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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-04 · Heft 27 (4.7.1871) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 27 (4.7.1871)
Date
1871-07-04
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
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531 ist, der Zeit und dem Orte gemäß, keiner .bestimmten Schule angehörig. Sie hat eine platonische Grundlage, verfällt aber andrerseits in den Stoicismus, wie er sich damals entwickelte und in Seneca für uns manifestirte. Ist daher die Geistesrichtung Philo's vorzugsweise eine neuplatonische, so sind doch seine Ansichten namentlich in der Moral, sehr oft stoischer Art, in der Weise wie sie sich im römischen Reiche einer besondern Gunst erfreuten.*) Die alexandrinischen, wie überhaupt ägyptischen Juden waren ein vom Mutterflamme losgelöster Zweig, der mit den palästinensischen in sehr schwacher Verbindung stand. In großer Zahl schon von Alexander d. Gr. nach der von ihm gegründeten und nach ihm benannten Stadt verpflanzt, kamen sie sogar soweit, sich einen eignen Tempel mit Opfern und Priestern nach dem Muster des jerusalemitischen zu errichten, was zur großen Ehre und zum Nutzen des Judenthums von Jerusalem aus schonend und nachsichtig angesehen wurde. Die alexandrinischen Juden hatten daher wenig Kenntniß von der, gerade seit den Zeiten des macedonischen Herrschers aufblühenden traditionellen Entwickelung des Gesetzes, und so gewahren wir denn auch bei Philo keine stunde davon. Diese eigentliche, man kann sagen jüdische Theologie war ihm unbekannt, was selbstverständlich seine Geistesbewegung noch freier und selbstständiger machte. Fasten wir diese Andeutungen zusammen, so wird es nicht mehr ausfallen, wenn wir sagen, daß Philo zwar eine in ihrer Richtung einheitliche Anschauungsweise besitzt, aber durchaus kein einheitliches philosophisches System, daß daher Widersprüche bei ihm insofern nicht selten sind, als er von der einen Seite der neuplatonischen Geistesrichtung huldigt und sich in eine abstracte ideelle Welt versetzt, von der andern Seite aber den eigentlichen Ansichten und Lehren der h. Schrift sich überläßt und sie reproducirt. Dies finden wir denn auch gerade bei dem speciellen Gegenstände, den wir hier behandeln, in der Lehre deS Judenthums von der göttlichen Vergeltung. Es wird aber einleuchten, daß eben durch diese Complication die Ansichten Philo's ein besonderes Jntereste besitzen. Wenn wir einen Denker um seine Ansicht über die Vergeltung befragen, so müsten wir zunächst uns klar machen, was er von der Zurechnungsfähigkeit oder Verantwortlichkeit des Menschen hält. Denn nur insofern *) S. die Einleitung zum Ul. Bande der oben angeführten „Bibliothek." der Mensch eine Schuld einzngehen befähigt ist. kann ihm eine Verantwortlichkeit auferlegt werden, die Vergeltung ihn. treffen. Hier begegnen wir nun bei Philo dem Ausdrucke sich entgegensteheuder Ansichten, wie sie eben aus der Verschiedenheit seiner GeisteSrichtung und der AuSgangspuncte, aus welchen er im einzelnen Falle seinen Weg genommen, hervorgingen. Ist der Mensch ein unselbstständiges, unfreies, von einer höheren Macht völlig beherrschtes Wesen? ober besitzt er Freiheit des Willens, ist er selbstständig in seinen Entschlüssen? Philo hat sich dieses Problem in dieser Beftinnntheit und zur selbstständigen Lösung nicht gestellt; aber in seinen Auslastungen giebt er die Beantwortung der Fragen in entgegengesetzter Weise. Da, wo er sich in das Berhältniß des Menschen zu Gott , in die Beziehungen des ersteren zu letzterem versenkt, erkennt er ihn in einer völligen Abhängigkeit von Gott, in der immerwährenden Beeinflussung von ihm, so.daß alle seine Regungen und Bewegungen von Gott ausgehcn, eben weil die menschliche. Vernunft von der sinnlichen Wahrnehmung und den Einflüssen der Sinnlichkeit abhängig ist und weil eine Menge von Zuständen wie Krankheit, Alter u. dgl. die Thätigkeit der Vernunft lähmt und beirrt. In der Abstraction der Theorie sieht daher Philo den Menschen Gott gegenüber als unfrei und unselbstständig an, und findet die Freiheit des Menschen nur darin, sich ganz und vollkommen zu Gott zu erheben, sich in die Gottheit zu versenken und mit dieser Idee auszufüllen. Ganz anders lauten seine Worte, wo er sich unmittelbar der Schrift anschließt und der Wirklichkeit gegenübersteht. Hier erkennt er das Selbstbewnßtsein und die Freiheit des Willens aufs Klarste an, mib findet darin den Unterschied zwischen dem Menschen und der Thierwelt.*) Von hier aus kann es denn auch nicht zweifelhaft sein, daß Philo die Vergeltung, welche den Menschen trifft, *) Führen wir hierüber nur eine Stelle an. In der Abhandlung, „daß Gott unveränderlich ist" (1 p. 270 eil Mang.) sagt er: „Die Seele des Menschen schuf Gott frei, entlasten aus den Banden der Nothwendigkeil, begabt mit dem Geschenke des freien Willens, soweit sie dessen fähig war. Denn die belebten Thiere, denen die mit dem Vorrecht der Freiheit begabte Seele nicht einwohnt, sind unterjocht und gezügelt dem Dienste der Menschen hingegeben. Der Mensch aber, der das Bewußtsein freier That und Selbstbestimmung empfangen und sich der selbstbestimmenden Thätigkeit meistens bedient, unterliegt verdienter Maßen vem Tadel, wenn er mit Wissen sündigt, erhält Lob, wenn er freiwillig Gutes thut" u. s. w. 27*

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