Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1871)
- Date
- 1871-07-11
- Page
- Seite 556 (sequence 8)
- Language
- German
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556 geeicht in Berlin, machte als Offieier im 35. Regiment den Feldzug mit und wurde durch Eabinetsordre Anfangs März in das zweite Garde-Landwehrregimcm versetzt—der erste Jude, welcher Gardeofsicicr ist. Bernhard Ursel von hier machte als freiwilliger Dollmetscher und Jntendanturbeamter den Feldzug mit und erhielt nebst den glänzendsten Zeugnissen über seine „hervorragenden Dienste und seine patriotische Uneigennützigkeit" vom Kronprinzen das eiserne Kreuz II. (5lasse am weißen Baude. August Ursel, Einjahrig-Freiwilliger im 15. hannoverschen Husarenregiment, nrachte ebenfalls den Feldzug mit. Anclam, im Juni. (Privatmitth.) Wir freuen uns und fühlen uns veranlaßt, dem in neuerer Zeit von weitverbreiteten Organen offenbar zur Schau getragenen Judenhasse gegenüber eine Thatsache berichten zu können, welche, wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurft hätte, aufs Weite darthun mag, wie fest das religiöse Gefühl und die Sittlichkeit, wie tief die Achtung vor dem Gesetze des ewigen und des weltlichen Richters im Herzen unseres Volkes und im Bewußtsein selbst der niederen Schichten unsrer Gesellschaft sich erhalten hat. Seit meinem Amtsantritte als geistlicher Beirats) der jüdischen Gefangenen in hiesiger Frauen-Strafanstalt thätig, habe ich mich unterrichten können, daß seit einer langen Reihe von Jahren unter einer außerordentlich großen Anzahl von Derinirten nur wenige sich befanden, welche der jüdischen Konfession augehört hätten. Unter den augenblicklich hier in Haft gehaltenen weiblichen Personen, deren Zahl 400 übersteigt, ist nur eine Jüdin, welche überdies durch Fleiß und sichtbare Reue, auch gutes Betragen imb durch wahrhaftes, nicht, wie dies erfahrungsmäßig bei anderen Gefangenen so oft der Fall ist, durch simnlirtes Bedürfniß nach den Tröstungen der Religion, sich mancher von der strengen Hausordnung dennoch gestatteter Erleichterung erfreut. Wir haben die besten Hoffnungen für ihre dauernde Besserung. Bei dieser Gelegenheit wollen wir zugleich der Direction der Anstalt unfern wärmsten und vollsten Dank dafür aussprechen, daß sie nicht allein jedem rituellen Wunsche stets aufs Veste genügt hat, sondern daß sie auch oft hierin in humanster Weise uns freiwillig entgegengekommen ist. Ein wackerer Beamter, der seinen Beruf erfaßt, urtheilt eben selbst über Gefallene ganz anders, als ein in lächerlichen Socialreformtheoricn versunkener Zeitungsseribent*) über gesunde und schöne Theile der menschlichen Gesellschaft, wenn diese zufällig-Juden sind. Lowitz, Cantor. Karlsruhe, im Juni. In der Nacht vor dem 30. Mai wurde die hiesige Synagoge vollstättdig ein Raub der Flammen, so jedoch, daß die Thorarollen gerettet werden konnten. Bekanntlich ging man längst hier mit der Absicht eines Neubaues um. Oldenburg, 30. Juni. lPrivatm.) Herr Louis M. Reyersbach von hier machte den Krieg als Unterofficier im 91. Infanterieregiment mit und wurde tvegen wiederholt bewiesener Tapferkeit in mehreren Schlachten mit dem eisernen Kreuze und vom Großherzog von Oldenburg mit dem allgemeinen Ehrenzeichen dritter Elasse mit Schwertern ausgezeichnet. > Görlitz, 11. Juni. (Privatm.) Herr vr. Siegfried So rauer, Stabs- und stellvertretender Regimentsarzt im ztveiten Westph. Infanterieregimente Nr. 16, ist ebenfalls mit deni eisernen Kreuze decorirt worden. Derselbe hat schon die beiden Feldzüge von 1864 und 1866 mitgemacht und sich außer den vielen Ehrenzeichen in ersterem den rothen Adlerorden vierter Elasse mit Schwertern erworben. KönigshüLte in Schlesien, 30. Juni. Durch die öffentlichen Blätter ist es bekannt, daß die Arbeiter des fiScalischen Bergwerks Hierselbst einen Aufstand erregt haben, welcher gegenwärtig militärisch unterdrückt worden ist. In dem ersten Telegramm darüber wurde gesagt, daß die Tumultuanten sich besonders gegen.die Juden plündernd gerichtet hätten. Dies war eine teudentiöse Uebertreibung. Die Aufrührer haben sämmtliche Läden ganzer Straßen geplündert, die Waarcn auf die Straße geworfen, von wo sie die Weiber fortschleppten, und die Moublcs zertrümmert. Dies geschah aber ebenso bei christlichen wie bei jüdischen Kaufleuten „ohne Unterschied der Eonfession," wenn sie auch bei den Juden noch beschimpfende Aus- *) Vielleicht Herr Held, der Nedacteur der „Staatsbürger Zeitung"? Anmerkung des Setzers.