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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-27 · Heft 26 (27.6.1871) · p. Seite 511

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 26 (27.6.1871)
Date
1871-06-27
Page
Seite 511 (sequence 3)
Language
German
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511 werfen sollten, ob auch diese Dogmen mit dem entwickelten Verstände in unlösbaren Widerspruch traten, andrerseits aber Lohn und Strafe, Segen und Fluch, Vergebung der Sünden oder ewige Verdammniß von sich, den Priestern und dem Gehorsam und der Freigebigkeit gegen sie abhängig erklärten. Zu diesem Zwecke stellten sie sich selbst nicht blos als die einzigen -Interpreten der Gottheit dar, sondern sie dehnten ihr Strafrecht auch auf die bürgerliche und materielle Welt aus, auf Leben, Ehre und Eigenthum der Individuen, stellten die Priester!iche Macht als von Gott ausgehend über die weltliche, d. i. die gesellschaftliche Machtsphare, und strebten so danach, entweder die weltiche Macht mit der ihrigen zu vereinigen, oder sie sich unterzuordnen. Gelang das Erstere, so waren die Menschen unbedingt dem Willen der Priester unterworfen, wie in den römischen Cäsaren, in den Kalifen und ihren Rechtsnachfolgern, im Dalai Lama und anderwärts. Geschah es nicht, so entstand ein Kampf zwischen der geistlichen und weltlichen Macht, welcher bald zum Siege der ersteren, bald zu dem der letzteren führte, niemals aber ganz aufgegeben ward. . Man sieht leicht ein, wie zerstörend die in diese Form und auf diesen Standpunct gebrachte Religion einwirkte. Bei unparteiischer Prüfung wird man zwar zugestehen, daß in Zeiten allgemeiner Barbarei auch die priesterliche Obmacht wohlthätig für die Civilisation wirkte, indem ihr Einfluß immer doch nach manchen Seiten hin die Begriffe der Sittlichkeit, d. i. des Rechts, der Barmherzigkeit und Liebe, und die geistige Entwickelung aufrecht erhielt und zu verwirklichen strebte. Sie konnte sich theils ihres eigentlichen religiösen Inhalts nicht ganz entkleiden, theils lag es in ihrem eigenen Interesse, die Wildheit der Barbaren zu zähmen und ihren Einfluß durch Bethatigung zu stärken. Aber sowie die Menschheit an einer gewisien Grenze angelangt war, wandelte sich der wohlthätige Einfluß der Priestermacht in das Gegentheil. Der Geist sollte unterjocht bleiben, und sobald er sich freier bewegen wollte, sobald er einem Dogma nicht zustimmte, einer Ceremonie sich entzog, die göttliche Macht des Priesters bezweifelte, wurden alle Mittel angewandt, um dies zu verhindern und zu bewältigen. Man begnügte sich nicht, jede geistige Regung mit der ewigen Berdammniß zu verurteilen, sondern unter dem Vorwände, die Religion zu schützen und die Ehre Gotteö zu vertheidigen, wurden Gefängniß, Foltern, Gütereonsiscationen und die schmählichsten Todesstrafen an gewendet; Religionskriege der furchtbarsten Art entzündeten sich, welche Völker gegen Völker, Weltteile gegen Welttheile, aber auch die Bürger eines Landes unter einander in den zerstörendsten Kampf führten und zu der äußersten Verwilderung brachten. Was wir hier gesagt, brauchen wir nicht erst zu erweisen; die Tafeln der Menschengeschichte sind voll davon, und gerade die blutigsten derselben erzählen von solchen Kämpfen. Fragen wir nur, wie hat sich das Judenthum hierzu verhalten? Wir können sagen, theilS seine Anlage, theils der Charakter des ihm angehörigen Volksstammes , theils die geschichtliche Stellung, welche die Vorsehung diesem angewiesen, hielten mit geringer Ausnahme das Judenthum davon frei. Die heilige Schrift berichtet uns selbst, daß es erst bestimmter Erfahrungen, wie sie sich in der Geschichte vom goldenen Kalbe manifestiren, bedurfte, um eine Priesterfamilie als unumgängliches Bedürfniß aufzustellen. Die Stellung aber, welche dieser Priestercaste schon das mosaische Gesetz gab,, der Wegfall eines mythologischen und dogmatischen Ausbaus, die Richtung nach politischer Freiheit im Volke, das Erstehen des Prophetismus und aus diesem das des freien Lehrerstandes, nahmen im Judenthume dem Priester den Boden für die Entwickelung hierarchischer Gewalt, und so zeigt uns die Geschichte desselben nur wenige und kurze Momente, in welchen sich die weltliche Herrschaft in der Hand eines Priesters befand, und die spateren Institutionen unterwarfen selbst den Hohenpriester dem allgemeinen Recht und versagten ihin außer den ihm obliegenden Pflichten jeden Machtanspruch. Der Untergang des Tempels mit dem Opferdienste verwischte das Dasein einer Priestercaste bis zu bloßem Schatten, und die Stellung, welche seitdem der jüdische'Stamm in der Welt einnahm, machte diesen nur zum Opfer der Priestermacht und der Verirrungen derselben. Es sind daher nur einige vereinzelte Thatsachen in der Geschichte des Judenthnms, welche einen echter Religiosität entgegengesetzten und culturfeindlichcn Charakter erweisen. Der jüdische Stamm hat die Waffen stets nur zur Vertheidigung, niemals aber zur Ausbreitung seiner Religion und zur religiösen Vergewaltigung anderer Nationen geführt. Die Kreuzigung Jesu war nach den neuesten Erweisen kaum ein Ausfluß des religiösen Fanatismus, sondern vielmehr ein Act der römischen Politik. Erst die Feinde der Juden stempelten sie zum ersteren, um für sich die Berechtigung fanatischen Haffes daraus zu ziehen. Allerdings haben in dem während der Belagerung Jerusalems sich abspelcuden Bruderkampfe re- 26*

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