Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1871)
- Date
- 1871-06-27
- Page
- Seite 514 (sequence 6)
- Language
- German
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514 fein etwas behäbiger, breit und solid fundamentirter Vortrag bie festen Strebepfeiler des logisch-juristischen Unterbaues seiner Darstellungen hinter sich hat, niimnt er sofort einen freien idealen Schwung, eine stilvolle, fast poetische Haltung, ohne sich jedoch jemals in den Rebel phantastischer Romantik zu versteigen. So erscheint uns auch sein menschliches Wesen festgegründet in einem engumschlossenen, patriarchalischen Familienboden, der ihm niemals durch den Zusammenstoß alter und neuer Weltanschauung erschüttert oder gar zertrümmert wird; und auS diesem Wurzelstock erhebt sich sein gerechter und vorurtheilsfreier Geist zu den Höhepuncten echten Menschenthums. Auf diesem idealen Standort hat schon der Jüngling daß Sternenbanner der politischen und soeialeu Emancipation seiner im mittelalterlichen Truck feftgebannlen Glaubens- und Stammesgenvfsen aufgepslanzt; von ihm aus sandte er sicher und weithintressend seine klingenden Pfeile. Auch ist es ihm stets ein heiliger Ernst um die Durchführung dieses Freiheitskampfes mit allen persönlichen Mitteln und Opfern, wie er selbst auch nicht athmen mag in der dumpfen Riederung der Knechtschaft. Als in Hamburg einst der aufgereizte Haufe die jüdischen Gäste aus einem össentlichen Loeal mit schimpflicher Gewalt vertrieb, stellte er sich mnthig als Zielscheibe des Unglimpfs der wüthenden Menge gegenüber, und da auch gegen ihn, den sonst hochgeachteten Mitbürger, die unreinen Waffen sich richten, schüttelt er den Staub von den Füßen und verläßt mit seinen Angehörigen die geliebte Heimath, mu, nicht ohne große Opfer, anderswo sein Zelt aufzuschlagen. Es war eine historische Sühne dieses Vorganges, daß Riesser schon wenige Jahre später von seinen zu besserer Einsicht in religiös-politischen Dingen gelangten Landsleuten zur Uebernahme eines der höchsten Richterämter in seine Vaterstadt zurückgerufen wurde. Ter organische Zusammenhang in Niessers ganzem Bildungsgänge mit den Traditionen einer alljüdischen Familie von aristokratischer Tlbssammnng und eonservativ religiösen Sympathien eröffnet uns das Verstandniß für zwei besonders prägnante Züge in seiner literarischen Physiognomie. Der erste ist die fast aufsällige Erscheinung, daß Riester trotz seiner ein weites Gebiet des Wissens umfastenden Bildung und seines warmen Interesses für alle Zeitfragen der Politik, Literatur und Kunst sich doch mit engster Ausschließlichkeit in seiner schriflslellerischen Thätigkeit auf das Feld der sogenannten „Judenfrage" beschränkte. Er selbst empfindet dieses Eingesponner.sein in einem engen Bannkreis des Fühlens, Denkens und Handels als eine gewisse Einseitigkeit, ohne indessen auch nur den Versuch zu machen, sich aus ihr zu befreien. Sein literarischer Kampf für die Emancipation der deutschen Juden, den er mit nie ermüdender Streitfertigkeit räumlich über alle deutschen Territorien, sachlich über alle Angrisfsgebiete der politischen, wissenschaftlichen und sogar belletristischen Arena erstreckte, gilt ihm als eine stets drängende Lebensaufgabe. Wie eine treue Schildwache läßt er dann und wann sehnsüchtig sein Auge auch außerhalb des Kreises schweifen, der für ihn die Welt einschließt; aber er widersteht der Verlockung, dcu einmal übernommenen schweren Posten zu verlassen. Mit seltener Bescheidenheit — die überhaupt eine seiner schönsten Charaktereigenschaften bildet — mißtraut er sogar seinen Fähigkeiten auf andern allgemeineren Gebieten, während wir beim Anschauen seiner Leistungen das traurige Gefühl nicht unterdrücken können, daß ein großer Bruchtheil seiner geistigen Kräfte gleichsam zum Todtliegen verurtheilt ist. Riesser war nach seinem ganzen Naturell vorzugsweise auf das Praktische angelegt, wenn er auch das Reale jederzeit mit dem Medium der speeulativen Theorie zu durchdringen und zu ergründen wußte. Um in das praktische Staatsleben eingreifen zu dürfen, wonach vor Allem sein Sinn stand, bewarb er sich um das Staatsbürgerrecht in Kurhesten; die Erlangung eines Mandats in die dortige Ständekammer war lange das höchste Ziel seines politischen Ehrgeizes. Inzwischen versagte er es nicht, im Aufträge der hessischen Negierung für sie einige Civilprocesse als Anwalt zu führen, bei denen staatsrechtliche Materien in Frage find, über die er eine kleine Monographie veröffentlicht hatte, um seine juristischen Fähigkeiten die praktische Feuerprobe bestehen zu lassen. Erst in dem letzten Stadium seines Lebens, nachdem ihn die Wogen der Märzrevolution in das Frankfurter Vorparlament, alsdann in die Nationalversammlung emporgetragen, wo er bald eine so geachtete, ja hervorragende Stellung als Mitglied des Präsidiums erlangte, ohne mühsames, keuchendes Emporklinnnen des persönlichen Ehrgeizes, ja ohne die zweideutige Hilfe der FraetiouScompromisse, sondern rein durch das allgemeine Zutrauen aller Parteien in seine Talente und seine politische Rechlschaffenheit — erst da entfaltet sein eigenthümlicher Genius die Flügel und trägt ihn weit über die Markscheide hinaus, jenseits deren er zeither das bescheidene väterliche Erbe angebaut