Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1871)
- Date
- 1871-07-04
- Page
- Seite 548 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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548 Vermischtes. Man erinnert sich, welch' ein Aussehen es in der ganzen gebildeten Welt vor etwa zwei Jahren machte, als der Papst PiuS IX. den im Jahre 1485 in Folge seiner furchtbaren Thatigkeit als Großinquisitor Aragoniens ermordeten Arbues kanonisirte, also heilig sprach. Als eine Art Protest gegen diese Handlung des jetzigen Papstes, der hiermit die Greuel der Inquisition sanctionirte, also für dieselben sogar die Entschuldigung der Rohheit der damaligen Zeit und des damaligen Spaniens nicht nur nicht beseitigte, sondern die Greuelthaten der Inquisition sogar alS ein heiliges Werk erklärte, entwarf der berühmte Kaulbach einen Carton, der jetzt in Berlin ausgestellt ist. Jener Arbues wüthete insbesondere gegen die sogenannten „Neuchristen", d. h. die Juden, welche gezwungen sich zum Christenthume bekannt hatten. Diese gehörten zum Theil bereits den adligsten Geschlechtern Spaniens an, und aus der Reihe dieser erstanden die Urheber des Mordes, der an Arbues verübt wurde. Die Inquisition widersprach nämlich den Privilegien Aragoniens, und der König hatte diese zu Gunsten der Inquisition ausgehoben. In Folge des Todes dieses furchtbaren Priesters wurden viele Scheußlichkeiten vom Pöbel gegen die Juden vollbracht, welche letztere dann sieben Jahre später aus Spanien verbannt wurden. Bei allen denen, welche nicht ganz in kirchliche Vorurtheile versunken sind, erregte daher die Heiligsprechung des Arbues großen Abscheu. Sie erschien ihnen als eine jener Handlungen, welche in jüngster Zeit dem Bewußtsein der gesummten Gegenwart ins Gesicht schlagen sollten. Der Carton Kaulbachs hält sich nun allerdings nicht genau an die Zeit und die Persönlichkeiten, wie sie uns historisch geschildert werden, drückt aber in genialer Weise das Entsetzen aus, welches unsere Zeit vor solchen Handlungen der Glaubenstyrannei empfindet. Ein Correspondent der „K. Z." schildert ihn folgendermaßen: „Kaulbach stellt Peter Arbues dar, einen blinden, hinfälligen Greis, von zwei Mönchen geleitet, der soeben aus der Klosterpsorte herausgetreten ist. Wild flattert das spärliche Haar im Winde, das den wie entzückt nach oben gerichteten Learkopf (ich kann ihn nicht anders bezeichnen) des Großinquisitors bedeckt; die eine Hand zeigt drohend und gleichsam vernichtend auf die vor ihm knieende Ketzerfamilie, die andere Hand greift krampfhaft, die Finger weit auseindergespreizt, ins Leere, indeß die weit geöffneten Nüstern des Greises schier wollüstig den Dampf einathmen, den vier brennende Scheiterhaufen, auf denen sich bereits verurtheilte Ketzer befinden, im Hintergründe ausströmen. Der Kaulbach'sche Peter Arbues hat etwas von einem Wahnwitzigen, und die Majestät, die einem so hohen Würdenträger der Kirche sonst eigen zu sein pflegt, gebricht ihm völlig. Zur Linken des Großinquisitors sammelt ein Mönch, dem alle Laster auf der Stirn verzeichnet stehen, goldene und silberne Kelche, Kirchengeräthe der Ketzer, Münzen und kostbaren Hausrath aller Art in fieberhafter Habgier zusammen. Bor ihm knieet gottergeben, gesenkten Hauptes der Vater der verurtheilten Familie. Blitzend zornigen Auges stcht ihm zur Seite sein etwa vierzehnjähriger Sohn, während die Mutter in thranenlosem Schmerz — ein idralisches Weib — Augen und Arme gen Himmel erhebt, als könne von dort ihr noch Hülfe kommen. Aengstlich schmiegt sich ein kleines Mädchen an sie, und die Ahne des Hauses, ein mumienhaft-vertrocknetes Gesicht, zeigt ihre verstörten Züge im Hintergründe der Gruppe, ohne eigentlich doch zu verstehen, um welch' kostbares Gut es sich hier handelt. Zwei Mönche halten hinter der Familie Wache. Das Antlitz des einen scheint direct aus den traditionellen Portraits des großen Dante copirt, ob aus Zufall, ob mit Absicht, vermag ich nicht zu entscheiden. Die sprechendste Ähnlichkeit aber ist vorhanden, nur der Lorbeerkranz fehlt. Eine Procession von Mönchen bewegt sich mit Fackeln und Fahnen, dem Beschauer den Rücken kehrend, nach dem brennenden Scheiterhaufen des Hintergrundes, zu deren einem ein dienstbeflisiener Gläubiger das Holz unermüdlich zusammenschürt. Rechts vom Großinquisitor noch erblickt man angsterfüllte Mauren und Juden, welche, gleichfalls gefangen, des unbeugsamen Rechtsspruches gewärtig sind, der ihrer harrt." (Confessionelle Ausgleichung.) Ein originelles Begräbniß fand vor Kurzem in Graudenz statt. Der Todtengräber der Synagogen-Gemeinde, ein Katholik, starb. Als er begraben werden sollte, wurde ihm ein Platz auf dem katholischen Friedhose verweigert, angeblich, weil er nicht immer zur Beichte gewesen sei. Es erfolgte nun seine Beerdigung auf dem evangelischen Friedhofe, und das Leichengefolge bestand vorzugsweise aus Mitgliedern der israelitischen Gemeinde, bei denen der Verstorbene als ein tüchtiger Beamter sich ein ehrenvolles Andenken erworben hatte. Notizen. Die europäische Bevölkerung stellt sich gegenwärtig folgendermaßen: Seelen Ein Jude 69,379,000 100/285 700 2500000 23 Rußland Deutschland 40,148,000 Frankreich 36,428,000 Oesterreich-Ungarn 34,982,890 England 30,838,000 Italien 26,470,000 9,901 4000 450000 88 9.588 3600 40000 900 11,305 3000 1000000 35 5,532 6000 30000 1000 5,376 5900 35000 740 Verlag von Daumaärtner'S Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. 83. Hirschfel^. Verantwortlicher Redactmr Dr. H. Lotze.