Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-04 · Heft 27 (4.7.1871) · p. Seite 546

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 27 (4.7.1871)
Date
1871-07-04
Page
Seite 546 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226826--29638-3252485
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

546 - ten doch in so vollendeter Form und von so tief erfassender Natur, daß sie oft wochenlang zu den lebhaftesten und interessantesten Debatten in den gebildeten Kreisen seiner Gemeinde Stoff boten, daß sie oft von Consistorial- und Schulräthen besucht und geschätzt wurden. Und wie hierin, so wurde andrerseits sein sicheres Urtheil in allen wichtigen Schul- und Synagogen-Angeiegenheiten von seinen hohen Vorgesetzten gewürdigt.. Mit Arbeiten und Functionen, meist schwach dotirt, reichlich betraut, wurde er, um seinen Heranwachsenden talentvollen Söhnen (einer ist jetzt gediegener Zurist im Staatsdienst, zwei sind intelligente Kausteute und der jüngste stad. pi!. und ihrer Aeltern würdig) eine wiffenschastliche Ausbildung geben lasten zu können, Anfangs der 40r Jahre ein fleißiger Mitarbeiter des großen Meyer'schen Conversationslexicons und verfaßte viele historisch, geographische, jüdisch-theologische, literaturgeschichtliche und kriegswissenschaftliche Artikel in erschöpfender und abgerundeter Form, wie auch die von der Kritik lobend hervorgehobenen Werke: „Deutschland und sein Volk", „Oesterreich und sein Volk" l Leipzig, Brandstetter 1856—60), 4 Bde, viele kleine Schriften: „Ostindien und die Europäer"', „Skizzen und Bilder aus der Krim", viele Artikel im Ausland und der Leipz.Jllustr. Zeitung ihm ihre Entstehung verdanken. Zeugniste seines poetischen Talents sind im „Deutschen Horizont von Saphir", in der „Didaskalia", in Fr. Hosfmann's (Redacteur der Gartenlaube t „Weihnacktsbaum", in Musen- Almanachen niedergelegt. Die wichtigsten vaterländischen Ereignisse besang er nach Inhalt und Form in stets gelungener Weise. Dichterisch und erhaben klingt sein beim Ausbruch des jetzt beendigten französischen Krieges verfaßter „Gruß der Werra an den Rhein", der wohl als sein Schwanengesang angesehen werden muß. Der Entschlafene war ein Mann von seltener Conceptionsgabe. Stand eine Predigt, Abhandlung, irgend ein Feuilleton-Artikel, ein Gedicht klar in seinem Geiste, so brachte er es sogleich in rechter und abgerundeter Form zu Papier, ohne später in Wort oder Gedanken etwas andern zu müssen. Nur vermöge seiner einfachen Lebensweise und der ihm gewordenen sorgsamen Pflege durch seine ihm ebenbürtige Gattin ist es erklärlich, daß diese schwächliche Hülle des Lebens schwere Kämpfe und Mühen sechs und ein halbes Jahrzehnt getragen. Ueberschauen wir die Laufbahn SteinhardS, so müssen wir bekennen: der Himmel hat ihm von einer hohen Warte einen beseligenden Einblick m's gelobte Land gewahrt. Denn wofür er als Jüngling sich und seine Umgebung zu begeistern wußte, woKr er als Mann sein Bestes einsetzte: für die völlige Gleichstellung seiner Glaubensgenossen, für die äußere und innere Hebung und Besserstellung von Schule und Synagoge, für einen allgemeinen deutschen Lehrerbrmd, für ein einiges und freies Deutschland, und mit diesem allen für eine ehrenvolle und gesegnete Lebensstellung der geliebten Seinen —: das konnte er, bevor sich seine Augen schlossen, der Erfüllung entgegenreifen sehen. Daß seine engere und weitere Gemeinde, die Stadt, einen seltenen und ganzen Mann und Mitbürger, einen treuen deutschen Lehrer verloren, das zeigte sich bei seinem Leichenbegängnisse, bei dem sich nicht nur jeder Stand ohne Unterschied des Glaubens betheiligte, sondern zu dem auch der herzogliche Landesrabbiner, die israelitischen College« der entlegensten Gemeinden u. A. gekommen waren, ihm die letzte Liebespflicht zu erweisen. So wie in den Herzen aller, die ihm im Leben näher standen, wird der Name S. Steinhard in den Annalen der Culturgeschichte der Israeliten des Herzogthums S. Meiningen unvergeßlich bleiben! Der Commandant Frauchetti. Ueber den Tod dieses Mannes haben wir bereits in der Feuilletonbeilage zu Nr. 13 Einiges mitgetheilt, auf das wir unsere Leser verweisen. Es ist aber zu selten, daß einem Juden, der den Heldentod für das Vaterland gestorben ist, auch von der öffentlichen Anerkennung ein Denkmal gesetzt wird, und zwar in der Uebereinstimmung aller Parteien, als daß wir hier nicht noch ein Schreiben des Herrn G. Perrot, gerichtet an die Redaction der „Revue des deux Mondes“, und von dieser in dem uns eben zugekommenen, nachgelieferteu Hefte vom 15. December 1870 veröffentlicht, in der Uedersetznng wiedergeben sollten. Dasselbe lautet: Geehrter Herr! Jüngst berichtete Ihnen Herr Vitet in einem jener beredten Briefe, welche den Lesern der „Revue" so willkommen sind, von einem Greise, H. Piscatory, welcher am Schluffe eines, dem Dienste des liberalen Frankreichs so edel gewidmeten Lebens der jungen Generation ein so schönes Beispiel vorführte und nach einer aus den Wällen zugebrachten Nacht starb. Würden Sie nicht auch einige Zeilen der Erinnerung einem anderen Opfer derselben Sache widmen, einem jungen Manne, dessen frühzeitiges Ende in vergangener Woche eine schmerzliche Bewegung in der Armee, wie bei denen in Paris hervorgerufen, die noch von der ehemaligen sogenannten Pariser Gesellschaft zurückgeblieben sind? Sie kannten ohne Zweifel den Commandanten Franchetti. Wenige Menschen hatten so viel Grund, das Leben zu schätzen. Schön wie ein Romanheld, ein bewunderungswerther Reiter, eine offene, ehrliche und heitere Natur, lernte er in seiner ersten Jugend die Freuden der Schlackt und der kühnen Reiterstückchen kennen; als Officier der Spahis zeichnete er sich in Algerien und Italien aus. Kurz darauf verließ er den Dienst, er hatte in einer ausgezeichneten Familie, bei einer Frau

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.