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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-11 · Heft 28 (11.7.1871) · p. Seite 553

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 28 (11.7.1871)
Date
1871-07-11
Page
Seite 553 (sequence 5)
Language
German
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553 willkürlichen. 2) Freilich erkennt auch Philo an, daß die Vergeltung oft erst spat eintritt, daß Lohn und Strafe nicht alsbald auf die Thal folgen; aber je später sie sich verwirklichen, desto sicherer treffen sie ein. So laßt er Moses zu den Israeliten sagen: „Indem ihr jetzt zum Frevel eilt, eilt ihr zugleich zur Strafe. Denn die Rache setzt sich nur langsam in Bewegung; hat sie dies aber erst einmal gethan, dann erreicht sie Jeden, der ihr zu entfliehen sucht."2 3 4) Ist also Philo durchaus nicht zweifelhaft darüber, daß die göttliche Vergeltung, soweit sie dem Menschen Freiheit des Willens und Erkenntniß des Guten und Bösen verliehen, in Gerechtigkeit über den Menschen waltet, so treffen wir doch bei ihm auf eine durchgängige Verschiedenheit in der Anschauung, wie er sich diese Vergeltung denkt, und werden hierbei an jene Scheidung des Esoterischen und Exoterischen erinnert, die uns von alten Philosophen, besonders von Plato überliefert ist. Einerseits nämlich faßt Philo den Lohn der Tugend und die Strafe der Sünde rein geistig auf, so daß beide nur im Inneren der Seele Vorgehen. Schon die Begierde, die Leidenschaft bestraft sich, selbst durch Unruhe und Verblendung, und ihre Strafe besteht in Furcht und Trauer, während die Tugend durch ihr Bewußtsein in Hoffnung und Freudigkeit ihren Lohn findet.'') In dem Buche de 2] De posteiitate Cairn I p. 228. :5j Vita Mosis lib. 1. II. 132. (Bibliothek Bd. I S. SO). Auch in der Erklärung des dritten Gebotes spricht er aus, daß, je später die Strafe eintritt, desto sicherer, daß also der Sünder aus der Dauer seiner Unbestraftheit auf diese nicht rechnen solle, er vielmehr der Strafe um so näher ist, je weiter er sie von sich entfernt glaubt. De decern Oraculis II, 11)7. De Confns. ling. 1. 422. 4) De Alleg. lib. 1. I, Ga. «Bibliothek Bd. III S. 90): „Es heißt nun: „Am Tage, da ihr davon esset, sollt ihr deö Todes sterben." Und doch nachdem sie gegessen haben, sterben sie nicht allein nicht, sondern erzeugen auch 5ftnber und werden so Ursache fremden Lebens. Was ist hierauf zu sagen? Daß es einen doppelten Tod giebt, den Tod des Menschen und den Tod der Seele. Derjenige deö Menschen ist die Trennung der Seele vom Körper, der Tod der Seele aber ist der Untergang der Tugend und die Annahme des Lasters. Deshalb heißt es auch nicht allein „sterben", sondern „des Todes sterben", um dadurch darznthun, daß hier nicht der gewöhnliche, sondern der ewige und besondere Tod gemeint sei, ed quod (leterius I, 214 sf. spricht er sich folgendermaßen aus: „Das Leben des unseligen Bösen ist ein solches, daß eS von vier Seelenbewegungen betroffen wird, Furcht und Schmerz, und diesen analog Zittern und Seufzen. Einem solchen Menschen nämlich muß nothwendig etwas Uebles entweder gegenwärtig sein oder ihn bedrohen. Daher erzeugt die Aussicht auf die Zukunft die Furcht, die Wirkung der Gegenwart aber die Traurigkeit. Wer hingegen der Tugend folgt, genießt die dieser zukommenden Wonnen. Denn entweder besitzt er etwas Gutes oder wird es später erlangen; es bereits haben, bringt Freude, das kostbarste Gut, die Aussicht aber, es zu erhalten, erzeugt die Hoffnung, welche die Nahrung der die Tugend liebenden Seelen ist." Weiterhin führt er dies so aus: „Die Freude ist daS eigenste Gut des Menschen, denn sie kann nicht aus der Menge des Geldes und der Besitzthümer, nicht aus dem Glanze des Ruhmes, nicht aus irgend einem, unbelebten und vergänglichen Dinge, das durch sich selbst hinfällig ist, gezogen werden, auch nicht aus der Stärke und Beweglichkeit des Körpers oder anderen derartigen Gaben, welche manchmal den schlechtesten Menschen zu Theil werden, nämlich derjenige der Seele, die sich in Leidenschaften und Lastern aller Art begräbt. Und dieser Tod ist ziemlich der Gegensatz zu jenem: jener ist die Trennung der bisher verbundenen Körper und Seele; dieser daS Gegentheil, die enge Gemeinschaft beider, indem das Schlechtere, der Körper, herrscht, das Bessere aber, die Seele, geknechtet ist. So oft die Schrift sagt „des Todes sterben", deutet sie an, daß sie den Tod als Strafe versteht, nicht den natürlichen. Der natürliche ist die Trennung der Seele vom Körper, der Tod als Strafe tritt ein, wenn die Seele dem Leben der Tugend abstirbt und das Leben des Lasters fühLt." In dein Buche cle eo quod deterius I, 230 spricht Philo darüber, daß die ewige Unruhe im Sünder schon durch die Begierde in ihm bewirkt wird, wohingegen im Guten eine beständige Ruhe vorwaltet. De Alleg. I, 109 (Biblioth. Bd. III S. 153): „Das Bernunfllose und Sinnliche ist also thierisch, alle Sinnlichkeit aber siucht der Lust als ihrer größten Feindin. Denn in der That ist diese den Sinnen feind. Beweis dafür ist, daß, wenn wir mit ungemäßigter Lust gesättigt sind, wir nicht deutlich sehen, hören, riechen, schmecken noch fühlen können, sondern unsere Eindrücke undeutlich und schwach werden. DieS erdulden wir sogar, wenn wir die Lust befriedigt haben; im Genüsse der Lust selbst aber werden wir vollständig und überhaupt der Wahrnehmung durch die SinneSthätigkcit beraubt, so daß wir blind zu werden scheinen."

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