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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-27 · Heft 26 (27.6.1871) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 26 (27.6.1871)
Date
1871-06-27
Page
Seite 510 (sequence 2)
Language
German
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510 wollen nur eine nebensächliche Thatsache anführen. In den ersten Capiteln des!. Buch MosiS werden die wichtigsten Erfindungen der Vorzeit allesammt gewiffen Männern , die namentlich angeführt werden, zugeschrieben, während die alten Mythologien dieselben stets auf Götter zurückführen oder die Erfinder zu Göttergestalten machen. Dahingegen lehrt das JudcnLhum ein unmittelbares Verhalten Gottes zum Menschen, welches in der Vorsehung, in der Vergeltung und in der Offenbarung bestehe , während auf die sinnliche Welt Gott mittelbar durch die Gesetze wirkt, nach denen er sie hat werden lasten, werden und bestehen läßt. Hierdurch ist nach dem Zudenthume Gott die Quelle der religiösen Erkenntnis und der Sittlichkeit, letztere sowohl für den Einzelnen, als auch für die Vereinigung der Menschen, für die Gesellschaft, den Staat. Die Grundsätze und Vorschriften dieser Sittlichkeit werden vom Standpuncte der bloßen Nützlichkeit innerhalb der Gesellschaft und der natürlichen Anlage innerhalb des Gewissens zur Stufe des göttlichen Willens, der Bestimmung des Menschen durch Gott, also des ganzen Verhältnisses des Menschen zu Gott erhoben , und somit die Sittlichkeit religiös. Die Vorschriften derselben und ihre Ausführung werden Forderungen Gottes an den Menschen, unterliegen der göttlichen Beobachtung und sind Gegenstände der göttlichen Vergeltung. Es ist unleugbar, daß diese Gesichtspuncte mehr oder weniger auch schon in den älteren Religionen der Völker vorhanden waren, aber unklar und gerade durch die spätere mythologische Entwickelung verschwommen , wie es bei dem oben gezeichneten Grundcharakter derselben nicht anders möglich war. Erst das Judenthum trat hier mit dem vollen Lichte auf. Schon in seinem Grundgesetz, den Zehn-Worten, reiht es in den einfachsten und bestimmtesten Formeln an die Erkenntniß, Anbetung und Heiligung des einzigen, unkörperlichen Gottes, des Schöpfers der Welt, die Grundlagen der ganzen menschlichen Gesellschaft in der Heilighaltung der Familie (Aeltcrn und Kinder, Ehe», des Lebens und des Eigenthums, und an diese für den Einzelnen die Pflicht der Wahrhaftigkeit und der Ausrottung jeder bösen Begierde nach dem Eigenthum des Nächsten. Von hier aus verkündete cs theils in allgemeinen Aussprüchen, theils in specielle Gesetze ein gekleidet, die weiteren Grundzüge der menschlichen Gesellschaft, in der Ausübung des Rechtes ohne Ansehen der Person, in der Gleichstellung Aller vor dem Gesetze, in der persönlichen Freiheit, in der Verhinderung der Ucberbereicherung und der Ueberverarmung, in dem Bcdürfniß wohlthätiger Veranstaltungen «. s. w. In diesem kurz gefaßten Bilde tritt uns lebendig en>uegen, aus welche Weise die Religion, und zwar in entschiedenster Gestalt innerhalb des Judenlhums, für die Civilisation gewirkt hat, noch jetzt wirkt und ewig wirken wird. Ohne sie wäre die Civilisation ans die bloße Nützlichkeit und die schwankenden Regungen der menschlichen Empfindung (das Gewissen) beschränkt gewesen, während die Religion das ganze menschliche Thun und Lasten in den höheren Jdeenkreis erhebt, die Völker wie die Individuen den Forderungen der Gottheit unterwirft und durch die göttliche Vergeltung zur Nothweudigkeit macht. So wurde die Religion die vorzüglichste Begründerin und Pflegerin der Civilisation. Allein, sobald die Religion aus dem ideellen Kreise auf das Gebiet des Concreten trat, zu einer bestimmten sichtbaren Erscheinung wurde und äußerliche Gestalt annahm, wurde sie zu einer menschlichen Institution, uuo von da ab vermochte sie aus ihrem eigenen Kreise den Zerstörungstrieb der menschlichen Natur nicht zurückzuweisen oder zu verbannen. Ebenso wie die Erzeugniste der Civilisation wurde auch die Religion zu Werkzeugen und Mitteln der Zerstörung, der Uncuttur gemißbraucht. Die Herrschsucht und die Habgier bemächtigten sich der religiösen Institutionen und schufen der Religion Institutionen an, bis diese oft genug zum geraden Gegentheil von dem wurden, was die Religion zu ihrem Grundwesen hatte und als ihre Grundgesetze verkündete und fortwährend lehrte. Die Procedur war einfach. Ueberall hatte man das Bedürsniß gefühlt, der Religion, um sie wirksam in die Erscheinung treten zu lasten, besondere Träger zu schassen, deren Lebensberuf es sein sollte, die Religion zu lehren und ihr Einfluß auf die Menschen zu bereiten, sowie das Bedürsniß, der Anbetung Gottes gewisse Formen und Weisen zu geben, deren Vollzug das Amt jener Männer wurde, also Priester und gottesdienstliche Ceremonien. Dieses an sich natürliche und gerechtfertigte System trug nun bei seiner weiteren Entfaltung die Keime des Uebels unaufhörlicher Consiicte und großer Zerstörung in sich. Die Priester wollten sich theils in ihrem Fanatismus für die Religion, theils aus persönlichen Motiven der unbedingten Herrschaft über die Menschen bemächtigen. Sie bedienten sich hierzu zweier Motive, indem sie einerseits die religiöse Erkenntniß in bestimmte Dogmen formulirtcn, welchen sich die Geister in blindem Glauben unbedingt unter-

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