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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-27 · Heft 26 (27.6.1871) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 26 (27.6.1871)
Date
1871-06-27
Page
Seite 526 (sequence 18)
Language
German
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526 „Disposition zu einer AbLheilung über das Judenthum. 1. Unbestimmtheit des Wesens und der Grenzen des Judenthums. Verschiedene Antwort, was es sei. Weckset seiner Erscheinung in verschiedenen Zeiten. Zurück- Kommen auf das hebräische Alterthum. 2. Wesen des hebräischen Volkes im Alterthum. Das Wesen eines Volkes ist nicht definirbar, so wenig wie alles Natürliche, etwa die Gesichtszüge oder der Character des Einzelnen. Es kann aber nach seinen einzelnen Zügen durch Anschauung erkannt werden, und zwar hauptsächlich durch seine Sprache, seine Literatur und Poesie, seine Sitten und Vorstellungen, seine Geschichte. Was das hebräische Volk am meisten auszeichnet, ist die Art seiner Weltanschauung. Ledürfniß des Menschen nach der Vermehrung und Erhöhung der Welt. Die griechische Idealität; das Schicksal, die Götter. Gegensatz bei den Hebräern: die Uebersinnlichkeit, hervorgegangen aus der tiefen Empfindung von dem Unterschiede des Höheren, im Gemüth Vorhandenen und dem von der Wirklichkeit Gebotenen. Vorstellung von Gott, als das Unbegreifliche. Fernerer Gegensatz in sittlicher Hinsicht.- Ideal der Sittlichkeit bei den Hebräern, bestehend in der Reinheit der Seele; Sünde. Dieses Ideal ist, wenig verändert, nicht vervollkommnet, auch auf die anderen Völker übergegangen. Zartheit des Familienlebens, Reiz der ältesten Familiengeschichten. Die Familie ist bei den classischen Völkern kein Gegenstand der Dichtung, bei den Römern ist Aeneas nur pflichttreu und voll Pietät gegen seinen Vater, aber die Innigkeit des Verhältnisses bleibt unberücksichtigt. Ebenso die Freundschaft, bei den Griechen als aufopfernd und thätig, bei den Hebräern außerdem als zart und hingebend geschildert. Endlich ist ein Hauptzug des Volkes Milde; sie zeigt sich in seinen Gesetzen, in dem Gebote der Liebe, in den Strafen, besonders in den Sklavengesetzen, in dem Gebote der Wohlthätigkeit, der Feindesliebe, selbst der Schonung gegen die Thiere; auch in der von großen Gräueln reinen Geschichte; ferner in den Darstellungen Gottes, soweit sie menschlich sind. 3. Eigenthümliches Fortbestehen dieses Volkes nach der Zerstörung seines Reiches. Wichtigkeit seiner Sitten und Vorstellungen und aller seiner Eigentümlichkeiten für uns, selbst seiner Sprache; alles dies ist Grundlage des Judentums; es zeigt sich hier die innere Consequenz und Richtigkeit desselben. 4. Jrrthum, einer auf solchen Grundlagen ruhenden Religion eine Theologie zu geben. Die Theologie ist eine scholastische Wissenschaft, d. h. eine, welche den Verstand zur Ausrechthaltung von Meinungen anwendet, die selbst nicht aus Verstandesgründeu entsprungen sind. Dies kann nur durch ein System geschehen; auf die jüdische Religion ist aber kein System anwendbar. Das Judenthum ist eine Reihe natürlicher Entwickelungen, die frei sind, das System aber hebt die Freiheit aus. Das Judenthum kennt keinen Eonsiict zwischen Glauben und Denken, also auch keine Scholastik. Anders ist es mit dem Christentum, welches auf den Glauben gegründet ist. 5. Nothwendigkeiten, welche sich bei einer Religion ergeben, die auf den Glauben gegründet ist. Kirche. Das Judenthum kennt keine Kirche. Conflicte zwischen Einheit und Freiheit. Katholicismus, Protestantismus. Nothwendigkeit der Freiheit des Denkens. Gesetze können nur auf das Handeln gehen. Jrrthum des Deutschkatholicismus. 0. Ideal einer Religionsverbindung; sie muß eine erbliche Verbindlichkeit zu gewissen Handlungen enthalten. Es muß zu gleicher Zeit eine Lehre und eine Poesie vorhanden sein; diese kann aber nur in einem besonderen Volke gefunden werden. Wichtigkeit der Nationalität. Eindringen der Nationalität selbst in das Christenthum. Nothwendigkeit der Entwickelung für eine jede Religion. 7. Unterschied zwischen dem Judenthum und Christenthum. Das Christenthum ist eine Consession, das Judenthum eine Volksthümlichkeit. Unterschied in Bezug auf den Glauben. Das Wesen des Glaubens im Judenthum. Vorstellung von Gott. „Jeder ist ein Jude, der nicht an einen Götzen glaubt", d. h. keine sinnliche Vorstellung von der Gottheit hat. Der Glaube bezieht sich nicht auf den Verstand; sonst wäre er eine Verstandesmeinung. Gegenstand des Glaubens kann nur sein, was an und für sich nicht bezweifelt werden kann, weil es einer Seite des menschlichen Wesens mit Rothwendigkeit entspricht. Unglaube ist nicht wirklich vorhanden, sondern Selbsttäuschung. Auch der Pantheist kann in jüdischem Sinne gläubig sein. Es ist die Aufgabe des Judenthums, die sinnlichen Vorstellungen von der Gottheit überall zu bekämpfen. Andererseits bedarf es zur Aufrechthaltung des Glaubens nicht der wissenschaftlichen Bekämpfung einzelner Theorien. Es beruft sich vielmehr unabhängig davon auf unauslöschliche Forderungen des menschlichen Gemüths. Beim Uebertreten des Glaubens in das Christenlhum ist etwas Anderes aus ihm geworden; aus den. Wissen des Nichtwissens die Einbildung eines bestimmten Wissens." 5. Die Erbsünde und die Erziehung. Das ganze dogmatische Gebäude des Christenlhums basirt auf der Erbsünde, die man dem 2. und 3. Capitel des 1. Buchs Mosis imputnt hat. Denn ohne die Erbsünde war keine Erlösung durch den Tod deS Stifters des Christenthums, und ohne diese keine Gottheit Jesu möglich. Mit der Erbsünde wird aber die Natur des Menschen als schlecht, verderbt und der ewigen Verdammnis; anheimgefallen erklärt, das Leben auf Erden als an sich werthlos und lediglich als Vorbereitung zum Jenseits betrachtet, zugleich aber das ganze Interesse jedes /

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