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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-07-04 · Heft 27 (4.7.1871) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 27 (4.7.1871)
Date
1871-07-04
Page
Seite 530 (sequence 2)
Language
German
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530 % Die vorzüglichste Richtung seine Exegese besteht bekanntlich in der Allegorisirung und Symbolisirung, indem er hierdurch wie durch alle seine Erklärungen überhaupt durch die Übersetzung einiger philonianischer Schriften im ersten und dritten Bande der vom „Institute zur Förderung der israelitischen Literatur" herausgegebeuen „Bibliothek der griechischen und römischen Schriftsteller über Judcnthum und Juden" leicht geworden. Wir wollen daher aus zahllosen nur zwei Beispiele hier anführen. l Mos. \, 2. 1-718 nt* * mbb cpm übersetzen die Sept-: xar ttgogt-Ü ,j/.e laxeiv tov adehpov. An dieses jrgogt&ijY.e „sie setzte, fügte hinzu" hält sich Philo und deutet weiter, die Hinzufügung des Einen ist das Abziehen des Andern, so der Theile in der Aritmethik, so der Gedanken in der Seele: lwas dem einen zugelegt wird, wird dem andern entnommen. Abel wird daher hinzugefügt, Kain abgezogen. Es giebt nämlich zwei sich widerstreitende Gedanken, der eine schreibt dem Menschen selbst Alles zu, der andere führt alles auf Gott zurück. Beide Gedanken werden in einer Seele geboren, aber einer von beiden nimmt dann die Seele ganz ein und verdrängt den anderen aus ihr. Nach der Geburt Abels stellt Kain den Gedanken vor, daß der Mensch Alles aus sich selbst heraus bildet und sein eigenes Besitzthum ist, Abel aber den anderen, daß Alles von Gott herkommt. Alles dieses findet Philo in dem frQoge&rjze angedeutet, da die Hinzufügung Abels ein Abzug für Kain war <cke säen. Adelte et Caini am Anfang). — Noch ausfallender ist ein zweites Beispiel (Allegor. I p. 64 ed. Mimgey). Mit Bezug auf 1 Mos. 2, 17 bemerkt Philo, daß Gott, als er ausfordert, von jeglichem Baume im Garten zu effen, nur Einen anredet, wo er aber verbietet, vom Baume der Erkenntniß des Guten und des Bösen zu essen, er gleichsam zu Mehreren redet. Denn dort sagt er: „von Allem sollst du essen"; hier aber: „ihr sollt nicht effen, denn am Tage da ihr davon esset" — nicht etwa „du davon issest" — „sollt ihr sterben" — nicht etwa „sollst du sterben." Dies erklärt Philo: das Gute ist selten, das Laster aber häufig; mit Recht wird also nur Einem vorgeschriebe» sich mit der Tugend zu nähren, Vielen aber sich von allzu großer Schlechtigkeit fern zu halten. Ferner: zur Ausübung der Tugend ist nur die Vernunft anzuwenden, zum Ausüben des Bösen dagegen muß inan nicht nur den Geist, sondern auch die Sinne, das Wort und den Körper anwenden. Das wäre mm Alles recht schön, wenn im Originale wirklich zuerst die Einheit und dann die Mehrheit angewendet wäre. Dies ist aber nicht der Fall, sondern in V. 16 und 17 wird gleicher Weise die Einheit angewendet, beide Male , sowie und mwn. Die Schöpfung des Weibes wird auch erst V. 21 erzählt. Sehen wir aber nun in den Septuag. nach, so finden wir allerdings in V. 16 die Einheit, in V. 17 die Mehrheit. Philo knüpfte also philosophische Gedanken in alle Gestalten, Thatsachen, Ausdrücke und Wortformen der Schrift hineinzutragen bestrebt ist. Ändern er so z. B. die biblischen Persönlichkeiten zu geistigen Eigenschaften, Tugenden oder Lastern allegorifirt, verfehlt er umgekehrt auch nicht, solche geistige Eigenschaften so zu individualisiren, daß er sie wie Persönlichkeiten beschreibt und agiren läßt. Dabei dürfen wir jedoch nicht annchmen, daß Philo diese biblischen Persönlichkeiten und Thatsachen lediglich in seiner allegorischen und symbolischen Auffassung festhält und sie gänzlich darin aufgehen läßt, sondern an andern Stellen versteht er sie wieder als reale Personen und Ereignisse, so daß man zu der Annahme gezwungen ist, er habe sie dennoch in seinem Bewußtsein real erhalten. *) Man kann daher sagen, daß er, ohne die Ntrwv (die einfache Erklärung nach dem Wortsinn) ganz aus den Augen zu lasten, sich einer unbeschränkten midraschischen Exegese überläßt, nur daß es ihm dabei nicht auf die Deutung der einzelnen Schriftstelle allein ankommt, als vielmehr auf die Entwickelung einer allgemeinen philosophischen Anschauung aus dem Schriftworte.**) Diese letztere nun seine Erklärung an die Septuag. an, ohne zu ahnen, daß die ganze Grundlage seiner Erklärung im Original nicht vorhanden ist. *) Auch hier wollen wir aus vielen nur ein, aber ein sehr cigenth üinliches Beispiel an führen. In dem Buche de exceratione gegen Ende will Philo die Gründe anführeu, aus welchen das israelitische Volk, nachdem es die Strafe der Verbannung und Zerstreuung erlitten, durch GotteS Gnade wieder gesammelt und in seinem Laude wieder hergestellt werden würde, und führt als den zweiten sehr wirksamen Grund die von den Erzvätern unaufhörlich für ihre Enkel und Urenkel ausgesprochenen Bitten an. Es ist dies das nivrr ni2r, nicht in der biblischen Anssaffung der Gerechtigkeit und Verdienste der Väter (streng genommen, weil „Gott des Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob gedenkt"), sondern in dem spätern volksthümlichen Glauben der Fürbitten der Väter (•nur y-bü) für ihre Kinder vor dem Throne Gottes, einem Glauben, der in der katholischen Welt eine so große und dogmatische Ausbildung erhielt. Jedenfalls faßt hier Philo die Erzväter nicht als allegorische Tugenden, sondern in voller Realität auf , indem er sagt, daß sie, selbst der körperlichen Hülle entkleidet, nicht aufhören, vor Gott anzubeten. **) Hierbei wollen wir auch hcrvorheben, daß die Deutungen Philv's oft sehr scharfsinnig und als Drusch höchst bemerkenswerth sind, so daß wir jüdischen Predidigern das Stud.ium derselben als sehr anregend und ihre Benutzung ernpsehlen können.

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