Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1871)
- Date
- 1871-07-04
- Page
- Seite 545 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226826--29637-3252484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1 Allgemeine Feuilleton-Beilage zu tlr. 27. äüfllli mim Leipzig, den 4. Juli 1871. . I ♦ Salomon Steinhard. Hildburghausen, im Juni. (Verspätet.) Der am 10. März erfolgte Hintritt des auch in der literarischen Welt bekannten und von der gebildeten Welt seines engern Vaterlandes hochgeschätzten israelitischen Religions- und Seminarlehrers, sowie Predigers Hierselbst, Salomon Steinhard, erfüllte jene engeren und weiteren Kreise, die in ihm den schlichten Ehrenmann, wie den reichbegabten Gelehrten ehrten, besten langes und segensreiches Wirken die wichtigste Zeit der Culturgeschichte des Herzogthums S. Meiningen und Hildburghausen umfaßt, mit tiefem Schmerze. Alle, welche die lange Thätigkeit des Heimgegangenen näher zu beachten Gelegenheit hatten, werden uns zustimmen, wenn wir sagen: was der sel. Dr. Gabriel Riester einst den Israeliten der verschiedenen Länder Deutschlands war, das war Steinhard seinem engern Vaterlande, ja, uns Meininger Juden „war er noch mehr!" Wer lieh dem Kampfe um unsere bürgerliche Gleichstellung eine so markige und edle Feder, wer wirkte in Synagoge, Schule und Presse so eindringlich dahin, daß der Name „Israelit" zu Ehren komme bei unfern nichtisraelitischen Mitbürgern, wie er! Lange bevor eine besondere Behörde für Synagogen- und Schulwesen geschaffen war, verlieh seine Mitwirkung, sein Einfluß diesen wichtigsten Bildungsstätten eine solche Organisation, daß sie in ihrem Grundcharakter heute noch mustergiltig für alle sein können. Und, ihr biedern israelitischen Lehrer des Herzogthums! wer war es, der euch Rath und Beistand lieh in beruflichen Fragen, bei Uebergriffen, von welcher Seite sie auch kommen mochten, und der euch Muth einflößte auSzuharren und rüstig fortzuarbeiten? — Ihr israelitischen Zöglinge des Seminars! Wer hat euch in Geradheit der Gesinnung so vorangeleuchtet, wer euch so in die Schachte tiefen jüdischen Wissens geführt, euch zu Begeisterung für ein lichtvolles Wirken im künftigen Berufe entflammt? wer euch in der Liebe für unsere unvergleichliche deutsche Literatur ein so würdiges Vorbild gegeben wie er? Für die würdige Stellung des israelitischen Lehrers in und außer ver Glaubensgemeinschaft trat er überall ein, und so war er eS auch, der in der letzten Leipziger Synode das Recht der Mitgliedschaft für die Lehrer israelitischer Gemeinden erkämpfte. Wie für seine israelitischen Mitarbeiter, so schlug sein treues Herz für den meininger und den deutschen Lehrerstand. So sehr er auch mit seiner Zeit geizen mußte, auf allgemeinen und wichtigen Lehrertagen fehlte er nie. Auch feine Thätigkeit blieb, besonders in den beiden letzten Decennien von bureaukratischen und hierarchischen Nörgeleien nicht unangefochten, doch waren sie jederzeit außer Stande ihm die Freudigkeit im Berufe, sein wahres Verdienst und wirkliches Können zu schmälern. Bescheiden, wie er selbst, sind auch die Momente seines Lebens. Er war der älteste Sohn eines schlichten, verständigen und wegen seiner unbestechlichen Redlichkeit im Kreise seiner Bekannten wohlgeschätzten Handelsmannes Moses Steinhard aus Waldorf a. d. Werra, der ihn früh in das zur damaligen Zeit auch von auswärts sehr frequentirte Institut des Privatlehrers und Rabbiners S. Gutmann brachte, das neben wiun, ■w, rc. auch nothdürftig die deutschen Elementargegenstande lehrte, bis nach zurückgelegtem *13, und dann, um „weiter zu lernen", in die damals weltberühmte Talmudschule nach Fürth, wo er mit Einhorn, Hofmann u. v. A. sein -,inn-Triennlum absolvirte. In die Heimath zurückgekehrt, hospitirte Steinhard im Landes-Seminar zu Meiningen unter der Leitung des wegen seines Lehrtalents und seiner Milde hochgeschätzten Schülers Pestalozzi's, des Schulraths Kayßner, ein halbes Jahr. Von da, ungefähr um's Jahr l S26, wurde er für die hiesige Gemeinde gewonnen und hier am Sitze des herzoglichen Consistoriums, eines Gymnasiums, Lehrerseminars, unter Collegen und Literaten und in einer gebildeten Gemeinde fand sein edler Wissensdrang für jüdisch-theologisches, philosophisches, pädagogisches und literar-historisches Wissen und sein ungewöhnliches Dichtertalent, das sich später selbst der Würdigung des Weimarer Dichterkönigs zu erfreuen hatte, reiche Nahrung. Obwohl kein zunftmäßiger, d. h. auf der Universität oder im Predigerseminar herangebildeter Homilet, vielmehr einer „von Gottes Gnaden", waren seine Predig-