Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1871)
- Date
- 1871-07-11
- Page
- Seite 550 (sequence 2)
- Language
- German
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550 breitend, daß Christenthum in die Welt hinaus. Es fand die gesammte antike Welt in ihrem Inhalte erschöpft, in gesellschaftlichem und sittlichem Verfall, darum aber durchaus noch nicht geeignet, die GotteSlehre des JudenthumS, diesen Gegensatz ihrer bisherigen Anschauung, anzunehmen. Dieser letzteren mußte sich daher daS Christenthum accommodiren, und so. steht dieses allerdings in der Mitte zwischen dem Judenthume und der heidnischen Anschauung, große Elemente des ersteren mit denen der letzteren verschmelzend. Dies vollbrachte es, indem eS einen dogmatischen Bau aufführte, welcher zwar auf der Grundlehre des Iudenthums fußte, den Dualismus in Gott, dem Schöpfer, und der Natur, der geschaffenen, bewahrte, andrerseits aber eine Menschwerdung Gottes lehrte, deshalb eine Dreifachheit in der Persönlichkeit Gottes annahm und hieran weitere Dogmen fügte, welche den Begriffen und Lehren des Judenthums völlig widersprechen, wenn auch eine künstliche und gezwungene Interpretation sie mit den Worten der h. Schrift übereinstimmend finden wollte. Aber auch in anderer, für die Civilisation unmittelbar wichtigerer Beziehung entfernte sich das Christenthum vom Judenthume. Ursprünglich innerhalb der Principien der Gleichheit und Brüderlichkeit sich hallend, hob eS doch bald einen besonderen, geweiheten, abgeschlossenen und mit Vorrechten versehenen Priesterstand aus seiner Mitte heraus und schuf eine Kirche, welche unter den obwaltenden Verhältnissen vom Staate getrennt sein mußte, und bei der weiteren Verbreitung innerhalb verschiedener Staaten, sich vom Staate immer mehr trennte. Die christliche Kirche wurde die herrschende im Abendlande und weit in das Morgenland hinein. Hierbei konnte sie sich, insbesondere weil die Dogmen das vorherrschende Element wurden, die Einheit nicht bewahren; es entstanden heftige Streitigkeiten um die Bedeutung der Dogmen, viele Serien und verschiedene Kirchen. Hiermit war der Kampf gegeben, bei welchem es sich nicht mehr um die wahre Religion und Religiosität handelte, sondern um die Obherrschast einer Kirche, den anderen gegenüber, um die Benutzung der weltlichen Macht zur Unterdrückung der anderen, um die Herrschaft des PriesierstandeS zuerst über die Geister, dann aber auch über die bürgerlichen und staatlichen Verhältnisse. Daher eine lange Entwickelung der Organisation dieses PriesterstandeS, eine Entwickelung, welche erst im vorigen Jahre ihren vorläufigen Abschluß erhalten hat. Es galt zunächst, diesen Priesterstand aus der Laienwelt herauszuziehen, ihn als die einzige Quelle der Lehre und der Sündenvergebung, also des dies- und jenseitigen Seelenheiles, zur unbezweifelten Anerkennung zu bringen, dann ihn in eine hierarchische Gliederung zu versetzen. ES wurde zunächst eine Rangordnung in den Priesterstand gebracht, dann aus dem höheren Range ein Einzelner, der römische Papst, zum Oberhaupt gemacht, diesem durch eine weltliche Herschaft möglichste Unabhängigkeit zugetheilt und seine Machtfülle immerfort vergrößert. So wurde dem Priesterstande das Cölibat auferlegt, um ihn den Familienbanden zu entziehen und der Kirche gänzlich zuzuführen; so derselbe dem gemeinen Rechte entzogen und allein der Kirche unterthan gemacht; so die Unfehlbarkeit des Papstes behauptet, und wenn auch bestritten, praktisch realisirt; so die Unterordnung der weltlichen Verhältnisse unter die geistlichen, die der Fürsten und Völker unter den Papst gelehrt, verlangt, zu Zeiten erkämpft und wieder verloren. Hiermit war abermals ein folgenreiches Streitelement in die christliche Welt geworfen, das zu einer neuen Spaltung derselben in die römisch-katholische und evangelische Kirche führte, nicht ohne furchtbare Brände in der europäischen Welt zu entzünden. Wir brauchen dies hier nicht näher zu verfolgen. Wir erkennen an, daß das Christenthum bei seinem Eintritt in die europäische Welt dem Verfalle der alten Völker und der Barbarei der bald hereinbrechenden uncultivirten Horden gegenüber eine große civilisatorische Mission vollbrachte und in diesen allein das geistige Leben aufrecht erhielt, einen sittlichen Geist möglichst verbreitete und endlich zur Wiedererweckung des Cultur- und wissenschaftlichen Lebens den Anstoß gab. Hierzu diente auch seine hierarchische Organisation. Aber mit seinem dogmatischen und hierarchischen Aufbau belebte eS auch den Zerstörungstrieb, den Geist und die Gewalt unaufhörlichen Kampfes, unerbittlicher Vernichtung, der Uncultur, und warf die ganze Gesellschaft in eine immerdauernde Gährung mit sehr zweifelhaftem Erfolg. Ein Extrem ruft immer das andere hervor, eine Herrschaft gebiert die andere, und unter diesen streitvollen Schwankungen und schroffen Gegensätzen leidet die wahre Religion und die wahre Civilisation, Freiheit und Recht, Wahrheit und Liebe entfliehen vor dem Geschrei und den Schlägen einer Gewaltherrschaft, die bald von der einen, bald von der anderen Seite gefordert und erkämpft wird. So kam es, daß der Kirche gegenüber der Atheismus und Materialismus ein starkes Leben