Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1871)
- Date
- 1871-06-27
- Page
- Seite 515 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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515 hatte, nicht ohne kurz vorher in einer seiner glänzendsten, mit der Geschichte jener Tage unvergänglichen Reden über das „Grundrecht" der Glaubens- und Gewissensfreiheit, wie der Gleichberechtigung aller Confesstonen, die von jenem wunderbaren Völkerfrühling vollgezeitigte, reifste Frucht seines Geistes der ganzen deutschen Nation in kostbarer Schaale darzureichen. Ein zweiter Zug in seinem Charakterbilde betrifft seine Stellung innerhalb der religiösen Bewegungen, die mit den von ihm so mächtig geforderten Emancipationsbestrebungen seiner Glaubensgenossen parallel liefen. Auch hier machte sich, wie wir glauben, jene Faunlientradition darin geltend, daß Riesser sich gegen weitgehende Reformtendenzen kühl und einigermaßen abwehrend verhielt. Persönlich war er zweifellos äußerlich wie innerlich losgelöst von jeder Fessel der ceremouiellcn Institutionen seines Glaubens und erkannte in vollem Umfange die individuelle wie die genossenschaftliche Freiheit und Selbstbestimmung auf dem Gebiete des religiösen Lebens an. Aber er mißtraute — in jener Zeit theilweise mit Recht — jenen Reformtendenzen, hinter denen sich eine gesinnungslose Verleugnung des confessiouellen Selbstbewußtseins maskireu rnochte; der Fortschritt aus religiösem Gebiete sollte niemals auch nur in der möglichen Beleuchtung eines Kaufpreises an Staat und Gesellschaft für politische und sociale Rechte sich darstellen. So weit Riesser den Gedanken von sich wies, daß die Juden ein specifisches Nationalbewußtsein cultiviren sollen, so entschieden sträubte sich ein gewisser foriualer Rechtsfanatisinus in ihm gegen jeden Eompromiß, bei dem selbst der werthloseste Ballast der historischen Religion wissentlich über Bord geworfen werden sollte. Solch einen gräulichen Handel, wie ihn seiner Zeit die süddeutschen Liberalen unter Rotteck und Welcker den Juden anboten, die politische Gleichheit gegen den Talmud einzutauschen, verabscheute er auf's Tiefste. Nicht der Sturmwind der Gewalt sollte dem altersgrauen Ahasverus den halbverwitterten, seine wahre Gestalt verhüllenden Ceremonienmantel herunterzerren; die warme Sonne der Freiheit vielmehr sollte dem Wanderer das lästige Gewand zwanglos abstreifen. Und so erlangte in seinen Augen zuweilen dieses unscheinbare Gewand, als eine symbolische Fahne des Kampses, eine gewisse Ehrwürdigkeit, die ihm in der That nicht gebührte. Die große Bedeutung, welche die politisch-literarische Wirksamkeit Riessers für den vollen Eintritt seiner Glaubensgenossen in den Kreis des deutschen Staattzlcbens in Anspruch ni,nmt, läßt sich aber nicht trennen von seiner energischen und begeisterten Mitarbeit an der großen Aufgabe, die „deutsche Idee" aus dem Reiche der politischen Träume und Chimären in die staatliche Wirklichkeit umzusetzen, eine Arbeit, die ihn mit den „besten Männern" der Nation zur engsten Wassenbrüderschaft vereinigte. Rur, daß er die Verwirklichung jener Idee noch entschiedener als seine Freunde an die Erfüllung der obersten Forderung der Gerechtigkeit, der Humanität wie der politischen Zweckmäßigkeit knüpfte, als welche er die vollste Rechtsgleichheit und Gewissensfreiheit für alle Deutschen erkannte. Um dieses „Grundrecht" rang er mit der ganzen Wucht seines Talents während der langen politischen Nacht Deutschlands mit dem in seinen Vorurthcilen so zähen germanischen Bolksgeist, wie in der biblischen Sage der Erzvater mit dem unbekannten Nachtgeist „bis zum Aufgange der Morgenröthe", und ließ ihn nicht leö, bevor er ihm in der Reich«n?rfassung von IS 10 die Verheißung jenes Grundrechts abgerungen hatte, die sich so gewiß wie der Gedanke an „Kaiser und Reich" in nicht zu ferner Zukunft auch im nationalen Leben, und nicht blos in den Versassungsparagraphen erfüllen wird. — So hat Riesser nicht blos seinen Glaubensgenossen und anderen unterdnückten Kirchen einen unsterblichen Dienst geleistet, sondern seine ganze Nation von dem Alpdruck des finstersten mittelalterlichen Vornrtheils, des Glaubensdruckes, mit befreien helfen und einen Eckstein zu dem Fundament des großen weltgeschichtlichen Nenbans herbeigetragen, unter dessen stolzer Kuppel wir uns jetzt wohnlich einrichten wollen. Biele von den Männern, die 1548 und 1540 an dem Werke arbeiteten — als dessen Schlußstein wir die Aufrichtung des Reiches und die Erneuerung der Kaiserwürde erkennen — haben die Krönung ihres Werkes nicht mehr erlebt; aber die dankbare Erinnerung des Volkes gräbt gern und freudig ihre Namen in die Triumphbögen der Gegenwart ein. So sei es auch mit Gabriel Riesser, dessen in der vorliegenden Lebensbeschreibung errichtetes Denkmal zur rechten Zeit und in rechter Weise seinen reichen Antheil an den höchsten nationalen Bestrebungen documentirt. Dr. H.