Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1871)
- Date
- 1871-06-27
- Page
- Seite 528 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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528 worden, daß wir Alle in Sünden empfangen und geboren werden." Ir, sie schreibt heute noch ihren Lehrern die weitere Frage vor: „Sind wir aber nunmehr ganz untüchtig zum Guten?" und sic schämt sich nicht Angesichts des neunzehnten Jahrhunderts, ja, was sage ich, Angesichts ganz entgegengesetzt lautender Aussprüche ihrer biblischen Urkunden, von den vielen Tausenden der ihr anvertrauten, oder richtiger gesagt, preisgcgebenen Kinder als Antwort das Bekenntniß zu verlangen: „Ja, wir sind gänzlich unfähig, aus eigener Kraft die Gerechtigkeit zu leisten, die vor Gott gilt"!*) Wir brauchen nicht hinzuzufügen, daß dies Alles gänzlich unjüdisch ist, und weder auf die geistige, noch die praktische Erziehung der jüdischen Jugend drückt. Korrespondenz. N e w - 2) v r k, im Mai. (Privalmitth.) Der hier erscheinende H e b r e w Leader enthält in seinen letzten Nummern Artikel, welche eine „Jüdische Vertretung in Washington" verlangen. Man erschrecke nicht; es ist nicht damit gemeint, daß die Juden der Union etwa besondere Deputirte für das Unterhaus wählen sollen, vielmehr wird in jenen Artikeln nur gefordert: es solle ein Jude in Washington stets vorhanden sein, welcher bei,der Negierung wie bei den beiden Häusern in jedem nöthigen Falle seinen Einfluß zur Berthcidigung des Judenthums und der Juden geltend machen könne. Man solle daher durch Beiträge die kleine Gemeinde in Washington in den Stand setzen, einen ausgezeichneten Nabbmer, der zwar in Deutschland gebildet, aber der englischen Sprache in reinster und beredtester Weise mächtig ist, und der in seiner ganzen Erscheinung imponirt, anzustcücn. Die Artikel sind gut geschrieben und stellen geschickt zusammen, was den fraglichen Gegenstand zu unterstützen vermag. Allein wir zweifeln doch, ob die Sache realisirt werden wird. Das Bedürfniß mag vorhanden sein, aber doch nicht in solchem Maße, daß es als besonders dringend erscheinen möchte. Die schwächlichen Versuche pietistischer Sectchen, die Christologie in die Verfassung der Union hineinzubringen, bedürfen kaum einer solchen Aufmerkfamfcit, und man thäte wohl kaum unserer Republik eine Ehre an, wenn man deshalb einen beständigen Vertreter in der Residenz der Regierung und des Congresses von Seiten des Judenthums für nöthig erachten sollte. Daß es gerade dem jetzigen Präsidenten Grant pafsirt ist, sich einmal als General gegen die Juden zu übereilen, kann nicht eine regelmäßige dauernde Vertretung motiviren, da die größte Schuld auf die damaligen furchtbaren Zustande *) Katechismus für die cvangcl. Prot. Kirche im Groschcrzogthum Baden. Carlsruhe iniU. Leite 17. wahrend des Bürgerkrieges fällt. Innere Fragen liegen also einem solchen Bedürfniß nicht zu Grunde, das müssen wir zur Ehre unsrer großen Union constatiren, und ebenso zur Ehre unsrer atnerikanischen Glaubensbrüder, daß sie in einem so selten bedrohlichen Falle prompt die Mittel eines wirksamen Widerstandes finden werden. In einem Lande, wo die Oesfentlichkeit AlleS, die Presse fast Alles ist, hat es hierin keine Noch. Der Verfasser jener Artikel betont daher noch mehr die Veranlassung, welche das Schicksal der Juden in anderen Ländern bietet , um die hiesige Negierung zu einer Verwendung für diese Juden zu bewegen. In der That war es schon jetzt von wohltätiger Wirkung, daß der Präsident einen Mann wie Peixottv, einen Israeliten, als Generalconsul nach Bukarest sandte. Solche Fälle kennen im Orient hie und da noch Vorkommen. Wenn aber der Verfasser meint, der Präsident hatte auch bei dem Osteraufstande in Odessa bei der russischen Regierung interveniren sollen, so kann dies nur aus völliger Nukenntniß der Verhältnisse geflossen sein. Die russische Negierung würde jede solche Intervention in die inneren Verhältnisse ihres Landes energisch zurückweisen, noch dazu da die russische Regierung selbst davon überrascht worden; ja, solche Intervention könnte den Juden nur uachtheilig sein, wie Beispiele hierfür vorlicgen. Wir haben aber bis jetzt gesehen, daß, wo eine solche Verwendung der amerikanischen Regierung von Nutzen sein konnte, sie auch ohne einen Rabbiner in Washington erwirkt worden ist. Ja, es fragt sich, ob durch eine solche bestimmte Vertretung nicht die thätige Theilnahme anderer Männer erschlaffen würde, ohne daß wir doch die Garantie besäßen, der erwählte Mann in Washington wäre auch der, welcher im „Weißen Hause" wirksam und von den Parteiführern berücksichtigt sein würde. Die Sache wird also noch ausgetragen werden müssen. Vermischtes. Die „Rumänische Post" enthält folgende Notiz: Ein Major Friedrich Millingen hatte in den Blättern einen Vortrag über „die Tendenzen und die Fortschritte des Judenthums" auf versiossenen Sonnabend, im Saale des Athenäums, angekündigt. Es scheint nun aber, daß man entsprechenden Ortes über den Privatcharakter und die „Tendenzen" des Herrn Millingen jo unterrichtet war, daß man sich veranlaßt fand, demselben zu bedeuten, cr möge anderwärts seine wissenschaftlichen Ideen über die „Tendenzen deS Judenthums" zum Ausdruck bringen. — Der Herr Major kündigt nun auch im „Romanul" an, daß er seinen Vortrag in London, Berlin, Petersburg und MoSka« halten werde, wenn nicht auch dort höhere Befehle ihn daran hindern. — Wir beeilen uns Herrn Millingen ein glückliche Reise zu wünschen. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von 2. 58. Hirfchsetd, Verantwortlicher Redacteur ör. H. Lotze.