Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1871)
- Date
- 1871-07-11
- Page
- Seite 551 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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551 gewannen und ihrerseits Auflösung und Uncultur erwirkten. WaS ist es nun, was uns daS Jahr, das hinter uns liegt, hierin gebracht hat? und wie ist es gekommen? Seit mehr als einem Jahrzehend waren innerhalb der katholischen Kirche vielfache Erscheinungen aufgetreten, welche die moderne Welt außerordentlich überraschten, da sie solche kaum noch für möglich gehalten. Zwei ganz entgegengesetzte Strömungen offenbarten sich dabei. Während nämlich ganze, dem Katholicißmus völlig hingegebene Staaten den Ansprüchen des römischen Stuhles und des Klerus sich offen entwanden, Spanien in immer wiederholter, zuletzt siegreicher Revolution die cs an Rom knüpfenden Bande zerriß, Italien in seinem Drange nach nationaler Einheit die Hand aus den Kirchenstaat legte und selbst Rom als seine staatliche Hauptstadt forderte, Oesterreich das Concordat ausgab, Rußland die katholische Kirche offen befehdete — während dessen erwies sich die römische Curie in der Mortarageschichte unerbittlich, machte jeder Anforderung der Zeit gegenüber sein non possmmis unerschütterlich geltend, erließ die Encyclica und den Syllabus, in welchen alle Grundsätze der neueren Gesellschaft und der gegenwärtigen Staaten verflucht und die Herrschaft der Kirche, b. h. des Papstes, über die Völker und ihre Gesetzgebung behauptet wurden, verkündete das Dogma der unbefleckten Empfäugniß Mariä, kauonisirte den Großinquisitor Arbues und berief ein Coucil zu dem Zwecke, die persönliche Unfehlbarkeit des Papstes zu dogmatistreu, also zu einem Glaubens- und Gewissenssatze für jeden Katholiken zu machen, und brachte dieses Coneil dahin, dieses Dogma zu fanctioniren. Dies letztere ist also nichts Neues, sondern nur der Schlußstein eines Gewölbes, an dessen Aufführung man fünfzehn Jahrhunderte gearbeitet; es ist die letzte Consequenz des im Beginne -des Mittelalters begründeten Systems. Seine Bedeutung ist leicht erfaßbar. Wie zuerst innerhalb der demokratischen Urchristen die Kirche von der Gemeinde, der Priester von den Laien geschieden nnd die letzteren willenlos gemacht, wie dann der höhere Klerus von dem niederen getrennt wurde und der letztere verstummen mußte: so werden jetzt die Bischöfe und selbst die Cardinäle zu unselbstständigen Werkzeugen des PapstcS, und die feudale Organisation der Kirche in eine absolutistische Verfassung gewandelt, in welcher nur Einer spricht und alle Anderen hören, nur Einer befiehlt und alle Anderen gehorchen. Aber auch zwischen jenen beiden entgegengesetzten Strömungen vermag der Zusammenhang unschwer erkannt zu werden. Wie einst durch die Reformation ein großer Theil Europas der katholischen Kirche entfiel und gerade dadurch eine große Beeiferung in dieser, namentlich in Gestalt des Jesuitenordens, geweckt ward, so haben die revolutionären Bewegungen auf dem Conünente, die simwandelung der Staaten in constitutionelle, die Aufnahme der Grundrechte in die Verfassungen, und die Fortschritte der freieren Geistesbewegung die Lethargie des katholischen Klerus beseitigt, und in ihm eine neue Energie geweckt, dem ihm feindlichen Geiste entgegeuzutreten und das verlorene Terrain mit Ausbietung aller Kräfte wieder zu erobern. Jeder Compromiß, jedes Pactiren mit den Bedürfnissen und Errungnissen der Zeit wurde als entnervend, als Zugeständnisse angesehen, denen immer neue folgen müßten; man wollte den Rest seiner Herrschaft über das Volk dazu benutzen, um diese möglichst wieder herzustellen, und glaubte nur dadurch zu diesem Siege gelangen zu können, wenn man entschieden die Fehde ansagte, nnd in zweifellosester Weise die alten ^Grundsätze noch einmal geltend machte. Zu diesem Kampfe mußte alle Macht in eine Hand gelegt werden und deshalb alle Mitglieder ihre Selbstständigkeit, den Rest ihrer Unabhängigkeit opfern. — Nun aber war eS eine eigene Fügung, wahrlich ein Fingerzeig Gottes, wie ihn die Ultramontanen und Pietisten bei jeder Gelegenheit erkennen wollen, nur nicht wo er sich gegen sie gerichtet zeigt — daß zu gleicher Zeit beide Strömungen zu ihren Mündungen gelaugten: hier wurde die Unfehlbarkeit des PapsteS erklärt, dort die weltliche Herrschaft dem Papste genommen und Rom die Hauptstadt Italiens — Alles dies in einem und demselben Jahre. So große Ereignisse, "solche ungeheure Explosionen des inneren, längst ausgehäuften Zündstoffes sind darum niemals Lösungen, niemals wirkliche Friedensbedingungen, sondern nur Geburtsstätten weiterer und vielleicht noch größerer Kämpfe, die nach kürzerem oder längerem Stillstände neue Erschütterungen gebären werden. Das Jahr vom I. Juli 1870 bis zum 1. Juli 1S71 wird in der Geschichte einen breiten Boden nicht bl-os durch seinen Inhalt, sondern auch durch die Menge der Geschehniffe einnehmen, die aus ihm abzuleiten sein werden. Man erwäge: aus der einen Seite ist in da- Herz der französischen Nation eine solche Fülle des Hasses, nicht blos durch den Verlust an Land und Geid, sondern auch durch die tiefe Wunde, die ihre Nation al- 28*