantwortung der Frage, welche Stimmung bei unseren französischen Glaubensgenossen hinsichtlich ihrer deutschen Glaubens- und Stauimverwandten gegenwärtig vorwalte? Ob in diesen die Sympathie, die aus ihrer Religionsgenosfenschaft fließt, die national-französische Gesinnung überwinde oder nicht? Ich betone das „gegenwärtig", denn, wie sich von selbst versteht, kann die Zukunst eine Aenderung und Umstimmung bringen, und wir wünschen, daß dies in kurzer Zeit geschehe. Ich halte es aber für einen Jrrthnm, wenn man der sonstigen Beweglichkeit des französischen Charakters eine solche Umstimmung in naher Zuktinft zutraut. Gerade eine bewegliche Natur handelt mehr aus Jnstinct als aus Ueberlegung und besonnener Abtragung der Umstände. Ein Jnstinct aber gleicht einem Anker, der sich fest in den Boden eingesenkt hat, und welchen selbst eine stürmisch bewegte Oberfläche nicht aus der Tiefe herauszureißen vermag. Was einmal bei den Franzosen zu einem solchen Jnstinct geworden, hält dauerhaft den Wechsel der Zeiten aus. Das haben sie in ihrem Napoleonischen Jnstincte, in ihrem Rachedurst gegen Alle, welche an Leipzig und Waterloo Theil genommen, gezeigt, und ein solcher Jnstinct war cs, der sie im vorigen Jahre aus der wärmsten Friedensliebe, als er einmal aufgerüttelt war, zum Kriege gegen Preußen fanatisirte. Ich kann mich daher der Ansicht nicht eutschlagcn, daß der Deutschenhaß zu einer Art Glaubensbekenntniß bei den Franzosen geworden ist und durch Umstände ztvar zurückgehalten, aber niemals erlöschen wird. So werden wohl die Deutschen auch in der nächsten Zeit in Frankreich diejenige Sicherheit des Lebens und des Eigenthums genießen, welche das Gesetz verbürgt, soweit dieses die Kraft hat, sich Gehorsam zu erzwingen. Sonst aber wird allein der Nutzen, der Vortheil, die Uncntbehrlichkeit, wo und so weit diese vorhanden, die Thüre öffnen. Jede andere bleibt ihnen verschlossen. WaS nun infonders unsere Glaubensgenossen betrifft, so macht bei denselben gegenwärtig, meiner Erfahrung gemäß, das Glaubenselement wenig und nur bei Wenigen etwas aus. Ich kenne Viele, welche früher mit deutschen Juden in lebhafter Verbindung standen, und diese gänzlich abgebrochen haben, Manche, die sich für die jüdische Literatur und Presse in Deutschland lebhaft interessirten und jetzt durchausnichts mehr davon wissen wollen. Ob sich dies bei ihnen schneller verlieren werde, als bei den Franzosen christlichen Glaubens, kann ich nicht sagen. Hat sich einmal ein Vorurtheil bei den Menschen gebildet, so ist es schwer wieder auszurotten. Weil die deutschen Juden ihre Liebe zu ihrem Baterlande so thatkräftig und unbedingt bethätigt haben, glauben sich die französischen um so mehr berechtigt, gegen sie eingenommen zu sein. Sie hatten sich nämlich eingebildet, daß die deutschen Juden, weil sie vielfach noch vom Staate stiefmütterlich behandelt werden und weil Frankreich viel für die Emancipation der Juden gewirkt hat, auf Seiten Frankreichs stehe» würden, und da sic sich hierin nun gänzlich getäuscht sahen, sind sie gegen ihre deutschen Glaubensgenossen sehr erbittert. Ich habe derartige Aeußerungen zu oft gehört, um dieses besonderen Umstandes nicht sicher zu sein. Sie halten sie für - undankbar und des Gefühls für Freiheit baar. So widersinnig dies den deutschen Juden erscheinen mag, so wenig dies mit der einfachsten Kenntniß des wahren Patriotismus, der eingeborenen Vaterlandsliebe übereinstimmt, so herrscht cs doch gegenwärtig in den Gesinnungen unserer französischen Glaubensgenossen vor. Ich halte mich daher nicht für berechtigt, deutschen Juden empfehlen zu können, im Vertrauen auf das religiöse Band, das die Bekenner des Judenthums aller Länder umfaßt, sich hierher zu begeben, oder irgend eine Förderung zu erwarten. Eines ist vor Allem zu wünschen, daß nämlich die deutsche Neichsregierung einmal überhaupt gegen die deutsch. Juden gerecht werde, sodann aber in der Behandlung der Juden in Elsaß und Deutschlothringen keine Rückschritte im Vergleich mit den früheren französischen Rechtszuständen für sie machen möge. In diesem Falle würden sich die französischen Juden um so mehr berechtigt halten, in ihren Voruriheilen gegen die deutschen, ja in einer Verachtung derselben zu beharren. Denn es liegt ja in der Natur der Menschelk, den Erfolg und die Wirkung mehr zu beachten als die Triebfeder und die Ursachen, und jene mehr zur Begründung für ihre Urtheile und Handlungen zu verwenden als diese. Mögen Sie diese meine Auslassung immerhin als eine private Ansicht aufnehmen; jedenfalls spreche ich sie auf Grund ernster Beobachtung und persönlicher Erfahrung aus, und würde eS nur gern sehen, wenn Thatsachen mich widerlegten.