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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-27 · Heft 26 (27.6.1871) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 26 (27.6.1871)
Date
1871-06-27
Page
Seite 527 (sequence 19)
Language
German
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527 einzelnen Individuums in sein eigenes „Seelenheil" verlegt. Hier also liegt die große Verschiedenheit zwischen der christlichen und israelitischen Anschauung, welche letztere weder die Erbsünde, noch die fäinmtlichen Folgerungen aus ihr zuläßt. Daß dies von der durchgreifendsten theoretischen Bedeutung ist, weiß Jedermann. Daß sich aber auch unermeßliche praktische Folgen daran knüpfen, und daß das Judenthum auch in dieser Beziehung durch den Wegfall jener Dogmen wesentliche Lortheile genießt, ist Wenigen offenbar. Es wird daher nicht ohne Werth sein, hier einer Abhandlung zu erwähnen, die uns vor Kurzem als „Scholl, Es werde Licht, Heft 5" zukam. Sie ist überschrieben „ein deutscher Prophet", und hat Zürn Inhalte, den eigentlichen Gedankengang Fichte's in seinen „Reden an die deutsche/Ration" (1807) zu beleuchten. Das erste Capitel bildet in Fichte's Reden die Erziehung, durch deren gänzliche Umwandlung er damals die Wiedergeburt der deutschen Nation aus ihrem tiefen Fall erhoffte. Heben wir die Hauptstellen der gedachten Abhandlung über diesen Punkt hervor. „Die Erziehung nimmt in Fichte's ganzem Gedankenkreis die erste. Alles beherrschende Stellung ein, so daß er ja geradezu den Satz aufstellt: dem deutschen Volke kann auf gar keine andere Weise geholfen, durch kein anderes Mittel kann es aus seinem tiefsten Fall, aus dem Abgrund der Schmack und Erbärmlichkeit zu einem neuen Leben, zu besseren, glücklicheren Zuständen emporgeführl und seine Zukunft gerettet werden, als einzig und nur allein durch die Erziehung, d. h. durch eine neue, der bisherigen entgegengesetzte, bessere Erziehung des ganzen Volkes. „Fichte's Hauptgrund ist: weil die bisherige Erziehung im großen Ganzen von einer falschen, verkehrten Ansicht vom Menschen, von einer gänzlichen Verkennun g der wahren Menschennatur ausging. „ „Die bisherige Erziehung, — so sagt er in seiner dritten Rede — hat nicht blos angenommen, sondern auch ihre Zöglinge von früher Jugend an belehrt, theils, daß dem Menschen eine natürliche Abneigung gegen Gottes Gebote beiwohne, theils, daß es ihm schlechterdings unmöglich sei, dieselben zu erfüllen. Was läßt von einer solchen Belehrung, wenn sie für Ernst genonnnen wird und Glauben findet, anders sich erwarten, als daß jeder Einzelne sich in seine nun einmal nicht abzuändernde Natur ergebe, nicht versuche zu leisten, was ihm nun einmal als unmöglich vorgestellt ist, und nicht besser zu sein begehre, denn er und alle übrigen zu sein vermögen; ja, daß er sich sogar die ihm angemuthete Niederträchtigkeit gefallen lasse, sich selbst in seiner radicalen Sündhaftigkeit und Schlechtigkeit anzuerkennen."*) *) Ioh. Gottlied Fichte's Reden an die deutsche R a t i o n. Von Neuem berau^gegedcn und eingelcitct von H. Fichte. Tübingen IdöU. S. -1-1. „Die bisherige Erziehung ging somit, nach Fichte'S Ueberzeugung, von der Ansicht aus, daß der Mensch ein ganz erbärmliches, in sich halt- und werthloses Wesen fei, sie fußte auf der Geringschätzung, auf der Selbstwegwerfung des Menschen, auf dem.Unglauben an unS selbst, und sie bewies damit, daß alle die schönen Dinge, die man wohl so nebenher vom Menschen aussagte, daß er „Gottes Ebenbild," daß er, „der Tempel Gottes," daß er zur Vollkommenheit berufen sei, nichts als Worte und Redensarten waren, welche dieser gänzlichen Unfähigkeit zum Guten gegenüber gar keinen Sinn mehr haben konnten. „Man hat freilich eingewendet, diese Behauptung Fichte's sei, wenn auch nicht ganz unbegründet, doch wenigstens insofern ungerecht, als es sich nicht Nachweisen lasse, daß die ganze bisherige Erziehung, ohne Ausnahme, von dieser Verkennung der Menschennatur ausgegangen sei. Und wir wollen gern zugeben, daß Viele von denen, in deren Hand seit Jahrhunderten das Geschäft der Erziehung lag, für ihre Person eine bessere, eine höhere Ansicht vom Menschen hatten. Was aber über die Richtigkeit der Behauptung allein entscheidet, das ist der Einblick in die der Erziehung im großen Ganzen zu Grunde gelegten officiellen Lehrbücher, nach welchen die Tausende von Lehrern und Erziehern im Lauf der Jahrhunderte sich zu richten amtlich verpflichtet und, wenn sie ihre Stelle und ihr Brod nicht verlieren wollten, gezwungen waren, und denen gegenüber sie ihre bessere Ueberzeugung wohl als ihre Privatmeinung freilich behalten, aber höchstens in ganz verstohlener Weise, und auch dann immer auf die Gefahr der Amtsentsetzung hin ihren Zöglingen beibringen konnten. Daß in der That aber die officiellen Lehrbücher des Lolksunterrichts von dieser, wie Fichte sagt, „niederträchtigen Zumuthung" ausgingen und heute noch ausgehen, der Zumuthung, daß wir „uns selbst, in unsrer radicalen Sündhaftigkeit und Schlechtigkeit anerkennen sollen," wer das noch bezweifeln wollte, den bitten wir nur, den ersten besten katholischen wie protestantischen Katechismus zur Hand zu nehmen und dort die Capitel von der „Sünde" und „Erbsünde" nachzulesen. Hat ja doch selbst die protestantische .Kirche in Baden, die Kirche, welche eine der freiesten Verfassungen besitzt, die Kirche, in welcher die Hauptwortsührer des wegen seiner „Ungläubigkeit" und „Unchristlichkeit" von allen Strenggläubigen so heftig angefeinveten und verdammten Protestantenvereins Sitz und Stimme haben, hat sogar diese Kirche es noch nicht dahin gebracht, aus ihren Lehrbüchern diese „niederträchtige Zumuthung," oder richtiger diese „angemuthete Niederträchtigkeit" auszumärzen! Sie läßt heute noch ihre Lehrer die Frage aufwerfen: „Woher kommt denn solche verderbte Art der Menschen?" und läßt die Jugend des Volkes antworten: „Aus dem Fall und Ungehorsam unserer ersten Eltern Adam und Eva im Paradiese, daher unsre Natur also verderbt

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