Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1871)
- Date
- 1871-07-04
- Page
- Seite 547 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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547 und einem Töchterchen, die er auf's Zärtlichste liebte, ein Glück gefunden, welches vor jedem Schlage gesichert schien. Der Reichthum selbst erweckte ihm nicht einmal Neider; er schien dazu geboren, glücklich und geliebt zu sein. Jedoch als er nach unseren ersten Niederlagen Paris bedroht sah, zögerte er keinen Augenblick; um fest in seinem Entschluß zu bleiben, trennte er sich von Frau und Kind; als er die geliebten Häupter in Sicherheit gebracht, reichte er sofort dem General Trochu den Plan zu jener Truppe der „Edaireurs de la Seine“ ein, welche so schnell populär geworden. Er war es, der die Leute seiner Escadron auswählie, dem es gelang, eine strenge Disciplin, welche den französischen Corps stets so schwer aufzuerlegen ist, unter ihnen herzusielleu; an ihrer Spitze maß er sich, gleich in den ersten Tagen ihrer Einkleidung, mit der preußischen Cavallerie, und in allen Gefechten, die seitdem stattfanden, haben sich Officiere und Soldaten seiner Escadron stets im dichtesten Feuer gezeigt. Bei Champigny wurde Franchetti in dem Augenblick, wo er den General Ducrot verließ, getroffen; als die Nachricht von seiner Verwundung in Paris sich verbreitete, wollte Niemand glauben, daß sie tödtlich sei, so sehr wünschte man, daß er leben bleibe, so sehr schien dieser Mann von siebenunddreißig Jahren einen Pact mit der Gesundheit, der Kraft und dem Leben geschlossen zu haben. Die Aerzte jedoch hatten keine Hoffnung, und er selbst machte sich keinen Augenblick Illusionen. Er starb, wie er gelebt hatte, denen, welche ihn umgaben, freundlich zulächelnd. Am 7. December geleiteten wir ihn zu seiner letzten Ruhestätte. Diejenigen, welche der Ceremonie beiwohnten, werden sie nie vergessen. 3m Grand-Hotel, wo er verschieden war, auf dem Boulevard, wo Jedermann stehen blieb und den Hut abnahm, herrschte der bei militärischen Begräbnissen übliche Pomp, und die Menge, welche sich hinter dem Leichenwagen drängte, nahm eine gewisse Stellung in der Pariser Welt ein; aber auf dem Friedhofe, in dem den Israeliten reservirten Theile, wo nur die Freunde der Familie, die Ofsiciere der ganzen Armee und die Soldaten des Corps des edairans Zutritt erhalten, nahm die Scene einen wahrhaft ergreifenden Charaker an. Tumpfes Trommelgewirbel, die tiefsten, sanftesten Töne der Hörner begleiten bis zum offenen Grabe den Leichenwagen, welchem das völlig mit Schwarz überhängte Schlachtroß folgt: man bleibt stehen und stellt sich im Kreise auf. Die Eclaireurs, welche ihre Pferde beim Eingang stehen ließen, sind alle da, mit gezogenem Säbel, mit gerötheten Augen auf den Sarg und die Erde blickend, die ihn bedecken soll. Der düstere Decembertag, der die Trauer der Seelen zu thcilen scheint, neigt seinem Ende zu und wird schon dunkel; zwischen den Cypressen, welche im Nebel auffteigeu, erkennt man noch auf einige Schritt Entfernung die Züge der traurigen Gesichter, die man noch vor wenigen Monaten auf den Festen so heiter leuchten sah. Tiefes Schweigen, da erhebt sich der feierliche Gesang der hebräischen Gebete; dann ergreift der Großrabbiner daS Wort, und trotz feines dentschen AccenteS ist er beredt; er spricht von Pflicht, von Gerechtigkeit und Freiheit; er sagt, daß solche Opfer ihr Blut nicht vergebens vergoffeu haben werden, und daß Frankreich heute oder später siegreich aus diesen verzweifelten Kämpfen hervorgehen wird. Die Bewegung erreicht ihren Höhepunet, alS nach dem Rabbiner einer der Capitaine der Escadron, Herr Benolt-Champy, vor das Grab hintritt und mit tief gerührter Stimme seinem Chef Lebewohl sagt im Namen aller seiner Kameraden, welche wie die Kinder schluchzen;., er schwört ihm, ihn am Feinde zn rächen. Dann spricht der Priester noch einmal im Angesicht der Hülle desjenigen, der so tapfer und so edelmüthig gewesen, die allen Religionen gerneinsamen Hoffnungen aus. Wahrend wir diesem Soldaten Frankreichs das letzte Lebewohl gaben, ertönte von Weitem von GennevillierS oder Auteuil her Kanonendonner; er sagte uns, daß jetzt nicht der Augenblick zum Weinen und Klagen sei, und daß .mehr als ein Mann von Herz noch fallen würde, bevor die Stunde der Befreiung schlagt. G. Perrot. Aus dem Elsaß. Der bekannte französischeNovellist Erckmann-Chatrian, vielen unserer Leser durch die anziehende Erzählung „Die Blokade von Pfalzbnrg", welche das „Institut zur Förderung israelitischer Literatur" herausgegeben hat, bekannt, hat in den Decemberheften der Kevne dos »leux Mondes eine Erzählung aus dem Elsaß „Ilisioirc d’un Sous-Maitre“ veröffentlicht, in welcher folgende Schilderung vorkommt: „So viel es mir auch kostet, es einzugestehen, die Lutheraner und die Juden erziehen ihre Kinder viel besser als die Katholiken; sie beschäftigen sich vielmehr damit, opfern dafür einen Theil ihres Vermögens. Wenn mau durch Elsaß und Lothringen reist und auf ein reiches Dorf trifft, dessen Boden gut bebaut ist, in dem die Menschen kräftig und gesund sind, mit ernstem GestchtsauSdruck, die Kinder wohlgekleidet im Sommer wie im Winter, so wird man uns gleich sagen: „DaS ist ein lutherisches Dorf!" Wenn am Samstag aus den Straßen die Leute langsam in seidenen Kleidern, in Röcken von feinem schwarzen Tuch, in Sammtwesten mit goldenen Uhrketten spazierengehen, dann erfährt man: „Das ist ein jüdisches Dorf." Wenn die Dächer eingefallen, die Fensterscheiben zerbrochen und mit Papier verklebt, die Straßen mit Misthaufen angefüllt sind, die Menschen kläglich aussehen, die Kinder mit nackten Füßen, struppigem Haar wie Wilde hinter Einem herlaufen und mit bittender Stimme ihre kleinen Hände auöstrecken: „Das ist ein katholisches, unwissendes und frommes Dorf/'